Pinneberg
Norderstedt

Stiftungs-Bus bringt Senioren auf Touren

Im Rollstuhl reisen? Gehbehinderte Schenefelder fahren mit Mensch Mobil an die Eider

Schenefeld/Norderstedt. 10Uhr am Mittwoch: Vor dem Schenefelder Rathaus hat sich eine große Menschentraube gebildet. Sie alle zieht es an die Eider. Den Tagesauflug samt Fähretörn, Falkenflugshow und Fischbüffet hat der Schenefelder Seniorenbeirat organisiert. Das Besondere: Unter den 44 Reisenden sind auch zahlreiche Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, und die es normalerweise sehr schwerhaben, an solchen Fahrten teilzunehmen. In diesem Fall ist das anders.

Bevor die Tour beginnt, geht es für Traute Tiedemann hoch hinaus. Mittels einer Hebebühne kann die Schenefelderin bequem in den Bus einsteigen. Was für Fahrer Bodo Offenborn nur ein kleiner Knopfdruck ist, bedeutet für Tiedemann ein großes Stück Freiheit. Denn dass sie und die anderen zahlreichen Schenefelder, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, an diesem Tag überhaupt mitkommen können, klappt nur dank der Stiftung Mensch Mobil und deren besonderen Reisebuses. Der ermöglicht nicht nur den barrierefreien Einstieg, sondern verfügt auch im Innenraum über eine Extraausstattung.

Denn auch die Toilette ist barrierefrei. Mit Hilfe eines Lifts, der auf einer Schiene durch den Mittelgang im Bus bis zum jeweiligen Sitzplatz geschoben wird, können gehbehinderte Menschen das im hinteren Teil der Busses untergebrachte große WC während der Fahrt benutzen. Schwerbehinderte im Faltrollstuhl können so aber auch ihre jeweiligen Plätze erreichen oder verlassen. Bis zu elf Gäste fahren pro Tour in Elektrorollstühlen mit, dafür lassen sich einige der Sitzplätze ausbauen.

„Ich bin froh, dass es so etwas gibt. Ich könnte an diesem Ausflug sonst nicht teilnehmen“, sagte Friederike Pavenstedt am Mittwoch, die sich auch in der Arbeitsgruppe Barrierefreiheit für den Abbau von Hindernissen einsetzt. Die Schenefelderin ist auf einen Elektrorollstuhl angewiesen und nutzt wie Tiedemann bequem die Hebebühne, um in den Bus zu kommen. Aber auch andere Senioren, denen das Treppensteigen schwerfällt, nutzen diesen Weg, um in den Bus zu gelangen.

Doch diese Extraausstattung kostete 80.000 Euro, der Bus selbst ist 240.000 Euro wert. Allerdings handelt es sich bei dem Gefährt um keine Neuanschaffung. Den Initiatoren der Stiftung mit Sitz in Norderstedt gelang es, den Bus aus Trier gebraucht zu erstehen, wie Offenborn erläutert. Der hat nicht nur an diesem Tag das Steuer in der Hand, er gehört auch zu den Mitbegründern von Mensch Mobil. Der heute 67-Jährige arbeitete bis zu seinem Ruhestand 2007 für die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH). Er war stellvertretender Betriebshofleiter in Quickborn und in dieser Funktion erreichten ihn immer mal wieder Anfragen nach barrierefreien Linienbussen. Denn viele Reisebusse sind für die spezielle Klientel nicht eingerichtet.

„Es kann doch nicht sein, dass Menschen die ohnehin benachteiligt sind, an solchen Reisen nicht teilnehmen können oder in extra Bussen hinterhergekarrt werden“, erklärt Offenborn seine Motivation. Ihn ließ das Problem nicht los. Im Ruhestand suchte er nach Unterstützern. Bei Reiseunternehmen habe er wenig Anklang mit seiner Idee gefunden. „Zu speziell, zu teuer, nicht unsere Baustelle“, berichtet Offenborn von den Antworten. Doch dann fand er in Gisela Iffland eine Mitstreiterin. Sie stellte das Stiftungsgeld zur Verfügung. Offenborn gehört zum Team der ehrenamtlichen Helfer. Er steuert unter anderem den barrierefreien Bus, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut.

Seit rund drei Jahren bringt Mensch Mobil Gehbehinderte auf Touren. 2013 wurden 4686 Gäste transportiert, davon saßen 502 im Rollstuhl. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es 4113 Personen, von denen 428 auf den Rollstuhl angewiesen sind. Der barrierefreie Bus rollt zum Selbstkostenpreis für Vereine, Seniorenheime und andere soziale Einrichtungen über deutsche Straßen. Ziel der Stiftung ist es, die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung zu verbessern, ihnen unter anderem mit dem Bus die Möglichkeit zu geben, an Freizeitangeboten teilzunehmen. Für die Zukunft haben sich die Initiatoren von Mensch Mobil vorgenommen, eine Art Kulturzentrum zu schaffen. Die Idee: Aus einem Bauernhof einen Begegnungsort für Jung und Alt zu machen. Das Projekt steckt aber noch in den Kinderschuhen.