Pinneberg

Jugendliche machen sich ein Bild von Kunst

Projekt „Barlach go young“: Kunstbotschafter präsentieren vom 22. Mai an ihre Ergebnisse in einer Ausstellung

Den Blick für Details schärfen, Alltägliches in einem anderen Licht betrachten und sich ein Bild von Kunst machen: All das sind Ziele von „Barlach go young“ – ein im Kreis Pinneberg in dieser Form einzigartiges Projekt des Ernst Barlach Museums in Kooperation mit Wedeler Schulen. Dabei geht es darum, Jugendliche zu Kunstbotschaftern auszubilden, ihnen die Museumsarbeit und die von Kulturschaffenden deutlich zu machen. Nach einem vor allem theoretischen Teil geht die Aktion jetzt in die heiße Phase. Erstmals setzen Schüler ihre Ideen auch in die Tat um, zum Beispiel während eines Fotoseminars an der Fachhochschule Wedel.

Nadja Körner und Sophia Dorsch sitzen konzentriert vor einem Bildschirm. Darauf: ein Ottifant, der in einem Blütenmeer badet. „Heller“, „dunkler“, „schärfere Konturen“? Als Team überlegen sie, wie das von Nadja inszenierte Foto am besten wirkt. Die 17Jahre alte Schülerin Nadja aus Moorrege hat mit Hilfe von Kursusleiter Joscha Schell den Elefanten zuvor in Szene gesetzt. Das liebenswerte Plüschtier, benannt nach Erfinder Otto Waalkes, ist eines der Requisiten, die die Workshop-Teilnehmer selbst mitbringen sollten. Sie waren aufgefordert, Dinge beizusteuern, die ihnen wichtig sind. Es galt, ein Erinnerungsstück, die geliebte Kleidung oder auch etwas Technisches wie Kopfhörer aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Denn aus dem übergeordneten Motto „Haben oder Sein“ des Barlach-Kunstprojekts leitete Schell für die Fotokünstler den Leitgedanken „Haben oder Schein“ ab. Dem 29-Jährigen ging es darum, den Jugendlichen in dem Workshop aufzuzeigen, dass die Darstellung eine große Rolle spielt, oft sogar mehr als der Wert des Gegenstandes selbst. „Wir alle sind Profis im Lesen von Bildern, sonst könnten wir uns in der Welt gar nicht zurechtfinden. Aber das passiert unterbewusst. Wie bestimmte Effekte erzielt werden, wissen nur wenige“, erklärt Schell, der an der Kunsthochschule Kassel und dem Goldsmiths College London studierte und jetzt in Hamburg lebt. Ein in Musikvideos, Hochglanzmagazinen oder sozialen Netzwerken vermitteltes Image hänge nicht vom Besitz eines Menschen, sondern von der Darstellung ab.

Was ist Fiktion, was Fakt? Mit welchen Mitteln werden Bilder bearbeitet und verändert? Wie verschwinden zum Beispiel Falten aus einem Gesicht? Wie kann der Titel einem Bild einen weiteren Sinn verleihen? All das erfuhren die Teilnehmer im Alter von 15 bis 17 Jahren im theoretischen Teil. Ihr Wissen setzten sie am selben Tag in die Tat um.

Herausgekommen sind dabei spannende Fotos von zerbrochenen CDs, verwinkelten Kopfhörern und eben im Blütenmeer schwimmenden Plüsch-Elefanten. Auch so etwas Einfaches wie eine günstige Dekopuppe wirkt dank geschickt eingesetzten Sonnenlichts wie ein funkelndes Juwel, wie die 15 Jahre alte Teilnehmerin Carolin Martens mit ihrem Bild zeigt. Marieke Leidner, 16, aus Wedel ist sich mit den anderen Teilnehmern des Workshops am Ende einig. Sie sagt: „Ich werde Bilder in Zukunft ganz anders ansehen.“

Doch nicht nur die Jugendlichen haben etwas von dem Projekt. Ihre Fotos sowie die in den anderen geplanten Workshops entstehenden Werke sollen in einer Ausstellung von Donnerstag, 22. Mai, an zu sehen sein. Die Eröffnung ist für 17 Uhr geplant. In derzeit freien Flächen in den Welau Arcaden an der Bahnhofstraße dürfen die Jugendlichen sich austoben. Denn sie steuern nicht nur die Ausstellungsstücke bei, sondern werden auch die Präsentation eigenständig organisieren. Dafür werden die Schüler zu Nachwuchsexperten ausgebildet. Sie machen freiwillig in ihrer Freizeit mit, müssen dank Fördermitteln vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung nichts bezahlen und bekommen ein Zertifikat ausgestellt. 15 Jugendliche wurden bislang zu Museumsbotschaftern ausgebildet. Sie bieten jetzt eigene Führungen an, leiten Schülergruppen durch die derzeitige Lüpertz-Ausstellung im Ernst Barlach Museum in Wedel. Die Ausstellung in den Welau Arcaden ist bis zum 31. Mai zu sehen, und zwar täglich außer sonntags von 16 bis 18 Uhr.

Die Ergebnisse aus zwei weiteren Seminaren sollen ebenfalls ausgestellt werden. Besonderer Beliebtheit erfreut sich bei den Jugendlichen der Installations-Workshop von Marit Gromus. Mit 15 Teilnehmern sind bereits alle Plätze belegt. Die Jugendlichen werden mit der Künstlerin aus Gegenständen wie Getränkedosen, Zeitungen und Verpackungsmüll eine Rauminstallationen entwickeln. Für einen Graffiti-Workshop können sich Jugendliche noch spontan anmelden. Johann Lucht bringt ihnen am 16. und 17. Mai die Facetten der Street-Art-Kunst näher. Eine Anmeldung ist unter der Telefonnummer 04103/918291 möglich.

Ursprünglich waren zwei weitere Kunstseminare geplant, ein Rapworkshop sowie ein Aktionskunstprojekt. Beide mussten mangels Teilnehmern ausfallen. Ob es an der kurzfristigen Anmeldefrist oder den Terminen lag, wollen die Organisatoren des Kunstprojekts in den kommenden Wochen kritisch hinterfragen. Denn die Aktion soll 2015 fortgeführt werden.