Pinneberg
Neuendorf

Am 1. Mai heißt es wieder „Hol Över!“

Früher wurden Hühner jeden Tag hin und her chauffiert. Heute sind es Ausflügler, die die Fähre Kronsnest im frisch restaurierten Eichenboot nutzen

Seester/Neuendorf. Bei Niedrigwasser könnte man beinahe rüber springen. Aber bei Hochwasser ist die Krückau rund 40 Meter breit und trennt Seester im Kreis Pinneberg von Neuendorf im Kreis Steinburg. Dann erspart Deutschlands kleinste Personenfähre vielen eine Überlandfahrt von 20 Kilometern. Das massive Eichenboot liegt frisch lackiert und generalüberholt, mit einer Plane abgedeckt, am Ufer. Doch schon am 1. Mai wird am Fähranleger Kronsnest der Betrieb wieder feierlich aufgenommen.

Dank großzügiger Spenden konnte der Kahn mit dem Namen „Hol över“ in der traditionsreichen Bootswerft Hatecke in Freiburg an der Elbe frisch kalfatert werden. „Dort wurde es 1993 auch gebaut“, sagt Hermann Röttger vom Fährverein. Beim Kalfatern werden die Nähte zwischen hölzernen Schiffsplanken mit Werg (Hanf) und Teer abgedichtet. „Das Werg wird mit Kalfateisen unter Gebrauch eines Kalfathammers in die Nähte geschlagen, bevor diese mit Pech verschlossen werden.“ Die letzte große Restaurierung liegt acht Jahre zurück. Nun war es wieder an der Zeit. Auch die Eisenschienen an der Unterseite des Bootes mussten erneuert werden.

Kein Wunder, denn die Fähre ist während der Saison zwischen Mai und Oktober stark frequentiert. An gut besuchten Tagen setzt das Holzboot bis zu 80 Mal über den Elbe-Nebenfluss. Bis zu sieben Fahrgäste und Räder können pro Überfahrt transportiert werden. Während die Fähre Kronsnest früher eine wirtschaftlich wichtige Verbindung zwischen den beiden Landkreisen darstellte, dient sie heute als Touristenattraktion und Abkürzung für Radfahrer und Wanderer.

In Ruhezeiten warten die Fährleute auf der Neuendorfer Seite in einem umgebauten Bauwagen auf Passagiere und werden von diesen auf die Seesteraner Seite durch Läuten einer Glocke und durch ein freundliches „Hol över“ herübergerufen. Diese Tradition findet sich auch in dem Namen des Bootes wieder.

„Wir setzten jedes Jahr 7000 Leute über“, sagt Niels-Uwe Saß, Zweiter Vorsitzender und einer der neun Fährmeister, die mit Hilfe eines Riemens den Kahn durch Wriggen antreiben. Zwei sind neu dazugekommen und haben ihren Fährführerschein frisch bestanden. Wriggen will gelernt sein. „Wir freuen uns immer über neue Mitglieder“, sagt Saß. Zu tun gibt es immer was. Die Aufgaben reichen vom Fahrkartenverkauf über Kuchen backen für die Raststätte „Sööte Eck“ (immer sonntags und an Feiertagen geöffnet), Dienst im kleinen Museum „Stöpenkieker“ bis hin zum Rasenmähen.

Helke Petersen bereitet gerade die Ausstellung „Zeitreise“ im Museum vor. „Wir wriggen uns durch die Geschichte von 1576 bis heute“, sagt die 50-Jährige. 1576 wurde die Fähre erstmals urkundlich erwähnt. Bis zur Eröffnungsfeier am 1. Mai ist noch einiges zu tun. Einige Schwarz-Weiß-Fotografien hängen schon. Auf einem ist eine Schar Hühner zu sehen, die täglich mit der Fähre ans andere Ufer übersetzten. „Die mussten abends gar nicht mehr zusammengetrieben werden und warteten schon immer am Ufer“, sagt Petersen.

Die Fähre war über Jahrhunderte hinweg ein wichtiges Verbindungsglied innerhalb eines alten Handelsweges. Ganzjährig wurden hier rund um die Uhr Menschen, Tiere und Waren über die Krückau befördert. „Der jeweilige Besitzer der auf Neuendorfer Seite direkt hinter dem Deich gelegenen Katenstelle, dem späteren Fährhaus Kronsnest, hatte das Privileg des Fährbetriebs“, sagt Röttger.

Aus wirtschaftlichen Gründen musste der Fährbetrieb 1968 eingestellt werden. Am 1. Juni 1992 gründete sich in Neuendorf der „Verein zur Förderung und Erhaltung der historischen Kronsnester Fähre als Denkmal auf dem Wasser“, und belebte den Fährbetrieb als Touristenattraktion wieder. Durch ehrenamtliche Mitglieder und mit Hilfe der Freiwilligen Feuerwehren der beiden Gemeinden und regionalen Firmen wurden die stark verschlickten Zuwegungen ins Flussbett freigelegt und das Umfeld der Fähre rekonstruiert. Mit einem großen Fest zu beiden Seiten des Flusses wurde die Fähre am 1. Mai 1993 eingeweiht und der Fährbetrieb wieder aufgenommen – als nach eigenen Angaben kleinste Personenfähre Deutschlands und einzige handbetriebene Fähre in Schleswig-Holstein.

Betriebszeiten der Fährstelle, Kronsnest 7, in Neuendorf (Kreis Steinburg) vom 1. Mai bis 3. Oktober an Wochenenden und Feiertagen jeweils von 9 bis 13 Uhr und von 14 bis 18 Uhr. Preise für eine Fahrt über die Krückau inklusive Fahrrad: Kinder bis zwölf Jahre 0,50 Euro, Jugendliche und Erwachsene 1 Euro, Familienkarte 2,50 Euro. Gruppen können nach vorheriger Anmeldung unter 04121/21399 (von 18 Uhr an) und je nach Tide auch außerhalb der Betriebszeiten übersetzen.