Pinneberg
Elmshorn

In Chansons das Leben erzählen

Sängerin Anna Haentjens gastiert zu Ostern mit einem Ringelnatz-Programm auf dem Wedeler Theaterschiff Batavia

Wedel/Elmshorn. Bedrucktes Papier, wohin das Auge blickt. Tausende von Notenblättern, dazu Gedichtbände, Autobiografien, Romane und Kunstbücher stapeln sich auf Regalen. Sie füllen die Schränke und Kommoden in der Elmshorner Wohnung der Sängerin Anna Haentjens. Ein neblig-elegantes Blau auf mehr oder weniger allen Wänden, Polstern und Holzmöbeln beherrscht die Einrichtung.

Schon der erste Blick in dieses Künstler-Zuhause legt die Vermutung nahe, dass Haentjens keine halben Sachen macht. Wenn etwas sie begeistert, verfolgt sie es konsequent. Ob es nun das Meer und die Farbe Blau sind oder die Kunstform, der sie sich bereits ein ganzes Berufsleben lang erfolgreich widmet: Anna Haentjens’ Leidenschaft gehört dem Chanson.

„Mich fasziniert, dass man in diesen Liedern das Leben erzählen kann“, sagt die zierliche Blondine. In der musikalischen Spezialdisziplin an der Grenze zwischen Singen und Sprechen kann ihr in der Region kaum jemand das Wasser reichen. „Singen wollte ich immer“, sagt sie. Gedichte gehörten in ihrem Elternhaus so selbstverständlich zum Alltag wie Essen und Schlafen.

Dutzende von Programmen hat Haentjens, die gemeinsam mit ihrem früheren Ehemann Gerhard Folkerts 1983 den Kreiskulturpreis und 2008 den Kulturpreis der Stadt Elmshorn gewann, in mehr als drei Bühnenjahrzehnten entwickelt und aufgeführt. Von Bert Brecht bis Lale Andersen und Hildegard Knef, von Künstlern der Weimarer Republik bis zu fast vergessenen Komponisten, die vor den Nationalsozialisten ins Exil geflüchtet waren, reicht die Palette der Themen.

Zu Haentjens’ Lieblingen gehört Kurt Weill. Immer wieder gastierte sie mit Chansons und Geschichten rund um den 1950 verstorbenen Komponisten der „Drei-Groschen-Oper“ auf Einladung der Kurt-Weill-Gesellschaft in dessen Geburtsstadt Dessau. Ihre Kunst führt sie kreuz und quer durch Europa, auf Bühnen zwischen London, der Bretagne und Budapest. Am Ostersonntag, 20. April, führt sie auf dem Wedeler Theaterschiff Batavia am Brooksdamm gemeinsam mit Batavia-Käpt’n Hannes Grabau die Ringelnatz-Revue „Ostern – frisch gefärbt und kunterbunt“ auf.

Begleitet von Pianist Sven Selle singen und spielen die beiden Bühnenprofis schräge Hafenballaden und halbseidene Spelunkenlieder und tragen hintersinnige Gedichte wie zum Beispiel „Wenn die Schokolade keimt“ vor. „An Ringelnatz gefällt mir die Sprache. Mich fasziniert sein Lebensweg, das Schräge und Tiefsinnige an diesem Menschen“, sagt Haentjens. Das Konzert beginnt um 20 Uhr. Karten zu jeweils 15 Euro gibt es unter Telefon 04103/858 36.

Dass Anna Haentjens nicht wie zunächst geplant, Musiklehrerin wurde, sondern den Sprung auf die Chansonbühne wagte, liegt vor allem an der Begegnung mit dem Pianisten und Komponisten Manfred Schmitz. Haentjens hatte der gefeierten Brecht-Interpretin Gisela May 1978 bei einer zufälligen Begegnung in Ost-Berlin gesagt, dass man ihre Art zu singen im Westen nicht studieren könne. Daraufhin lud May die junge Sängerin spontan zu einem Musikseminar nach Weimar ein.

Dort begegnete Haentjens Schmitz. „Wie jeder Teilnehmer musste ich zunächst ein Lied von Brecht vortragen, und Manfred Schmitz begleitete mich am Klavier.“ Sie sang das Lied zunächst streng nach Noten, wie sie es gelernt hatte. „Viel zu hoch“, sagt sie heute. „Das passte überhaupt nicht zu meiner Stimme.“ Schmitz unterbrach sie: „Sprechen Sie mal was.“ Dann transponierte er das komplette Lied um einen Quinte nach unten, Haentjens sang im zweiten Anlauf alles um satte fünf Noten tiefer. Ein Schlüsselerlebnis für sie: „Da war ich plötzlich in meiner Stimme zu Hause.“

In Chanson-Werkstätten gibt sie ihr Wissen an junge Sänger weiter

Denn Chanson, das lernte sie damals, bedeutet anders als klassischer Liedgesang eher einen Wechsel von Sprechen und Singen. „Man bedient natürlich die Töne, aber man spricht auch darauf. Genau das ist die Kunst.“ Dass beim Chanson jeder Interpret seine persönliche Tonhöhe finden muss, das habe Schmitz ihr beigebracht. „Von da an wusste ich, was ich wollte.“

Entsprechend aufwändig gestaltet sich die Vorbereitung der Chanson-Werkstätten, in denen sie seit fast 25 Jahren ihr Wissen an Schüler weitergibt. Vor dem Kursus bespricht sie mit jedem Schüler dessen Wunsch-Lieder und transponiert sie dann Note für Note von Hand. „Manchmal geht es nur um einen Halbton, aber der macht eben den Unterschied.“

Seit 2005 ist die Chanson-Werkstatt in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule eine feste Reihe in Elmshorn. Überhaupt fühlt Haentjens sich wohl in der Stadt: „Kultur wird hier sehr wertgeschätzt.“ Es gebe viele engagierte Menschen, die sich zum Beispiel im Torhaus oder an der Nikolaikirche für Kunst und Musik einsetzten. „Das Famose ist, dass wir uns untereinander nichts neiden.“

Seit 2008 leitet sie als Vorsitzende des Vereins Haus 13 die Kleinkunstbühne an der Adolfstraße. „Wir machen das als Team sehr demokratisch und schaffen es, glaube ich, eine bunte Mischung aus Kabarett, Chanson und Comedy anzubieten.“ Das Haus 13 sei eine Perle, wie man sie mit der Lupe suchen müsse.