Lutzhorn

Als der Kreis 200 Hektar verlor

Heimatforscher Helmut Trede hat die Geschichte des Heidmoors und der Neuziehung der Kreisgrenze aufgeschrieben

Barmstedt/Lutzhorn. Er hat schon die Hörner-Dörfer beschrieben, die Ortsgeschichte Lutzhorns untersucht und die Rantzauer Schlossinsel für die Nachwelt publizistisch aufbereitet. In seinem neuesten Werk widmet sich Helmut Trede, der in Bokel lebt und das Stadtarchiv von Barmstedt leitet, dem Heidmoor. Der Buchtitel lautet: „Vom Gefangenenlager zum Weltflughafen“. Es beschreibt die Entwicklung dieses Gebietes, das elf Gemeinden zwischen Lutzhorn, Bokel, Lentföhrden und Mönkloh umfasst und heute zum Kreis Segeberg gehört, obwohl es bis 1951 dem Kreis Pinneberg angehörte.

„Wegen seiner Randlage hat sich noch nie jemand mit dem Heidmoor beschäftigt“, sagt Trede über seine Beweggründe, diese 176 Seiten umfasende Abhandlung zu schreiben, die ihn zwei Jahre Arbeit gekostet hat. „Dabei bietet es interessante und spannende Geschichten.“ Das Buch, das mit 110 Bildern und Karten illustriert ist, schildert bislang unbekannte Aspekte über diese nördlichste Region des Kreises.

Trede beginnt seine heimatkundliche Forschungsarbeit mit dem Mönkloher Vertrag von 1578. Dieser beendete die Gebietsstreitigkeiten zwischen dem Schauenburger Grafen, dem Kloster Uetersen und dem König von Dänemark und sorgte für eine Grenzziehung, die zur landwirtschaftlichen Besiedelung dieses Gebiets führte und Jahrhunderte lang gelten sollte.

Schnurgerade verlief diese Grenze seitdem vom Rantzauer Staatsforst bei Lutzhorn quer durch das Heidmoor bis nach Langeln an der B4 und bildet bis heute die Kreisgrenze mit Ausnahme des Ortes Heidmoor, der 1951 gegründet und dem Kreis Segeberg zugeordnet wurde. 200 Hektar Land verlor der Kreis Pinneberg dabei an den Nachbarkreis. Der schnurgerade Grenzverlauf, der 373 Jahre galt, macht hier plötzlich einen Zickzack-Kurs. Ein historischer Eingriff, der lange vergessen war und nun von Trede wiederentdeckt wurde.

Diese abgelegene Landschaft nutzte das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg, um dort russische und französische Kriegsgefangene zum Torfabbau einzusetzen. Bis in die 1950er-Jahre wurden dort Hunderte Strafgefangene gehalten. Siedler aus dem Baltikum seien von 1920 an dorthin gelockt worden, indem ihnen Preußen Land im Heidmoor versprach, berichtet Trede. „Doch das war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das ertragsarme Geestland war für die Bauern zu klein und trug keine Früchte.“ Viele der Kolonisten mussten trotz ihrer Mühen ihre Höfe wieder aufgeben. Trede: „Das ist mit die schlechteste landwirtschaftliche Anbaufläche in Schleswig-Holstein.“

Gleichwohl ließ Preußen hier 1935 die 607 Hektar große Versuchsanstalt Lentföhrden errichten, die Untersuchungen für Land-, Vieh- und Milchwirtschaft unternahm. Dieses Versuchsgut blieb bis 1973 bestehen. Dabei beschäftigten sich die bis zu 80 Mitarbeiter auch mit radioaktivem Fallout und seinen Auswirkungen auf Pflanzen und Tiere. So wurden Pflanzen gezielt mit Strontium-90 kontaminiert und untersucht, wie stark Kuhmilch und Viehfutter verseucht waren. Bis in die 1960er-Jahre hinein boten sich die Atommächte einen regelrechten Wettlauf beim oberirdischen Zünden von Atom- und Wasserstoffbomben. Erst 1963 einigten sich die USA, Großbritannien und die Sowjetunion über ein Atomtest-Stopp-Abkommen.

Eine wahre Goldgräberstimmung in dieser Region entfachte der Plan, in unmittelbarer Nähe einen neuen Großflughafen als Ersatz für den Airport Fuhlsbüttel zu bauen. Die Flughafengesellschaft kaufte 2000 Hektar Land und Wald auf, die sie bis heute bewirtschaftet. Der Bau des Flughafens Kaltenkirchen scheiterte zwar 1980 vor Gericht, geistert aber bis heute durch Debatten und nährt Hoffnungen von Fluglärmgegnern rund um Fuhlsbüttel. Lärm fürchteten damals auch die Bewohner von Barmstedt und Lutzhorn vom Großflughafen, dessen Planung sie jahrzehntelang in ihrer Ortsentwicklung einschränkte. Trede: „Aber der Traum vom Luftkreuz des Nordens zerplatzte.“ Ohnehin ist für den Autor die Geschichte des Heidmoors „eine Chronologie des Scheiterns“.