Pinneberg

Wenn aus Heinos Platte eine Schüssel wird

Pinneberger Schülerfirma „reTune“ produziert Dekoartikel aus alten Schallplatten. Mit dem Projekt nimmt sie am Programm Junior teil

Pinneberg. Wenn Heino das gewusst hätte. Seine schöne Schallplatte „Sonntagskonzert“, erschienen im Musikverlag EMI, ist hin. Nicht mehr zu gebrauchen. Schüler der Johannes-Brahms-Schule in Pinneberg haben aus Heinos Album und zwei anderen Schallplatten – „Liebestränen“ von Erik Silvester (Columbia) und „Ein Amerikaner in Paris“ von George Gershwin (Decca) – eine dreiteilige Etagere gebastelt. Künftig werden auf Heino, Silvester und Gershwin Bonbons und Kekse liegen. Klänge sind diesen Scheiben nicht mehr zu entlocken.

ReTune heißt die Schülerfirma, die 13 Pinneberger Schüler ins Leben gerufen haben. Die Zwölftklässler recyceln Schallplatten und formen aus diesen Dekorationsartikel wie Schüsseln, Uhren und Etageren. „Aus den Vinylplatten fertigen wir in Handarbeit hochwertige Dekoartikel, die dabei auch noch nützlich sind“, sagt die Geschäftsführerin von reTune, Pauline Seyfert. „Wir erinnern so auch an die schöne alte Zeit der Schallplatten. Um die Nostalgie nicht verkommen zu lassen, achten wir darauf, die Namen der Titel zu erhalten, damit jeder Kunde ein kleines Stück persönliche Vergangenheit mit unseren Produkten verbinden kann.“

Die 13 reTune-Schüler haben fünf Abteilungen gegründet: Geschäftsführung, Technik, Marketing, Verwaltung und Finanzen. Aber wenn es ums Plattenverwerten geht, packen alle mit an: Zu Hause kommen die alten Vinylscheiben bei 120 Grad in den Backofen. Dann riecht es ein wenig, aber nicht unangenehm. Nach ein bis fünf Minuten lassen sich die Platten formen.

Verkauft werden die Stücke in der Schule. Bald vielleicht auch in einem Blumenladen in Borstel-Hohenraden, bei der Jugend des Deutschen Roten Kreuzes in Prisdorf und in der Pinneberger Rathauspassage am Wochenende. Und natürlich gibt es die Kunstplatten auch online über die eigens erstellte und designte Homepage www.retune-art.de. „Die im Internet bestellten Produkte kommen dann mit der Post oder von uns persönlich an den Kunden“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Dustin Pacholleck. Auch im sozialen Netzwerk Facebook ist die Schülerfirma präsent. In den ersten zwölf Stunden haben 100 Nutzer die Seite „geliked“.

Die Handwerkskammer und die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein sowie das schleswig-holsteinische Wirtschaftsministerium sind voll des Lobes über Schülerfirmen: Sie böten Schülerinnen und Schülern „ideale Möglichkeiten, sich beruflich im Schutzraum der Schule auszuprobieren“, heißt es im Internet. „Eine Schülergruppe gründet eine Firma – keine echte, aber es werden echte Produkte oder Dienstleistungen angeboten. Die Schülerfirma agiert vorwiegend im Schulumfeld und stellt keine Konkurrenz zu richtigen Firmen dar. Schülerfirmen dienen der Förderung von Verantwortung, Teamarbeit und Eigeninitiative der Schüler und vermitteln praxisnah Wissen über die Wirtschaft und Wirtschaftszusammenhänge. Gleichzeitig fördern sie die frühe Berufsorientierung. Sie dienen der Vermittlung von Medienkompetenz und Schlüsselqualifikationen, wecken Unternehmungsgeist und machen Mut zur Selbstständigkeit.“

Die Pinneberger Schüler nehmen teil am Schülerfirmenprogramm Junior vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Seit dem Start 1994 haben mehr als 75.000 Schüler an den Junior-Programmen teilgenommen. Bislang haben sich mehr als 5500 Schüler aus Schleswig-Holstein bei Junior engagiert. In diesem Schuljahr haben sich 40 Schülerunternehmen im nördlichsten Bundesland angemeldet.

„Am Anfang haben wir nicht gedacht, dass alles so komplex ist“, sagt Geschäftsführerin Pauline Seyfert. Die Abteilungen müssen sich abstimmen, Termine und Ziele eingehalten werden. Es gibt Konzepte für Flyer, Pressemappen, Logos, die Homepage. Alle Mitarbeiter müssen ihren Stundenlohn – 50 Cent – überwiesen bekommen. Und Junior bekommt 17 Prozent der ausgezahlten Löhne.

Einen eigenen Schallplattenspieler hat übrigens niemand der reTuner mehr im Zimmer daheim. Aber es gibt noch ein paar Schallplattenspieler in den heimischen Wohnzimmern. Da legen die Väter der Pinneberger Jungunternehmer dann The Beatles, The Rolling Stones und The Doors auf. Heino ist nicht dabei.