Pinneberg

Treppe heißt für viele Endstation

Rollstuhlfahrer haben es schwer in der Kreisstadt Pinneberg. Vor allem der Bahnhof sorgt noch immer für Probleme

Pinneberg. Eigentlich fährt Wilfried Witzorski ganz gerne mit der Bahn. Aber in Pinneberg wird der Weg zum Zug für ihn jedes Mal zu einer Qual. „Ich komme einfach nicht zu vielen Zügen“, sagt der Pinneberger. Witzorski ist Rollstuhlfahrer. Wenn er am Bahnhof ankommt und etwa zu den Bahnsteigen vier und fünf will, ist für ihn Endstation. Gefühlt endlos lange Treppen versperren ihm den Weg. Einen Fahrstuhl gibt es nicht. Die einzige Rolltreppe am Bahnhof hilft ihm nicht. „Das ist peinlich für eine Kreisstadt“, sagt Witzorski.

Wenn er mit der Bahn fahren will, muss er mit einem Zug am gegenüberliegenden Bahnsteig zunächst in die entgegengesetzte Fahrtrichtung fahren, an anderen, barrierearmen Bahnhöfen umsteigen, um dann endlich seine eigentliche Zielfahrt beginnen zu können. Doch selbst das klappt nicht immer: In die Regionalbahn passt der Rollstuhl nämlich nicht hinein, er ist zu breit für den Einstieg, in dessen Mitte Metallstangen montiert sind.

Es ist nur eines von vielen alltäglichen Beispielen in Pinneberg, die Witzorksi das Leben schwer machen. Und das seit vielen Jahren. Claus-Dieter Westphal kennt diese Probleme gut. Als Vorsitzender des Seniorenbeirates der Stadt Pinneberg und Mitglied des Kreisseniorenbeirates werden ihm regelmäßig Beispiele zugetragen, wo Renter, Behinderte oder junge Mütter mit Kinderwagen in ihrer Mobilität regelrecht ausgebremst werden. „Viele der Probleme könnten theoretisch relativ schnell beseitigt werden. Das Problem ist, dass überall das nötige Geld hierfür fehlt“, sagt Westphal.

So auch in Pinneberg. In der hochverschuldeten Kreisstadt sollte der Umbau des Bahnhofes eigentlich schon längst angegangen worden sein. 2011 hieß es aus dem Rathaus: Spätestens 2012 werde mit dem Umbau begonnen. Im Sommer 2013 war immer noch nichts geschehen, die beantragten Fördermittel für den Umbau, sie kamen einfach nicht. „Die Pläne für einen barrierefreien Bahnhof, sie liegen schon seit unzähligen Jahren in den Schubladen. Weil aber das Geld fehlt und weil immer wieder Kleinigkeiten umgeplant wurden, ist bis heute nichts geschehen“, sagt der Seniorenbeiratsvorsitzende.

Der Bahnhof ist nicht die einzige Baustelle, die die Stadt dringend angehen müsste. Dieter Göllner ärgert sich zum Beispiel über die Drostei und das benachbarte Museum. Göllner ist auf eine Rollator angewiesen, um sich vorwärts zu bewegen. Treppensteigen ist auch für ihn fast unmöglich. „Ich verstehe, dass die Drostei wegen des Denkmalschutzes nicht groß umgebaut werden kann. Es ärgert mich aber, denn an den kulturellen Veranstaltungen dort kann ich so gut wie nie teilnehmen. Ich komme einfach nicht die Stufen hin-auf“, sagt Göllner. Auch Westphal meint, dass es eigentlich eine Schande sei, dass die Drostei für Gehbehinderte kaum zugänglich ist. „Denkmalschutz ist notwendig. Es ist auch logisch, dass viele Umbauten deshalb nicht möglich sind und auch gar nicht erst ermöglicht werden sollen, um den Zustand des Hauses zu erhalten. Doch wenn es sich um kulturelle Zentren handelt, müsste man überlegen, inwiefern eine Lockerung des Denkmalschutzes nicht doch möglich ist“, sagt Westphal. Dass Bürger vom kulturellen Leben etwa wegen einer fehlenden Rollstuhlrampe ausgeschlossen werden, das sei bitter, sagt er.

Auch viele Arztpraxen und Geschäfte sind für die in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen oftmals unzugänglich. Beispiel Elmshorner Straße: Dort sind für Witzorski und Göllner fast alle Ärzte unerreichbar. Es gibt zwar einen Fahrstuhl – doch zu dem gelangt man nur über eine Treppe. „Ich muss als Pinneberger immer nach Uetersen fahren, um meine Augen ärztlich untersuchen zu lassen. Das ärgert mich“, sagt Witzorski. Und auch wenn er in ein Restaurant wolle, gebe es immer wieder Probleme. Kaum ein Einzelhandelsgeschäft oder eine Gastronomie habe sich auf Rollstuhlfahrer eingestellt.

Der Grund hierfür sei, so Westphal, dass es keine öffentlichen Fördermittel für Geschäfte gebe, um Barrieren zu beseitigen. Die Kosten müssten privat getragen werden. Nur wenige, wie etwa der Edeka-Markt an der Saarlandstraße, hätten an Rollstuhlfahrer bei der Planung gedacht. Das Geld, das für einen Umbau notwendig wäre, hätten aber viele der kleineren Gastronomen und Ladeninhaber nicht. „Hier stößt die Barrierefreiheit abermals an ihre Grenzen. Eine Lösung haben wir nicht parat“, sagt Westphal.

Im Wohnungsbau sei man beim Thema Barrierefreiheit dagegen schon weiter, auch wenn lediglich zwei Prozent des Wohnraumes in Deutschland barrierefrei seien, bei einem gleichzeitigen aktuellen Bedarf von mindestens zehn Prozent. „Hier wächst wenigstens in der Branche und in den städtischen Fachausschüssen zunehmend die Erkenntnis, dass wir wegen der Alterspyramide immer mehr barrierearme oder barrierefreie Wohnungen brauchen“, sagt Westphal. Ein gutes Beispiel, wie es gehen könne, sei die Rockvillestraße, wo barrierefreies Wohnen ermöglicht wird. Doch nicht alle Investoren denken so weit voraus. Viele würden barrierefreie Bauten von vornherein ablehnen, da die Kosten höher gegenüber konventionellem Bauten seien.

Der schleswig-holsteinische Landesseniorenrat hält dieses Argument für eine Ausrede der Baubranche. „Deshalb haben wir im Landesseniorenrat in Kiel einen Antrag verabschiedet, mit dem bei Neubauten zu ermitteln ist, wie hoch die Zusatzkosten bei einer Barrierefreiheit wären“, sagt Westphal. Dann habe man harte Fakten, die sicher Auswirkungen auf die Baubranche haben würden. Die Mehrkosten werden von Experten auf drei bis zehn Prozent bei durchschnittlichen Neubauten geschätzt. „Uns ist klar, dass eine barrierefreie Welt nicht möglich ist. Aber wenn wir schon die Möglichkeit haben, etwas neu zu planen und zu bauen, dann sollten wir wenigstens bei diesen Projekten die gängigen Probleme beseitigen“, urteilt der Seniorenratsvorsitzende. Mit der Satzung will sich der Landtag bis März 2014 befassen. Dann wird entschieden, ob diese verbindlich oder aber abgelehnt wird.