Wedel

Aufstand im Fahrradkeller

Radler sind sauer über Wedels Gebührenpläne für Abstellboxen am Bahnhof, während Autofahrer nichts zahlen

Wedel. Das Neonlicht flimmert. Es stinkt. Zwischen den mit Graffiti beschmierten Wänden und den Drahtkäfigen würde sich gut ein Horrorfilm drehen lassen. Ein Horror der anderen Art treibt derzeit die Nutzer der Käfige um, die in diesen Katakomben des Park-and-Ride-Parkplatzes am Wedeler Bahnhof ihre Räder parken. Vor kurzem teilte ihnen die Stadtverwaltung mit, was bereits seit Monaten beschlossene Sache ist: Von 2014 an bittet Wedel aufgrund der schlechten Haushaltslage die hier nach Schutz suchenden Radfahrer zur Kasse. Der bislang kostenlose Service, sein Rad in einer der 54 Boxen relativ sicher zu verwahren, wird von 2014 an gebührenpflichtig, und das sorgt für Ärger und Unverständnis im Fahrradkeller. Die Radler haben sich organisiert und sammeln Unterschriften.

Darunter ist auch Martin Hinkel. Der Rektor, der in Hamburg an einer Schule tätig ist, schwingt sich jeden Morgen in Holm auf sein Fahrrad. Der Ablauf ist genau getaktet. Gegen 6.30 Uhr kommt er am Wedeler Bahnhof an, die Zugang zur Box wird aufgeschlossen, das Rad kommt in eine der schmalen Boxen – und ab in den Zug, bevor der gen Hamburg davonrollt. Das macht der Holmer schon seit zehn Jahren so. Doch jetzt soll er für den Verwaltungsaufwand zahlen. 65 Euro pro Jahr für einen Stellplatz in den knapp bemessenen Doppelboxen. Das ärgert Hinkel. „Es sieht so aus, als wolle man nur wieder irgendwoher Geld kriegen. Möglichst die Löcher stopfen, egal ob dann andere Löcher aufgerissen werden. Mit Nachhaltigkeit hat das alles nichts zu tun“, kritisiert er. Ihn ärgert besonders, dass die angrenzenden Park-and-Ride-Parkplätze kostenlos bleiben. Die Stadt honoriere damit diejenigen, die statt aufs Rad aufs Auto setzen.

Für den umgekehrten Schritt hat sich Martina Marray entschieden. Die Wedelerin steigt zweimal die Woche in die S-Bahn, um zur Arbeit zum Berliner Tor nach Hamburg zu kommen. Anfangs fuhr sie mit dem Auto zum Bahnhof, dann wechselte sie aufs Rad. Umweltschonender, günstiger – und sie musste nicht jeden Morgen um einen Parkplatz kämpfen. Nachdem ihr aber zweimal das in den Fahrradständern abgestellte Rad gestohlen wurde, entdeckte sie die Boxen für sich. Seit etwa einem Jahr ist sie Nutzerin. „Ich bin auch bereit, etwas dafür zu bezahlen“, sagt sie. Doch dafür erwartet sie zum einen die Gleichbehandlung aller Pendler. Denn auch ihr ist es ein Dorn im Auge, dass die Autofahrer besser davonkommen. „Wenn man auf das Auto verzichtet, wie wir das als Familie machen, dann wird einem das echt schwer und teuer gemacht“, kritisiert sie. Zum anderen empfindet sie den jetzt aufgerufenen Preis als zu hoch für den gebotenen Service. Die Tür klemme, und die Reinigung ihrer Box, in die ständig Flaschen geschmissen werden oder auch mal jemand seine Notdurft verrichte, übernehme sie selbst.

Das sehen auch Hinkel und seine zahlreichen Mitstreiter so. „Es macht nicht den Eindruck, als wenn sich jemand für diese Boxen zuständig fühlt“, sagt Wolfgang Lösekann, der seit zwölf Jahren eine Box nutzt. Er zeigt auf die völlig verstaubten und in Vergessenheit geratenen Drahtesel in einigen der Boxen, die laut den regelmäßigen Nutzern bereits seit Jahren diese Abstellmöglichkeiten blockierten. In der Stadtverwaltung gebe es wechselnde Ansprechpartner, und niemand würde sich darum bemühen, dass die Boxen auch von Pendlern genutzt werden.

Zumindest das wird sich dank der Gebühr jetzt ändern. Dafür wird der für die städtischen Fahrradboxen im Wedeler Rathaus zuständige Fachbereich Bauen und Umwelt sorgen. Klaus Lieberknecht leitet diese Verwaltungsabteilung. Er beziffert die Kosten für die Reinigung und den jetzt anfallenden Verwaltungsaufwand für das Eintreiben der Gebühren sowie die Schlüsselvergabe gegen Pfand auf etwa 8000 Euro pro Jahr. Sprich: die Einnahmen von 130 Euro pro Doppelbox bei 54 Stück decken kaum die städtischen Ausgaben. Lieberknecht: „Die Entscheidung, Nutzungsgebühren zu erheben, ist letztlich der Haushaltslage geschuldet. Aber jeder hat die Chance, das anders zu regeln. Es ist nur ein Angebot der Stadt.“

Was die Gleichstellung mit den Autofahrern angeht, vertröstet er die Radfahrer. „Grundsätzlich wird über eine Parkraumbewirtschaftung nachgedacht, die auch die Park-and-Ride-Anlage einbezieht.“ Allerdings sind diese Stellplätze bei der Diskussion im Planungsausschuss am 5. November über die Parkplatzgebühren in Wedel ausgeklammert. Grund: Es soll ein gemeinsames Konzept mit Hamburg geben. Dafür wird es am 5. November von 18 Uhr an im Rathaus um ein für Autofahrer teures neues Gebührenpaket gehen. 461 Stellplätze von Bahnhofstraße bis Elbestadion sollen der Stadt etwa 470.000 Euro pro Jahr bescheren.