Schenefeld

„Auch in mir stecken Gut und Börse“

Kabarettist Piet Klocke gastiert am 8. November in Schenefeld. Er bricht eine Lanze für die sogenannte Provinz

Schenefeld. Piet Klocke gilt als Jacques Tati der deutschen Kabarettszene. Wenn der rothaarige Schlaks aus Essen in kunstvoll verhaspelten Halbsätzen und sprunghaften Assoziationen Politik, Gesellschaft und nicht zuletzt sein Publikum durch den Kakao zieht, lachen seine Fans in den Theatersälen und an den Fernsehschirmen der Republik Tränen. Live macht er sich in diesem Herbst allerdings im Norden rar. Seine einzigen beiden Gastspiele gibt er in Lübeck – und in Schenefeld. In der Reihe „Drostei unterwegs“ stellt er dort am 8. November sein Programm „Kann ich hier mal eine Sache zu Ende?!“ vor. Im Abendblatt-Interview bricht Klocke eine Lanze für die sogenannte Provinz.

Hamburger Abendblatt:

Sie treten am 8. November in der Kleinstadt Schenefeld im Kreis Pinneberg auf. Dieser Landkreis gilt zumindest in Norddeutschland als Inbegriff provinzieller Spießigkeit. Wie wappnen Sie sich für Ihr Publikum?

Piet Klocke:

Ich benutze diese zweifelhaften Kategorien „spießig“ oder „nicht spießig“ nicht. Wir sind Menschen und tragen womöglich, je nach Wetterlage, beides in uns. Von daher bemühe ich mich, mit den Zuschauern einen angenehmen, anregenden, schönen Abend zu verleben.

Und wie sollte sich Ihr Publikum für Sie wappnen?

Klocke:

Die meisten kennen mich aus den kurzen TV-Einsätzen. Diesmal spreche ich über meine letzte Buch-Veröffentlichung. Möglicherweise eine weitere künstlerische Facette. Der Mensch dahinter aber bleibt immer Piet Klocke.

Wie würden Sie den Begriff „Provinz“ definieren?

Klocke:

„Provinz“ besitzt bei vielen den Geruch des Rückschrittlichen, Gemächlichen, die Aura des Dörflich-Bürgerlichen. Da sollte man schön aufpassen. Ich kenne im Super-Berlin mehr verkleidete Provinzler als in so mancher Kleinstadt!

Finden Sie die Provinz für Sie eher anstrengend oder erholsam?

Klocke:

Für mich sind Bühnenauftritte generell ein Freudenquell, egal wo.

Ihr Sprachwitz in der Rolle des zerstreuten Professors Schmitt-Hindemith ist von scheinbar sprunghaften Assoziationen, Halbsätzen und fein gedrechselten Versprechern gekennzeichnet. Sie haben den löchrigen Satzbau zur Kunstform verfeinert. Warum reden Sie nicht einfach geradeaus?

Klocke:

Ich liebe die deutsche Sprache, und gerade deshalb höre ich sehr genau hin. Die Missverständlichkeiten, Doppelbödigkeiten, die Ausdrucksmöglichkeiten, die sprachlichen Eigenarten, die große Sprachästhetik und das rhetorische Scheitern, all das ist spannend und hat mich schon immer brennend interessiert.

Braucht man als Zuschauer Abitur, um Ihnen zu folgen?

Klocke:

Ganz und gar nicht! Gerade ich versuche ja, mit aller Kraft auf dem Boden einfacher Strukturierung zu bleiben, um die Dinge des Lebens, der verzwickten Weltverhältnisse erklären, gar interpretieren zu wollen. Wie kompliziert aber letztlich auch das scheinbar Einfachste daherkommt, wissen wir alle zur Genüge.

Auf welche Bühnenspäße verzichten Sie in Kleinstädten lieber?

Klocke:

Entschuldigen Sie, aber höre ich da einen leichten Zug Minderwertigkeitsgefühl? Lassen Sie uns einfach die Begriffe „Provinz“ und „Kleinstadt“ vergessen. Bühne ist Bühne!

Woher kommen Ihre Einfälle?

Klocke:

Aus dem Leben, aus den Beobachtungen des Alltags, aus den Gedanken über die Dinge, Ereignisse, Abläufe, Erfahrungen, Tragik, Macht und Ohnmacht des Lebens, über uns.

In Interviews haben Sie die Kabarettisten Loriot und Werner Finck als Vorbilder genannt. Was verbindet die beiden?

Klocke:

Ich bin Fan von beiden und vielen mehr, auch aktuellen Kollegen wie Jochen Malmsheimer, Theresa Hahl, Torsten Sträter, Sebastian Krämer. Werner Finck ist ein nicht nur politischer Sprachkünstler, Loriot ein Universalgenie!

Über welche Themen würden Sie sich niemals lustig machen?

Klocke:

Da gibt es eine Menge, das ist eine Frage des Anstands und des Respekts! Man kann sensibel und ohne Zynismus mit allen Behinderungen, jedem Leid umgehen, sofern man sich nicht darüber erhebt. Von daher ist der Begriff „Sich-Lustig-Machen“ falsch gewählt. Ich mache mich nicht lustig, ich bin ein Bote des komödiantischen Seins. Darunter verstehe ich, dass ich mich selbst nie ausnehme oder so tue, als ob nur ich allein „die goldene Nuss“ knacken könnte! Aber keine Sorge, auch in mir stecken „Gut und Börse“!

Das Programm „Kann ich hier mal eine Sache zu Ende?!“ mit Piet Klocke beginnt am Freitag, 8.November, um 20 Uhr im Forum Schenefeld, Achter de Weiden 30.

Karten zu jeweils 25 und 22 Euro, ermäßigt 18,70 Euro, gibt es unter Telefon 04101/21030 und im Internet unter www.drostei.de .