Schenefeld

„Darüber darf man auch lachen“

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Eike Pawelko

Das Theater Schenefeld wagt sich mit „Rain Man“ an das Thema Autismus. Pinneberg setzt auf Drama und Schwank

Pinneberg/ Schenefeld. Manche quält vor einer Premiere Magenkneifen. Anderen klopft das Herz vor Aufregung bis zum Hals oder die Schweißdrüsen ihrer Hände entwickeln ein unkontrollierbares Eigenleben. Doch bei Gerrit Meyer-Haack, 37, treibt das Lampenfieber besonders auffällige optische Blüten. „Meine Ohren leuchten dann so feuerrot, die müssen wir jedes Mal überschminken“, sagt der Schauspieler des Theaters Schenefeld. Da helfen weder die Zigaretten hinter der Bühne noch der rituelle letzte Blick ins Textbuch. Erst wenn die ersten Sekunden des Stücks unfallfrei überstanden sind, finden die Lauscher zu ihrer Alltagsfarbe zurück.

Am Freitag, 27. September, kurz vor 19.30 Uhr, dürften die Hörorgane besonders intensiv leuchten. Denn dann steht Meyer-Haack in einer der anspruchsvollsten Rollen seines Lebens vor der Premiere. An der Seite von Schauspielkollege Klaus Peter Fischer, 63, verkörpert er im Stück „Rain Man“ den Autohändler Charlie Babitt, den kleinen Bruder des Autisten Raymond Babbitt. Erst als es ans Erben geht, erfährt der smarte Egozentriker Charlie, dass er überhaupt einen Bruder hat.

Auf einer tagelangen Autofahrt quer durch die USA wandelt sich seine anfängliche Abneigung zunehmend in liebevolles Verständnis und sogar Bewunderung für den empfindsamen Raymond und dessen verborgene, ans Geniale grenzenden Begabungen.

Im gleichnamigen Film machte das Duo Dustin Hoffman/Tom Cruise das ungleiche Paar und die Erkrankung Autismus weltberühmt. Der Hollywoodstreifen gewann 1988 einen Oscar. Die Trauben hängen also ziemlich hoch für das ambitionierte Schenefelder Ensemble. Oder?

„Der Film ist so genial gespielt, daran können und wollen wir uns natürlich nicht messen“, sagt Regisseurin Birte Giesel. „Wir haben uns zwar manches daraus abgeguckt, vor allem, wie man einen Autisten glaubwürdig darstellen kann. Aber wir wollen ihn auf keinen Fall kopieren.“

Mit der Geschichte der schwierigen Annäherung zweier ungleicher Brüder wagen sich die für ihre mitreißend inszenierten Boulevardstücke gefeierten Schenefelder auf vergleichsweise sprödes Terrain. Allerdings gebe es auch hier eine Menge zu lachen, sagt die Regisseurin, die „Rain Man“ gegen die anfängliche Skepsis einiger Mitstreiter durchsetzte. „Es ist keine Tragödie, sondern die liebevoll erzählte Geschichte zweier ganz unterschiedlicher Menschen.“ Da komme es unweigerlich zu urkomischen Situationen. Ihr sei es aber wichtig, bei der Inszenierung die Balance zwischen Witz und Ernsthaftigkeit zu halten und daraus keinen lauten Klamauk zu machen.

Das Stück führt die gängige Kategorisierung von Menschen ad absurdum

Genau das ist auch für Charlie-Babbitt-Darsteller Meyer-Haack eine Herausforderung. Kaum einer seiner Schenefelder Kollegen erzeugt mit sparsamster Mimik so viel Witz wie er. „Nicht komisch zu sein, das ist viel Arbeit für mich“, sagt er. „Da muss ich mich ordentlich disziplinieren.“

Trotzdem und trotz der enormen Textmengen habe er sofort ja gesagt, als Regisseurin Giesel ihn fragte. „Wir tragen den Großteil der Handlung zu zweit, da müssen wir viel Farbe rüberbringen und unsere Figuren richtig ausspielen, das reizt mich.“

Das gilt erst recht für Fischer in der Titelrolle. „Ich sehe es als Herausforderung, in der Rolle deutlich zu machen, dass wir autistische Menschen oft verkehrt sehen“, sagt er. Man nehme an, sie seien weder in der Lage, tiefgehende Gedanken oder Emotionen zu haben noch sie auszudrücken. „Dieses Stück straft diese Annahmen Lügen. Es führt die Kategorisierung von Menschen als normal oder abnormal ad absurdum.“

Darf man als politisch korrekter Zuschauer trotzdem lachen? „Ja klar“, sagt Meyer-Haack. „In vielen Szenen bringt Raymond mich zur Weißglut, das ist oft saukomisch. Und darüber darf man auch lachen.“

Der Premierenvorhang hebt sich am Freitag, 27. September, um 19.30 Uhr im Bürger- und Kultursaal, Achter de Weiden 34. Danach ist das Stück noch fünf Mal zu sehen, und zwar am 28. und 29. September sowie am 4., 5. und 6. Oktober. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr, sonntags allerdings schon um 18 Uhr. Karten zu jeweils neun Euro, ermäßigt fünf Euro, gibt es unter 04101/415 08 oder im Internet unter www.theater-schenefeld.de.

In Pinneberg haben „Enigma“ und „Dat Kuckucksei“ jetzt Premiere

Die beiden Pinneberger Amateurbühnen setzen mit ihren Herbstinszenierungen andere Schwerpunkte. Sehr philosophisch geht es im Dialogstück „Enigma“ des Belgiers Éric-Emmanuel Schmitt zu, das den Premierenreigen am Sonnabend, 21. September, in der Ernst-Paasch-Halle, Lindenstraße 10, einläutet.

Ralf-Lutz Glor und Hans Molenda vom Forum Theater liefern sich in den Rollen des zurückgezogen am Polarkreis lebenden Literaturnobelpreisträgers Abel Znorko und des Journalisten Erik Larsen ein dramatisches Psychoduell, bei dem überraschende Wahrheiten ans Licht kommen. Die Premiere beginnt um 19.30 Uhr. Danach ist „Enigma“ noch am 22., 27. , 28. und 29. September zu sehen. Los geht es jeweils um 19.30 Uhr, sonntags bereits um 18 Uhr. Karten zu jeweils zehn Euro, ermäßigt 7,50 Euro, gibt es unter Telefon 04101/232 11.

Wer handfesten niederdeutschen Humor liebt, ist im Schwank „Dat Kuckucksei“ aus der Feder von Jürgen Pooch richtig, das die Pinneberger Bühnen im Geschwister-Scholl-Haus, Bahnhofstraße 8, zeigen. Die von Heike Nadler-Groth inszenierte Handlung dreht sich um die junge Betty, die kurz vor ihrer Heirat überraschend erfährt, dass sie adoptiert wurde. Dieser Umstand bringt nicht nur die Hochzeit in Gefahr, sondern führt auch zu allerhand vergnüglichen Verwicklungen. Die Premiere beginnt am Dienstag, 24. September, um 20 Uhr.

Weitere Vorstellungen gibt es am 25., 26., 27. und 28. September jeweils von 20 Uhr an. Am 28. und 29. September zeigt das Ensemble die Komödie außerdem jeweils ab 15 Uhr. Karten kosten neun Euro pro Person und sind unter Telefon 04101/232 11 erhältlich.

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