Tipps für Hartz-IV-Empfänger

Kritik an Pinneberger Jobcenter-Broschüre

| Lesedauer: 2 Minuten
Bernd-Olaf Struppek und Claudia Eicke-Diekmann

Auf das Vollbad verzichten. Waschmittel im Discounter kaufen. Pinneberger Spartipps für Hartz-IV-Empfänger sorgen bundesweit für Empörung. „Das sind Empfehlungen an der Menschenwürde vorbei.“

Kreis Pinneberg. Alte Möbel in Internet-Auktionen versteigern. Weniger Fleisch essen. Auf das Vollbad verzichten. Waschmittel im Discounter kaufen. Steine in den Spülbehälter legen, um beim Toilettengang Wasser zu sparen. Das sind lauter gut gemeinte Spartipps des Jobcenters des Kreises Pinneberg, veröffentlicht in seiner neuen Info-Broschüre „Arbeitslosengeld II Ratgeber“, die sich an Hartz-IV-Empfänger richtet. Diese Tipps und die Ansprache der Betroffenen in Form von Comics und vermeintlich lustigen Familiengeschichten stoßen regional wie bundesweit auf harsche Kritik.

„Völlig verunglückt“, bezeichnet Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, den Ratgeber. „Diskriminierung der Betroffenen“ wirft Awo-Vorstandsfrau Brigitte Döcker den Machern der Broschüre vor. Ähnlich sieht das Beate Raudies, SPD-Abgeordnete im Schleswig-Holsteinischen Landtag: „Mit dieser Broschüre ist das Jobcenter deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Die Broschüre erweckt den Eindruck, das Leben mit Hartz IV sei ganz einfach, wenn man sich nur an die Spartipps halte und allen Empfehlungen der Arbeitsagentur folgt.“ Der SPD-Bundestagsabgeordnete des Kreises Pinneberg, Ernst Dieter Rossemann, stimmt Rowdys zu: „Das sind Empfehlungen an der Menschenwürde vorbei. Das muss schnell korrigiert werden.“

Jörg Kregel, Sprecher des Jobcenters Kreis Pinneberg, nennt die Kritik an der Broschüre bedauerlich. Die Intention sei gewesen, für den Kreis einen Führer durch alle Bereiche des Jobcenters in leicht verständlicher Form anzubieten. Mit der Erstellung, die laut Kregel 8000 Euro gekostet hat, habe man dem Wunsch vieler Kunden entsprochen. „Von ihnen haben wir bisher überwiegend positive Rückmeldungen bekommen“, sagt Kregel. Das Jobcenter sei offen für Anregungen und Ergänzungsvorschläge, um sie später redaktionell einzuarbeiten.

Hans-Günter Werner, Geschäftsführer der Arbeitslosen-Selbsthilfe Wedel, versucht der Debatte um die Broschüre des Jobcenters etwas Positives abzugewinnen. „Uns ist es wichtig, dass Aufmerksamkeit auf die Hartz-IV-Problematik gelegt wird“, sagt der Pastor. Die Spartipps aus der Broschüre hält er für überflüssig. „Auf diese Ideen kommen die Betroffenen sowieso. Das braucht man ihnen nicht aufzuschreiben. Das sind Binsenweisheiten.“

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