Wedel

Filmspaß unterm Sternenhimmel

Auf dem Wedeler Theaterschiff "Batavia" steht die Wiege des Open-Air-Kinos im Kreis Pinneberg. Jetzt beginnt die Saison

Wedel. Ob Hannes Grabau, 73, Chef des Wedeler Theaterschiffs "Batavia", das Freilichtkino hierzulande nun tatsächlich erfunden hat, wie er selbst sagt, ist nicht belegt. Sicher aber ist: Sein "100.000-Sterne-Kino" ist nicht nur das vielleicht kultverdächtigste, sondern auch das traditionsreichste der vielen Projekte, die der kreative Gastronom und Kulturmacher vom Brooksdamm sich hat einfallen lassen. Und mit Sicherheit länger auf dem Markt als die Open-Air-Angebote im Elmshorner Skulpturenpark und im Quickborner Stadion. Seit 1975 flimmert Sommer für Sommer ein Mix aus Klassikern und Neuheiten, Filmpoesie und Action über die Leinwand, die Grabau und sein Team zwischen den Uferbäumen neben dem Dampfer aufspannen.

Jetzt, am Sonnabend, 22. Juni, startet die Reihe mit dem Film "Oh Boy" in die neue Saison. Bis einschließlich Sonnabend, 10. August, laufen insgesamt acht Streifen, darunter "Liebe", "Ziemlich beste Freunde" und "The King's Speech". Los geht es jeweils um 22 Uhr, der Eintritt ist frei.

Dabei hätte ausgerechnet diese Reihe, mehr als zehn Jahre älter als das "Pippi-Langstrumpf"-Kindertheater der "Batavia", beinahe schon bei der Premiere ein jähes Ende gefunden. "Besorgte Bürger hatten die Polizei gerufen, sie hatten Angst vor 'Hippieprotesten' in Wedel", sagt Grabau. Zu sehen gab es damals 'Monterey Pop', einen Film über das legendäre Festival im kalifornischen Monterey im Juni 1967, das als musikalischer Auftakt der Hippiekultur gilt. Grabaus erster Projektor, ein Bell & Howell, projizierte den Film damals noch auf die Kaimauer. Verstärker und Lautsprecher hatte er sich von Bekannten ausgeliehen, meterweise Kabel verlegt. Die Idee kam an. "Die Jugendlichen kamen zu Dutzenden und saßen überall", sagt der "Batavia"-Käpt'n. "Auf der Gangway, auf den Schiffsdecks, am Ufer. Auf der anderen Straßenseite zog die Polizei auf." Obwohl der befürchtete Aufruhr ausblieb, wurde das neue Freilichtkino verboten - wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Ein Jahr lang hielt Grabau still, dann spannte er seine Leinwand wieder auf, begründete seine neue Kinotradition mit "Easy Rider". Dieser Film gehört bis heute zu seinen Favoriten. "Wie die Sonne gleichzeitig im Film über der amerikanischen Prärie und hier über der Wedeler Marsch untergeht, das passt einfach gut hierher." Außerdem hat der "Batavia"-Chef ein Faible für die Filme von Werner Herzog und Jacques Tati, er schätzt die verfilmte Gründgens-Inszenierung des "Faust" und französische Produktionen. Die Idee fürs Freilichtkino brachte er aus Persien mit, wo den jungen Seemann der Filmspaß im Hafen unterm lauen Sommerabendhimmel fasziniert hatte.

Seitdem haben Hunderte von Produktionen Tausende von Cineasten in den luftigen Kinosaal hinterm Deich gelockt. Eingemummelt in Pullis und Decken sahen sie "Italienisch für Anfänger", "Sonnenallee", "Faust", "Willkommen bei den Sch'tis" oder "Die Kinder des Olymp". Der erfolgreichste Film? "Ganz klar 'Pretty Woman', das war der Reißer", sagt Grabau. Mehr als 500 Zuschauer teilten sich Stühle, Wiesen und Kopfsteinpflaster zwischen Schiff und Leinwand. Skurril ging's zu bei der "Rocky Horror Picture Show". "Da stürmten plötzlich zwölf wild kostümierte Leute auf die Bühne, warfen mit Reis und Klopapierrollen und verschwanden wieder", sagt Grabau. Auch den weit gereisten Werner-Herzog-Fan, der 174 Mal den Streifen "Fitzcarraldo" gesehen hatte, vergisst Hannes Grabau nicht. "Er hatte den Film überall auf der Welt gesehen, fand ihn aber hier am schönsten, weil das Mondlicht den Schattenriss der "Batavia" auf die Leinwand warf, so dass die 'Fitzcarraldo' quasi doppelt zu sehen war."

Der Inhalt des aktuellen Streifens ist für viele Besucher zweitrangig. Die eigentliche Faszination liegt in der Sonnenuntergangsidylle mit grasenden Schafen, dem weiten Blick in die Marsch, dem Duft der Elbe. Allerdings macht das norddeutsche Wetter den Kinomachern gelegentlich einen Strich durch die Rechnung. Die erste Leinwand riss ein Sturm mit, bei bestimmten Wetterlagen hüllt die auflaufende Flut Leinwand und Publikum in dichten Nebel. Geht's dann drinnen, im Schiff, weiter? "Nein, dann müssen wir einfach ein bisschen abwarten, bis sich der Nebel legt", sagt Grabau. Ein Umzug unter Deck steht nur bei Regen oder heftigem Wind an. "Die hartgesottenen Freiluft-Cineasten sind dann zwar sauer", sagt Grabau. Aber die Belastungsfähigkeit der 20 Jahre alten Leinwand habe Grenzen. Gerade spart er auf eine Nachfolgerin. Etwa 2000 Euro werde sie kosten, schätzt der "Batavia"-Chef.

Wenn der Filmfan Grabau privat ins Kino geht, dann am liebsten ins Hamburger Elbe-Kino, nach Uetersen oder ins Meldorfer "Puschenkino". "Da geht man wirklich mit Hausschuhen rein, sitzt an kleinen Tischchen - das ist 50er-Jahre-Flair pur."