Pinneberg

Ausstellung will Opfern ein Gesicht geben

Provokante Schau zu häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch im Kreiskulturzentrum. Kritik vom "Wendepunkt". Der Titel der Schau ist ebenso eindeutig wie einprägsam - "Opfer".

Pinneberg. Die Schockwirkung ist garantiert. Eine geschundene junge Frau blickt dem Betrachter entgegen. Blut läuft ihr aus der Nase. Es ist das (verletzte) Gesicht einer Ausstellung, die am heutigen Donnerstag, 13. Juni, im Kreiskulturzentrum Landdrostei eröffnet wird. Der Titel der Schau ist ebenso eindeutig wie einprägsam - "Opfer". "Es ist schon schockierend, was zu sehen ist", sagt Dietrich Anders vom Weißen Ring über das, was bis zum 22. Juni in der Drostei gezeigt wird. Die Opferhilfsorganisation, die im Kreis Pinneberg 30 Jahre besteht, hat die Ausstellung in die Kreisstadt geholt. Es geht um häusliche Gewalt und vor allem um den sexuellen Missbrauch an Kindern. Neben dem beschriebenen Portrait der Misshandelten steht in kleiner Schrift "Ich bin bloß die Treppe runtergefallen." Man wolle die Menschen zu diesem Tabuthema wachrütteln, das Schweigen brechen, heißt es vom Weißen Ring.

"Opfer" zeigt keine echten Opfer. Die Fotos verletzter, missbrauchter und gedemütigter Frauen und Kinder sind nachgestellt. 16 Studenten der Bauhaus Universität Weimar haben sich in künstlerischer Form des Themas angenommen. "Es ist Kunst, keine Dokumentation", sagt denn auch Stefanie Fricke, künstlerische Leiterin des Kulturzentrums. Dass die Drostei diese Art Ausstellung zeige, sei ungewöhnlich. "Aber wir sehen es als unsere Aufgabe, Kommunikationszentrum zu sein und auch solche gesellschaftlichen Themen abzubilden", so die Hausherrin. "Der Wirkung kann sich niemand entziehen", sagt Stefanie Fricke.

Ingrid Kohlschmitt, Geschäftsführerin des Elmshorner "Wendepunktes", der sich seit vielen Jahren vor allem um die Hilfe für Missbrauchsopfer kümmert, steht der Ausstellung in der Drostei sehr kritisch gegenüber. Sie verweist auf die mögliche Wirkung, die die Fotos und Grafiken auf Betroffene haben könnten: "Es kann beim Betrachten der Bilder zu sogenannten Flashbacks kommen. Man sollte nicht das Aufrüttelnwollen über die Interessen der Opfer stellen."

Der Weiße Ring will sehr wohl Hilfestellung anbieten. So sollen durchweg ein oder zwei Mitglieder der Hilfsorganisation in der Drostei sein. Laut den Organisatoren ist die Schau für Schüler ab Klassenstufe acht geeignet. Dietrich Anders hatte im Vorwege annähernd 100 weiterführende Schulen aus der Region angemailt - die Resonanz ist bislang sehr gering. Ingrid Kohlschmitt vom "Wendepunkt" glaubt, dass der Weiße Ring fachlich an seine Grenzen stößt: "Es ist generell gut, wenn sich möglichst viele Einrichtungen mit dem Thema sexueller Missbrauch beschäftigen. Wir haben es aber bei den Opfern mit Menschen mit schweren psychischen Schäden zu tun. Da müssen Profis ran, guter Wille reicht nicht."

Inhaltlich bemängelt die Fachfrau, dass Missbrauchsopfer mit der provokanten Ironie mancher der Bilder gar nicht umgehen könnten. Ingrid Kohlschmitt bezieht sich auf das Foto eines kleinen, blonden Mädchens, unter dem zu lesen ist: "Diese Hure hat ihren Onkel verführt."

Der Eintritt zu der Schau ist frei. Gastgeberin Stefanie Fricke von der Landdrostei möchte nicht, dass junge Leute "unvorbereitet hier reinstolpern". Das gilt vor allem für einen Raum im Obergeschoss, wo man besonders schockierende Bilder zeige. An anderer Stelle macht die Kombination von Wort und Bild die Wirkung aus. Zum Beispiel beim Foto eines gemütlich eingerichteten Kinderzimmers, über dem das Wort "Folterkammer" prangt.

Am heutigen Donnerstag sowie am Donnerstag, 20 Juni, ist die Ausstellung von 11 bis 18 Uhr geöffnet, ansonsten mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr. Für Montag, 17. Juni, und Dienstag, 18. Juni, können Lehrer unter Telefon 04101/40 86 92 Extratermine vereinbaren. Heute ab 18 Uhr spricht Eva Maria Lutz, ehemalige Jugendrichterin und heutige Vorsitzende des Kinderschutzbundes, über "Kinder als Opfer von Gewalt". Ab 18.30 Uhr berichtet eine Kriminalkommissarin über ihre Arbeit im Zusammenhang mit Sexualstraftaten. Und am 20. Juni, liest ab 18 Uhr der Leiter der Itzehoer Mordkommission, Siegfried Lindhorst, aus seinem dritten Roman "Tote Hoffnung".