Benehmen ist keine Glückssache

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Jörg Frenzel

Premiere im Kreis: Jörg Riemer aus Wedel hat die Prüfung zum Trainer für Umgangsformen vor der Handelskammer abgelegt

Sitz gerade!", "Schmatz doch nicht so!", "Nimm den Ellenbogen herunter!" - verantwortungsvolle Eltern mühen sich schon bei den Kleinsten um zivilisiertes Benehmen bei Tisch. Und wenn Jahre später die Kompetenzen in puncto "guter Ton" nach der Kinderstube einer Auffrischung bedürfen, dann greift Jörg Riemer ein. "Achten Sie bitte darauf: Wenn Sie einmal das Besteck zur Hand genommen haben, darf es nie wieder auf die Tischdecke gelegt werden. Sind Sie mit dem Essen fertig, legen Sie es in der 17-Uhr-Stellung auf den Teller." Feinheiten um Umgang mit dem Besteck sind nur einige der Informationen, die Riemer geben kann. Denn als erster im Kreis Pinneberg hat er vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) seine Prüfung zum "Trainer für Umgangsformen" absolviert. Sein Credo: "Benehmen ist keine Glücksache, sondern braucht nur ein bisschen Training."

Das ist oft nötig, denn bei Tisch stehen viele Fettnäpfe, in die man treten kann: "Gläser mit Stiel fasst man auch daran an, Weingläser hält man nicht wie Cognacschwenker. Ist man in ein Restaurant eingeladen, bestellt man in der Regel immer ein preiswerteres Gericht, als der Gastgeber, es sei denn man wird ausdrücklich dazu ermuntert, die gleiche Speise zu wählen", sagt Riemer.

Tipps zu gutem Benehmen bei Tisch füllen Bände. Allein der Unter-Aspekt "Serviette" ist gewaltig: Wann nimmt man sie auf? (unmittelbar vor dem ersten Gang.) Wie positioniert man sie? (auf den Schoß legen, Umbinden höchstens bei einem Krebs-Essen), Wie nutzt man sie? (tupfen statt wischen und zwar vor jedem Griff zum Glas) Wo gehört sie nach dem Essen hin? (links neben den Teller, in Deutschland zumindest).

Immer mehr Unternehmen haben erkannt: Selbst die allergrößte Fachkompetenz hilft im Berufsleben wenig, wenn es Mitarbeitern am Sozialverhalten mangelt. Insbesondere in Service-Berufen und bei Kundenkontakt ist knigge-gemäßes Benehmen zunehmend wichtig. Jörg Riemer stand als Tanzlehrer diesem Thema ohnehin sehr nahe und verzeichnet nach seinem IHK-Seminar die ersten Buchungen von Firmen, die ihre Belegschaft schulen wollen. "Nein, eine Hit-Liste des schlechten Benehmens möchte ich nicht aufstellen. Generell gilt: Jedes Verhalten, das andere Menschen nicht respektiert, sollte vermieden werden", so Riemer. Die Menge von Möglichkeiten ist da immens. Riemer: "Und jedem Menschen gebührt der gleiche Respekt - sei er nun Professor oder Bettler."

Im IHK-Lehrgang von Inge Wolff, Deutschlands anerkannter Benimm-Koryphäe schlechthin, wurde Riemer darin bestätigt, was er seit Jahren in eigenen Kursen an Schüler weitergibt und was im Berufsleben Bestand hat - zum Beispiel ein gepflegtes Äußeres. Weiße Tennissocken an anderen Orten als auf dem Platz oder im Fitnesscenter sind ein No-Go, das hat sich herumgesprochen, aber wie sieht die korrekte Berufskleidung aus? "Das ist je nach Beruf unterschiedlich. Für Mitarbeiter von Banken und Versicherungen sind nach wie vor Anzug mit Hemd und Krawatte oder das Kostüm für die Dame angemessen. In anderen Berufen ohne Kundenkontakt kann es weniger förmlich sein", so Riemer. Er rät im Zweifel zu der "ordentlicheren" Bekleidung und gibt den Tipp: " Ein sichtbares Piercing ist generell nicht erwünscht." Diese Art von Schmuck sollte man nur tragen, wenn man sich in der Branche selbst bewirbt. Apropos Schmuck: "Bei Herren sind drei Schmuckstücke erlaubt: Brille, Uhr und Ehering. Bei Damen dürfen noch Ohrringe hinzukommen."

Doch nicht nur optisch kann man zu auffällig und damit für seine Mitmenschen respektlos sein, in puncto Geruch gilt das Gleiche. "Wenn Männer zu lange das gleiche Rasierwasser und Frauen das gleiche Eau de Toilette auflegen, besteht die Gefahr, dass sie zu viel nehmen, weil sie sich daran gewöhnen und es selbst nicht mehr riechen. Deshalb sollte man nach drei Monate den Duft wechseln." In Riemers Badezimmer stehen sechs Rasierwasser-Sorten.

Höflichkeit und Freundlichkeit - hier sind laut Riemer häufig Defizite in Unternehmen zu finden. "Da fehlt oft etwas, sei es ein ,Guten Morgen', sobald jemand den Raum betritt, oder ein Lächeln, wenn man ein Gespräch beginnt." Auf diesem Gebiet sollte insbesondere bei Kontakt mit firmenfremden Personen alles klappen. Riemer sagt: "Wenn am Empfang jemand einen Kunden mit den Worten ,Herr Müller, ihr Termin ist da' anmeldet, ist das unmöglich. Da sollte sich die Empfangsdame oder der -herr schon den Namen der Besucher merken." Doch auch nach dem schönsten Lächeln fällt man laut Riemer nicht gleich mit der Tür ins Haus - Smalltalk der netten Art sollte zum Kern des Gespräches führen. "Wetter geht, ist aber ein bisschen einfallslos. Sport oder andere aktuelle Ereignisse sind besser. Keinesfalls nimmt man Krankheiten und Tod, Politik und Religion." Da könne man viel Porzellan zerschlagen.

Was Mobiltelefone betrifft, gibt es eigentlich nur eine klare Ansage: Sie dürfen nicht stören. "In beruflichen Gesprächen schaltet man es aus und schenkt seinem Gegenüber die ungeteilte Aufmerksamkeit. Selbst die lautlose Einstellung ist verpönt, weil Vibrieren oder Blinken ablenkt. Falls es nun gar nicht anders geht und wirklich ein unverzichtbar dringender Anruf erwartet wird, weist man seinen Gesprächspartner darauf hin und bittet um Erlaubnis, das Gerät eingeschaltet lassen zu dürfen", so Riemer.

"Der Knigge-Bereich kommt wieder stärker zum Tragen. Anerkennung und Respekt voreinander sind gewünscht", sagt auch Peter Jochimsen, Leiter der VHS-Wedel. Wie andere Volkshochschulen hat auch das Wedeler Institut Lehrgänge im Angebot wie "Business-Knigge für Azubis und Erwachsene". Aber nicht nur in Unternehmen wächst das Gespür für Takt, auch Jugendliche wollen nicht als Flegel auffallen. Tanzschulen wie "Tanzzeit Higle" in Halstenbek oder "Leseberg" in Pinneberg bieten ebenso wie Jörg Riemer "Anti-Blamier-Programme".

Riemer hat vor fünf Jahren mit seinen Seminaren begonnen, die in drei Teile gegliedert sind. Am nächsten an klassischen Tanzschulinhalten kommt die Kategorie "Der große Ball". Hier werden entscheidende Fragen beantwortet wie: Wo geht die Dame, wo geht der Herr? Zudem werden vom Aussterben bedrohte Fingerfertigkeiten trainiert: "Wir üben mit den Herren das Binden von Krawatten", sagte Riemer. Diese Kompetenz sei bei vielen Jugendlichen deshalb ein wenig verloren gegangen, weil die Väter-Generation mittlerweile oft bewusst auf Krawatten verzichtet und es den jungen Männern zwangsläufig an Vorbildern fehle.

Natürlich gibt es auch bei den Jugendlichen einen Abstecher zum korrekten Essverhalten: "Souverän bei Tisch" ist das entsprechende Kapitel betitelt. Die Inhalte entsprechen in etwa jenen in den Business-Seminaren, aber die Jugendlichen erfahren beispielsweise auch, von welcher Seite der Kellner bedient. Trainiert wird trocken, aber es gibt auch eine echte Feuer-Taufe. "Zum Abschluss der Einheit nehmen wir ein Drei-Gänge-Menü in einem gehobenen Restaurant ein", sagt Riemer und ergänzt: "Bedient werden wir dabei von den Auszubildenden im Servicebereich. Dieser Abend ist dann für beide Seiten eine festliche Prüfung."

"Soziales Miteinander" heißt der dritte Teil der Ausbildung. Wie stellt man sich vor? Wer gibt wem zuerst die Hand? Was hat es mit Adels- oder anderen Titeln auf sich? Wie verwendet man sie im Gespräch oder in der Korrespondenz? Die Spanne der Inhalte ist breit. Riemer achtet bei allen Anstrengungen darauf, dass der Unterricht nicht mit erhobenem Zeigefinger erfolgt, sondern in lockerer Atmosphäre.

Etwas förmlich wird es dann allerdings ganz am Ende doch. Die Jugendlichen erhalten nach Abschluss des Lehrgangs ein Zertifikat, das auch für die Bewerbungsunterlagen geeignet ist. Sie nehmen es in feierlicher Zeremonie entgegen - aus den Händen von Wedels Bürgermeister Niels Schmidt.

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