Pinneberg
Mordfall

"Es war ein schrecklicher Anblick"

Foto: Burkhard Fuchs

Unheimliche Mordserie aufgeklärt. 76 Jahre alter Zeitzeuge war dabei, als Ilse G. 1973 tot in Quickborn entdeckt wurde

Quickborn. An diesen Sonntag kann er sich noch so gut erinnern, als ob es gestern gewesen wäre, erzählt Herbert Lau. Der frühere Zeitungsreporter saß an jenem 27. Mai 1973 gerade mit Familie und Freunden auf der Terrasse seines Reihenhauses in Ellerau beim Grillen. "Ich feierte meinen 38. Geburtstag, als plötzlich die Polizei anrief. Ich soll sofort kommen, sie hätten eine Leiche in Quickborn-Heide gefunden", erinnert sich der heute 76-Jährige.

Diesen Leichenfund im Frühjahr 1973 hatten Angehörige, Polizei und Medien seit Monaten herbei gefürchtet. Die 15 Jahre alte Auszubildende Ilse G. war seit sieben Monaten verschwunden. Sie hatte sich am 24. Oktober wie jeden Tag um 18.20 Uhr von ihrer Arbeitsstelle, einem Lebensmittelladen im Norderstedter Stadtteil Friedrichsgabe (bis 1969 zum Kreis Pinneberg gehörend), nach Geschäftsschluss mit dem Fahrrad auf den Weg nach Hause gemacht. Der Weg dorthin entlang der AKN-Bahngleise war nur kurz.

Doch Ilse G. kam dort nie an. Das rettende Zuhause verpasste sie nur um 150 Meter. Soweit entfernt fand die Polizei ihr rotes Klappfahrrad, angelehnt an einen Baum einer Gärtnerei. Der hintere Reifen hatte einen "Platten".

Danach verlor sich ihre Spur trotz einer großen Suchaktion. 100 Polizeibeamte durchkämmten den Rantzauer Forst, jeden einzelnen Quadratmeter des 26 Hektar großen Waldstücks. Doch ohne Ergebnis. Nur ein Verdächtiger wurde festgenommen. Ein Drucker aus Norderstedt, der wegen sexueller Übergriffe auf junge Mädchen schon aufgefallen war. Doch der schwieg sich zum Verschwinden von Ilse G. aus. Zu Recht, wie man heute weiß. Auch wenn für den damaligen Kripochef der Fall damit erledigt war, wie sich Herbert Lau erinnert. "Für ihn war mit der Festnahme von B. die Sache aufgeklärt." Kripochef und mutmaßlicher Täter hatten denselben Nachnamen, waren aber nicht verwandt, betont Lau. Verurteilt wurde der Mann nicht. Er kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Von der Polizei alarmiert, fuhr Herbert Lau zum angegebenen Fundort im Ohlmöhlenweg. Dort in einem kleinen Graben eines unbefestigten Feldweges, der heute Halenberg heißt und asphaltiert ist, hatte ein Radfahrer die Leiche des vermissten Mädchens entdeckt. Diese war schon stark verwest. Die Polizei hatte den Fundort weiträumig abgesperrt und untersuchte die Böschung und Knicks nach Spuren ab. Lau sah noch, wie die Leiche abtransportiert wurde. "Es war ein schrecklicher Anblick, den ich nie vergessen werde."

Die Feierlaune war ihm vergangen. Er fuhr weiter in die Redaktion, um die grausige Nachricht in der Ausgabe des nächsten Tages öffentlich zu machen. "Ilse G. ist tot. Sie wurde mit aller Wahrscheinlichkeit ermordet", lauteten die ersten Sätze seines Artikels.

Die Obduktion der Leiche brachte die Gewissheit: Ilse G. war mit den Ärmeln ihrer eigenen Jacke erwürgt worden. Der Mörder hatte sich an ihr vergangenen. Sein Sperma war an ihrer heruntergerissenen Strumpfhose. Die monatelange Ungewissheit für ihre Familie, Vater, Mutter und drei Brüder hatte endlich ein Ende.

Die Polizei nahm den Quickborner Leichenfund zum Anlass, eine Sonderkommission zu gründen. Vier Mordfälle in drei Jahren und alle in räumlicher Nähe im Hamburger Umland ließen auf einen Serientäter schließen.

Doch aufgeklärt werden konnte dieser Mordfall jahrzehntelang nicht. Erst jetzt half der Polizei Kommissar Zufall. Im Frühjahr dieses Jahres gelang es der Kripo der Polizeidirektion Segeberg einen anderen Mordfall aufzuklären. Mit Hilfe der DNA-Analyse, einer Technik, die erst in jüngerer Zeit möglich ist, konnte Hans-Jürgen S. als Mörder von Gabriele S. entlarvt werden, die er 1984 als Tramperin nach einem Discobesuch mitgenommen, vergewaltigt und getötet hatte. 150 Männer, die zum Täterprofil passten, hatte die Polizei zum Speicheltest gebeten. S. selber hatte keine Speichelprobe abgegeben. Die von seinem Bruder, die der des Täters nahe kam, wurde ihm zum Verhängnis.

64 Jahre alt ist S. heute. Der Handwerker, der als Maurer einer Baufirma in Hamburg arbeitete, lebte ein ganz normales Leben in einer kleinen Siedlung in Henstedt-Ulzburg. Er war sogar zeitweise verheiratet, ist jetzt aber geschieden. Sein schreckliches Geheimnis kannte niemand - bis heute. Denn die Schwesternschülerin 1984 war nicht sein einziges Opfer. Der Täter S. gestand jetzt vier weitere Morde ein, darunter auch jenen an Ilse G. im Oktober 1972. Eine unheimliche Vergangenheit.

Nachbarn beschrieben den 64 Jahre alten Serienmörder als "still, ruhig und unauffällig". Er lebte mit seiner 90 Jahre alten Mutter in einem Reihenhaus. Als Motiv seiner grausigen Taten - alle junge Frauen wurden vergewaltigt und erdrosselt - gab er bei der Polizei "sexuellen Trieb" an, sagt Thorsten Steffens, Leiter der Mordkommission in Kiel. 1993 ist er einmal wegen eines Sexualdeliktes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Steffens: "Diese Mordserie, die wir jetzt aufgeklärt haben, ist ein herausragender Fall für ganz Schleswig-Holstein."

Herbert Lau ist "froh, dass der Fall jetzt aufgeklärt ist." Damit hatte er nach so langer Zeit nicht mehr gerechnet. "Aber als ich im April davon hörte, dass sie den Mörder von Gabriele S. gefasst hatten, dachte ich mir, dass er bestimmt noch mehr auf dem Kerbholz hatte."