Pinneberg

Die Linke: Den Saal im Sitzen erobert

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Arne Kolarczyk

Sahra Wagenknecht, die "schöne Rote", ist beim Wahlkampfauftakt der Linken in Elmshorn zwar nicht pünktlich, aber überzeugend.

Elmshorn. Sie gilt als "Deutschlands schönste Kommunistin". Oder als "schöne Rote". Wann immer die Medien über Sahra Wagenknecht berichten, bemühen sie das Attribut schön. Jetzt kommt die Vorzeige-Linke nach Elmshorn - und ist ganz schön spät.

Eine Stunde, um genau zu sein. Für 19 Uhr hat die Partei Die Linke zum Wahlkampfauftakt für die Landtagswahl in die Gaststätte Im Winkel eingeladen. Und der Saal ist voll. Mit etwa 150 Besuchern sogar brechend voll. Nur ein Platz bleibt zunächst leer - der von Sahra Wagenknecht.

"Wir zahlen nicht für eure Krise" steht auf einem Plakat über dem Rednertisch, an dem sich Björn Thoroe abmüht. Was man dem 27-Jährigen nicht unbedingt ansieht: Er ist seit 2009 einer von sechs Landtagsabgeordneten der Linken - und sogar deren wirtschaftspolitischer Sprecher. Holprig kämpft sich der junge Mann durch ein Manuskript und bekundet, für "ein sozial gerechtes Schleswig-Holstein" kämpfen zu wollen. Der Saal kämpft derweil bei schlechter Luft gegen die Müdigkeit an. Schließlich hat Lorenz Gösta Beutin als Moderator des Abends ein Einsehen: Nachdem er zur Überbrückung den Lebenslauf der - noch immer nicht eingetroffenen - Hauptrednerin verlesen hat, schickt er die Gäste zum Getränkeholen. Viele ordern sparsamerweise Wasser. Andere bleiben lieber auf dem Trockenen sitzen.

Währenddessen kommt sie, zuerst fast unbemerkt, in den Saal. Sahra Wagenknecht nimmt am Rednertisch Platz - und soll doch gleich wieder aufstehen. Das fordert zumindest eine Stimme von weit hinten. "Ich möchte Sie auch sehen", schallt es durch den Saal. Es ist keiner aus der zahlenmäßig überlegenen Fraktion der männlichen Zuhörer, sondern ein weiblicher Fan der schönen Sahra. "Hauptsache, sie können mich hören", bügelt die jedoch das Ansinnen ab. Vor dem Saal zu stehen, sei lehrerhaft, befindet die prominente Rednerin und startet einen längeren Monolog. Andere hören der sitzenden Rednerin stehend zu - die Zahl der Stühle hat nicht für alle Teilnehmer gereicht.

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Zu sagen hat die schöne Sahra viel. Nur zwei Themen spart die Freundin von Oskar Lafontaine komplett aus: Ihren Lebens- und Parteigefährten - und die schleswig-holsteinische Landespolitik. "Dafür haben wir kompetentere Personen hier am Tisch." Die Vize-Chefin der Bundestagsfraktion der Linken startet stattdessen ihre Rede, passend zum Plakat über ihrem Kopf, mit der Euro-Finanzkrise.

"Kein einziger Euro wird bei den griechischen Rentnern oder Arbeitslosen ankommen." Das Geld der diversen Rettungspakete werde verbrannt, um Zinsen und Tilgung der griechischen Staatsanleihen zu zahlen und Banken, Spekulanten und Hedgefonds die Taschen zu füllen. "Die griechische Wirtschaft ist zuletzt um elf Prozent geschrumpft, die Situation der Menschen vor Ort ist dank drakonischer Sparprogramme furchtbar. Die Euro-Rettung spaltet Europa, aber sie rettet Milliarden in den Portfolios reicher Leute."

Wagenknechts Fazit: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Eine Argumentation, mit der die 42-Jährige die Menschen im Saal begeistert. "Ich stehe ja wohl nicht im Verdacht, Anhänger von Helmut Kohl zu sein", setzt die Rednerin unter dem Gelächter ihrer Zuhörer an - und ergänzt, als es wieder still im Saal geworden ist: "Aber wenn wir heute noch die Steuersätze aus der Ära Kohl hätten, hätten wir keine Krise."

Ein Spitzensteuersatz von 53 Prozent (heute 45 Prozent), eine Körperschaftssteuer von 40 beziehungsweise 45 Prozent (heute nur noch 15 Prozent), eine Steuer auf Veräußerungsgewinne, die 2001 auf Null gesetzt wurde: "Heute nimmt der Staat 75 Milliarden Euro pro Jahr weniger ein als zu Kohls Zeiten." Rechne man die inzwischen erfolgten Steuererhöhungen mit ein, "ist die Oberschicht mit 100 Milliarden Euro jährlich entlastet worden", sagt Wagenknecht. Und sie bilanziert unverdrossen weiter: "Die Schulden der Staaten sind die nicht mehr gezahlten Steuern der Reichen."

Ein Prozent der Bürger Deutschlands hätten mehr Finanzvermögen angehäuft, als Bund, Länder und Kommunen Schulden haben. "Die anderen Parteien sind zu feige, sich mit den Reichen anzulegen." Die Linke sei das nicht, fügt Wagenknecht hinzu - und fordert eine Reichensteuer. Der Saal applaudiert. "Wer die öffentlichen Defizite reduzieren will, muss die Einnahmen erhöhen. Wir sollten dabei die belasten, die es mehr als dicke haben."

Das Saalpublikum dagegen ist eher dünn - zumindest was die finanzielle Ausstattung angeht. "Wir steuern auf eine eklatante Altersarmut zu", ruft Wagenknecht. Viele nicken zustimmend. Leiharbeit sei moderne Sklaverei und gehöre jetzt und sofort verboten. Ebenfalls Nicken. Ein Mindestlohn von zehn Euro müsse her. Es gibt Applaus - und der spornt an. Wagenknecht fordert kräftige Lohnerhöhungen quer durch alle Branchen. "Nur eine ordentliche Lohnentwicklung führt zu einer ordentlichen Rente."

Und nur eine starke Linke, so beschließt die Berliner Vize-Fraktionschefin ihre Rede, garantiere die Wahrung der Rechte der kleinen Leute. "Deswegen muss die Linke auch in Schleswig-Holstein stärker werden. Wenn wir aus dem Landtag fliegen sollten, denken die anderen, sie können wieder den Affen machen."

Hinsetzen muss sich Sahra Wagenknecht nach ihrer Rede nicht. Sie sitzt ja schon. Dafür steht ein Herr aus dem Publikum auf und sagt, er sei von ihrer Rede beeindruckt. Wieder zustimmendes Nicken. Die schöne Sahra strahlt mit ihren Nachbarn am Rednertisch um die Wette. Sie hat ihre Mission erfüllt. Sie war zwar ganz schön spät. Aber auch ganz schön beeindruckend.

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