Wedel: Pharmaunternehmen kündigt neue Kündigungswelle an

"AstraZeneca" baut 120 Stellen ab

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Jörg Frenzel

Firmenleitung begründet: Sparzwang im Gesundheitssystem hat Marktstellung neuer Arzneimittel geschwächt.

Wedel. Schock für die Mitarbeiter des Pharmaunternehmens "AstraZeneca" in Wedel: Rund 120 Stellen werden am Standort abgebaut. Darüber informierte gestern Geschäftsführer Henning Wrogemann den Betriebsrat und die Belegschaft.

Damit rollt bereits die dritte Kündigungswelle innerhalb von drei Jahren über das Unternehmen hinweg. Hatten davor noch etwa 2300 Menschen ihr Lohn und Brot beim Arzneimittel-Hersteller gefunden, so werden es nach dem neuesten Stellenabbau nur noch knapp 1200 sein. Nach Angaben des Unternehmens sind hauptsächlich Stellen im Innendienst betroffen - dazu gehört das Marketing ebenso wie die Abteilung Finanzen oder auch das Personalwesen.

Geschäftsführer Wrogemann sagte: "Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht." Dennoch sei sie richtig, weil sie helfen werde, die Zukunft des Unternehmens in einem "zunehmend schwierigen wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Umfeld in Deutschland zu sichern".

In den bisherigen Entlassungswellen war im Jahr 2007 der Außendienst um 440 Stellen abgeschmolzen und die Produktionsstätte in Plankstadt bei Stuttgart mit 400 Mitarbeitern verkauft worden. Im vorigen Jahr hatte es weitere rund 120 Kündigungen auf freiwilliger Basis gegen Abfindungen gegeben.

"Über diese Regelung hatten wir Einvernehmen mit der Geschäftsführung und würden es begrüßen, wenn es jetzt vergleichbar läuft", sagte Betriebsratsvorsitzender Frank Gotzhein. Er berichtete von "entsetzten Gesichtern und sogar Tränen" auf der Betriebsversammlung. Er erwarte betriebsbedingte Kündigungen, über Fluktuation werde sich dieser Stellenabbau nicht regeln lassen.

Über die Gründe informierte Geschäftsleitungsmitglied Henning Anders. Große Umsatzbringer wie das Krebsmittel Casodex fallen im laufenden Jahr aus dem Patentschutz, im kommenden Jahr das Brustkrebspräparat "Arimidex". Es gebe zwar auch Neueinführungen, aber sie könnten die Ausfälle nicht kompensieren.

Anders erwartet, dass der Umsatz von einer Milliarde Euro, den die Firma im abgelaufenen Jahr erzielte, nicht gehalten werden kann. Der vorherrschende Sparzwang im deutschen Gesundheitssystem habe die Marktstellung von innovativen Arzneimitteln zugunsten von generischen Altprodukten geschwächt. Anders kritisierte auch deutsche Besonderheiten, die der Firma zu schaffen machten: Während beispielsweise in den anderen europäischen Ländern das Magenpräparat "Nexium" von den Kassen übernommen werde, sei es hierzulande nicht voll erstattungsfähig.

Im Zuge der Entlassungen sollen auch die Strukturen im Unternehmen verändert und Abteilungen zusammengelegt werden. Bis zum Herbst des Jahres sollen die Entlassungen und die Neuorientierung abgeschlossen sein. Geschäftsführung und Betriebsrat werden die Modalitäten aushandeln. In den Worten von Betriebsratschef Gotzhein schimmert Bitternis durch. "Wir haben ja jetzt schon reichlich Erfahrungen mit derartigen Verhandlungen. Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen", kündigte er an: "Um jeden."

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