Pinneberg

Ist er der letzte Stehr-Stipendiat?

Kultur: Seit 1995 können junge Künstler in der Uetersener Werkstatt des Bildhauers Hermann Stehr ihre Kreativität entfalten. Jetzt will die CDU das Projekt auf die Streichliste setzen.

Uetersen/Kreis Pinneberg. Gut zweieinhalb Meter misst das Bauwerk aus Sperrholz. Das Modell eines schmalen, mehrstöckigen Bürogebäudes, aufgebaut mitten in der Werkstatt des verstorbenen Bildhauers Hermann Stehr in Uetersen. Jan Köchermann schiebt ein Stück Holz, an dem er bis eben geschliffen hat, durch die Fensteröffnungen - irgendwo in der 20. Etage. Ein Schacht, der die Lufträume um das Gebäude verbindet, "ein gepierctes Gebäude", sagt er. Dass Köchermann sich derzeit komplett auf seine Kunst konzentrieren kann, hat er dem Kreis Pinneberg zu verdanken. Drei Monate lang kann der Hamburger (36) das Hermann-Stehr-Stipendium in Anspruch nehmen, "ohne jobben gehen zu müssen". Köchermann darf die Uetersener Werkstatt des 1993 verstorbenen Bildhauers nutzen - bei freier Kost und Logis - möglicherweise als letzter in der Reihe von bislang zehn Stehr-Stipendiaten. So jedenfalls könnte es kommen, wenn sich die CDU im Pinneberger Kreistag durchsetzt. Die Christdemokraten planen die Erweiterung des Kreiskulturpreises um einen zusätzlichen Förderpreis für Nachwuchskünstler. Die SPD hat jetzt energischen Widerstand angekündigt - nicht gegen den Extra-Obolus für junge Kulturschaffende, sondern gegen den Deckungsvorschlag für diese Neuerung. Das Preisgeld von 2500 Euro soll aus dem Etat-Posten für das Hermann-Stehr-Stipendium abgezwackt werden. Damit ist bei der schon als Kaffeefahrt mit politischem Beiprogramm belächelten Sondersitzung des Kreistags auf Helgo-land nun doch für Zündstoff gesorgt. "Taktloser geht es kaum", sagt Dietrich Anders, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Dass die CDU das Aus für das Stehr-Stipendium ausgerechnet vier Wochen vor dem zehnten Todestag des Bildhauers besiegeln will, könne noch Zufall sein. Dass zuvor jedoch weder mit der Künstler-Witwe Gisela Kienast-Stehr noch mit dem geistigen Vater des Stipendiums, Kunstprofessor Erhard Göttlicher, gesprochen worden sei, "ist absolut rücksichtslos und unsensibel". Geteilt wird diese Ansicht auch von Göttlicher. "Es gibt nur ganz selten ein solches Atelier", erklärte er. Die Arbeitsbedingungen seien ideal. "Für die künstlerische Entwicklung der Teilnehmer", so Göttlicher, "ist das dreimonatige Arbeitsstipendium viel wertvoller als 2500 Euro und ein Förderpreis es sein könnten." Von den politischen Scharmützeln um das Stehr-Stidendium hat Jan Köchermann nur am Rande mit bekommen. Er möchte sein "gepierctes" Gebäude so bald wie möglich verwirklichen, am liebsten in New York, wo er mehrere Monate lebte. Mit "gepiercten, also verletzten" Gebäuden, weiß der Hamburger, hätten die Amerikaner nach dem 11. September natürlich ihre Probleme. "Aber ich glaube, sie sind reif dafür." Kunst habe auch die Aufgabe, wachzurütteln, könne helfen, zu bewältigen. Köchermann hat mit seinen Rauminstallationen für Aufsehen gesorgt. Etwa in einem Hamburger Kaispeicher oder mit einem zehn Meter langen Holztunnel, der aus der fünften Etage des Hochschulgebäudes am Lerchenfeld ragte.