Der Fall Ruth Blaue

Fehlersuche im Mordfall Blaue

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Foto: Boyens Buchverlag / Boyens Buchverlag/Arne Kolarczyk

Kieler Jurist hatte als Erster Einsicht in alle Akten des Elmshorner Falls - und gibt neue Einblicke in das Leben der Frau, die ihren Mann 1946 umbrachte

Elmshorn/Kiel Der Fall Ruth Blaue - er hat Deutschland in der Nachkriegszeit wie kein zweiter elektrisiert. Die Geschichte der Elmshornerin, die mit Hilfe ihres Geliebten ihren Ehemann ermordete und in der Kieskuhle in Klein Nordende versenkte, wurde in den 60er-Jahren in der Fernsehreihe Stahlnetz verfilmt. Bis heute gilt dieser Krimi als der beste der Sendereihe. Und erst vor kurzem wurde eine Folge der ARD-Dokumentation "Wenn Frauen morden" dem Fall gewidmet.

Einer, den Ruth Blaue und ihre Geschichte bereits in der Kindheit fasziniert hat, ist der Kieler Jurist Klaus Alberts. Er hat ein Buch über die Geschehnisse im Elmshorn des Jahres 1946 geschrieben, das jetzt veröffentlicht worden ist. Es heißt "Die Mörderin Ruth Blaue - Schleswig-Holsteins rätselhafter Nachkriegsfall".

Alberts, 68 Jahre alt, ist in Meldorf in Dithmarschen aufgewachsen. "Ich hatte einen älteren Freund, der Ruth Blaue persönlich kannte und von ihrer Unschuld überzeugt war." Daher begann sich der damals 13-Jährige für den Fall zu interessieren. Er las alle Artikel über den Prozess gegen Ruth Blaue, der nach vier Verhandlungstagen mit einem Schuldspruch und dem Strafmaß lebenslange Haft endete.

"Jetzt ist es mir als erstem gelungen, die vollständigen Prozessakten einschließlich der psychiatrischen Gutachten einsehen zu können", erläutert der Jurist, der inzwischen in Kiel lebt. Er hat die fast 700 Seiten, die auch Tagebucheinträge von Ruth Blaue sowie Gespräche zwischen ihr und den psychiatrischen Sachverständigen enthalten, innerhalb eines halben Jahres ausgewertet. "Für mich stand damals ein Fragezeichen hinter dem Schuldspruch. Ich wollte wissen, ob er gerechtfertigt war", erläutert Alberts.

Rückblende: Am 25. Juni 1947 baden zwei Jungen in der Kieskuhle in Klein Nordende und stoßen auf einen im Wasser treibenden Gegenstand. Sie ziehen diesen an Land - und entdecken im Seesack eine Leiche. Zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs steckt die Kriminaltechnik noch in den Kinderschuhen, daher bleibt die Identität des Toten unbekannt. Erst 1954 gelingt es, den Toten als den im November 1946 vermisst gemeldeten John Blaue zu identifizieren - und seine Ehefrau und ihren Geliebten zu überführen.

Beide hatten zu diesem Zeitpunkt Elmshorn längst verlassen, waren zunächst in Dithmarschen und dann bis zu ihrer Verhaftung im Schwarzwald ansässig. Was folgt, dürfte in der deutschen Kriminalgeschichte einmalig sein: Ruth Blaue und Horst Buchholz gestehen die Tat - allerdings dutzendfach in verschiedenen Versionen. Mal haben sie gemeinsam gehandelt. Mal beschuldigt sie ihn, dann wieder er sie. Mal wurde dem Opfer mit einem Beil der Schädel eingeschlagen. Mal war John Blaue bereits tot, weil er freiwillig Schlaftabletten einnahm, bevor die Schläge erfolgten. 37 verschiedene Versionen hat Alberts in den Akten gezählt. Das einzige, was immer gleich blieb, ist der Tatort: die Dachgeschosswohnung im Haus Ollnstraße 153. Dort war Ruth Blaue nach dem Krieg mit ihren Eltern eingezogen. Dorthin kam John Blaue nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft - und dort war Horst Buchholz als Kriegsflüchtling einquartiert.

Weil sich dieser kurz vor dem Prozessbeginn in der Gefängniszelle das Leben nimmt, steht Ruth Blaue alleine vor Gericht. Sie behauptet nun wiederum, ihr Mann sei durch einen Suizid gestorben und Horst Buchholz habe ihm, als er schon tot war, den Schädel eingeschlagen und die Leiche entsorgt. Das Gericht glaubt ihr nicht. Die Richter eröffnen am Montag das Verfahren, das Urteil erfolgt bereits Freitag. "Und Mittwoch war sitzungsfrei", berichtet Alberts. Er deckt auf, dass sich das Gericht in seinem Urteil eine eigene Version der Tat zurechtgelegt hat. Anknüpfungspunkte und reale Beweise, dass es sich tatsächlich so abgespielt hat, wie die Richter es festgestellt haben, gibt es keine. "Die Justiz hat sich damals nach meiner Sicht nicht genug Mühe gegeben", sagt Alberts. Nach Auswertung der Akten wäre nach Meinung des Juristen ein Freispruch aus Mangel an Beweisen die logische Konsequenz gewesen - damals wie heute.

Das 218 Seiten starke Buch des Kieler Autos liest sich wie ein Krimi, auch wenn es den Status einer wissenschaftlichen Abhandlung hat. Es enthält das Original-Urteil, viele, teilweise gruselige Fotos und umfangreiche Zitate aus den psychiatrischen Gutachten. "Gerade die sind besonders interessant, weil sie einen nie dagewesenen Eindruck über die Person Ruth Blaue vermitteln", sagt der Autor. Er deutet Ruth Blaue als Frau, die aus reichen Verhältnissen kam, dann aber schuldlos in die Armut abstürzte und zeitlebens versucht hat, diese Ungerechtigkeit zu korrigieren. "Horst Buchholz, der junge, aufstrebende Künstler, hätte ihr da raus helfen können. Ihr Ehemann konnte das nicht, er stand im Weg", sagt Alberts.

Klaus Alberts: Die Mörderin Ruth Blaue; 19,90 Euro; Boyens-Verlag ISBN-Nummer 978-3-8042-1329-6. Der Autor liest am Dienstag, 17. Mai,um 19 Uhr im Landgericht Itzehoe. Karten kosten sieben, ermäßigt vier Euro. Sie können online erworben werden

www.gerbers.de

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