Frauenfussball

Steigt der HSV jetzt auch in die 2. Bundesliga auf?

| Lesedauer: 4 Minuten
Mirko Schneider
Die in dieser Saison noch ungeschlagenen Spielerinnen und der Staff des Hamburger SV bejubeln die Meisterschaft in der Staffel Nord der dritthöchsten deutschen Klasse.

Die in dieser Saison noch ungeschlagenen Spielerinnen und der Staff des Hamburger SV bejubeln die Meisterschaft in der Staffel Nord der dritthöchsten deutschen Klasse.

Foto: Marcelo Hernandez

Der Meister der Regionalliga Nord trifft am 12. und 19. Juni in zwei Entscheidúngsspielen auf den Champion der Nord-Ost-Staffel.

Norderstedt. Trainer Lewe Timm klatschte nach dem 5:0 gegen den TuS Büppel jede seiner Spielerinnen ab und grinste vor Freude über beide Ohren. „Ihr Meisterinnen! Ihr habt es euch wirklich verdient, ich bin so unendlich stolz auf euch“, sagte Timm. Danach spritzte Spielführerin Victoria Schulz, die nach längerer Verletzungspause endlich wieder auf dem Platz zu finden war, wild und freudetrunken mit Champagner um sich und feierte mit den Teamkolleginnen ekstatisch die Meisterschaft in der Regionalliga Nord.

„Das“, sagte Schulz danach, „ist der ehrlichste Titel.“ Zum einen hatte sie damit recht, weil eine Meisterschaft eben die Konstanz über eine komplette Saison am besten widerspiegelt. Mit
20 Siegen, zwei Unentschieden und immer noch ohne Niederlage sind die HSV-Frauen ohne Zweifel ein absolut würdiger Titelträger.

Zum anderen verwies Schulz damit ungewollt auf eine Absurdität des Modus. Denn trotz ihrer überragenden Saison sind die HSV-Frauen noch nicht in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Über den Aufstieg entscheiden zwei Relegationsspiele gegen den Staffelsieger der Regionalliga Nordost am 12. und 19. Juni.

Gegner ist wohl der 1. FFC Turbine Potsdam II

Türkiyemspor Berlin führt diese Gruppe an, soll jedoch keine Lizenz beantragt haben. Vermutlich werden die HSV-Frauen also auf die zweite Mannschaft des 1. FFC Turbine Potsdam II treffen. Zuvor steht für die Norderstedterinnen noch das bislang nicht terminierte Pokalfinale gegen den Oberligisten Eimsbütteler TV auf dem Programm.

Während der Cupgewinn unter normalen Umständen kein größeres Pro­blem darstellen sollte, gehen die Einschätzungen im Team über die Aufstiegsspiele auseinander. „Die Chancen stehen 50:50“, sagte Spielführerin Victoria Schulz, bevor sie den Optimismus verbreitete, den Offensivkollegin Sophie Nachtigall vorlebte: „Es kribbelt im Bauch. Und wenn wir so weiterspielen, werden wir auch sicher aufsteigen.“

Gelingt dies tatsächlich, hätte der Hamburger SV seinen Image-GAU von 2012 fast vollständig repariert. Seinerzeit meldete der Verein das Frauenteam wegen fehlender 100.000 Euro im Etat aus der Bundesliga ab. Es folgte ein Absturz bis in die Oberliga Hamburg.

Seit 2018 geht es mit dem Frauenfußball beim HSV aufwärts

So richtig auf die Füße kamen die Kickerinnen erst wieder 2018. Der damals im HSV e.V. angesiedelte Frauenfußball wurde mit einem Konzept versehen, das die Rückkehr in die 2. Bundesliga innerhalb von zehn Jahren vorsieht. Es folgte der Aufstieg in die Regionalliga Nord in der Saison 2018/201. Mit einer ähnlich fabelhaften Bilanz wie aktuell, damals noch unter Trainer Manuel Alpers.

Die nächsten beiden Spielzeiten wurden wegen der Corona-Pandemie abgebrochen, nun könnte der Sprung in die 2. Liga sogar schon nach vier Jahren gelingen. HSV-Präsident Marcell Jansen hatte seinerzeit die Rückkehr in die Bundesliga als „Vision“ bezeichnet. Offiziell davon sprechen mag beim Hamburger SV zurzeit niemand. Intern ist das Vorgehen aber auf dieses langfristige Ziel ausgelegt.

Der Verein setzt bewusst auf den Nachwuchs

Positiv: Der HSV setzt bewusst auf den Nachwuchs. Als wichtigstes Team fungieren die B-Juniorinnen, die die Tabelle der Bundesliga Nord/Nordost mit sieben Zählern Vorsprung anführen. Dank seiner guten Nachwuchsarbeit kann der Verein ein großes Reservoir an Talenten in seine Frauenmannschaft integrieren. Das zeigt sich an Spielerinnen wie Verteidigerin Hannah Günther (17) oder Sophie Nachtigall (18), die mit17 Treffern auf Platz zwei in der Torschützenliste der Regionalliga Nord liegt. Zusätzlich haben viele Spielerinnen Erfahrungen in Jugend-Nationalmannschaften gesammelt, sind Stresssituationen gewohnt.

Was gegen Büppel auch wieder auffiel: Von vielen vergebenen Torchancen zu Beginn ließ sich das Team nicht aus der Ruhe bringen, agierte nicht nur spielerisch gut, sondern auch in den Zweikämpfen mit der nötigen Robustheit.

Horst Hrubesch sorgt im Hintergrund für Dynamik

Durch den Wiedereinstieg der HSV AG und die von Nachwuchschef Horst Hrubesch entfachte Dynamik dürften im Falle des Aufstiegs genügend finanzielle Mittel bereitstehen, damit die Truppe noch verstärkt werden kann, um sich schnell in der 2. Bundesliga zu akklimatisieren.

Druck von außen soll es aber auch im Fall des Scheiterns nicht geben, wie die Frauen- und Mädchenfußball-Koordinatorin Catharina Schimpf jüngst bei fussball.de bekanntgab. Sollte der HSV in dieser Saison doch nicht aufsteigen, „werden wir in der nächsten Saison einfach einen neuen Anlauf nehmen“, so Schimpf. Und Lewe Timm soll auf jeden Fall Trainer bleiben.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport