ITZSTEDT

Sportschützen sollen für Umweltschäden bezahlen

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Christopher Herbst
Olympiateilnehmerin Sonja Scheibl (Archivfoto) – die ehemalige Weltklasse-Trapschützin kommt aus Itzstedt, ist in dem Verein aktiv.

Olympiateilnehmerin Sonja Scheibl (Archivfoto) – die ehemalige Weltklasse-Trapschützin kommt aus Itzstedt, ist in dem Verein aktiv.

Foto: Ulrich Stückler

Die Böden rund um die Schießanlage in Itzstedt sind mit Schwermetallen belastet. Verein und Gemeinde streiten über die Entsorgung.

Itzstedt. Es gibt nicht viele Dorfclubs aus dem Kreis Segeberg, die Weltklasse-Sportlerinnen hervorgebracht haben. Der Itzstedter Schützenverein ist so einer – Sonja Scheibl war unter anderem Mannschafts-Europameisterin, mehrfache Medaillengewinnerin bei internationalen Wettkämpfen und 2012 Olympiateilnehmerin in London, ehe sie in diesem Jahr ihre Karriere beendete. Ihre Paradedisziplin, das Trapschießen, sorgt allerdings derzeit in Itzstedt für eine Kontroverse, deren Ausgang nicht absehbar ist.

Die Gefahr, um die es geht, ist unsichtbar. Ein durch den Kreis in Auftrag gegebenes Gutachten hat in diesem Jahr ergeben, dass sowohl der Schießplatz – Eigentum des Vereins – als auch die südlich angrenzende Grünfläche – diese gehört der Gemeinde – kontaminiert sind. „Bereichsweise erhebliche Belastungen mit Arsen, Blei, Antimon und Polyzyklischen Kohlenwasserstoffen“, heißt es in dem Bericht. Und: „Das räumliche Verteilungsmuster der Schadstoffe im Boden passt zu den verschiedenen Depositionsbereichen für Schrotkugeln und Wurfscheiben. Die Schwermetallbelastungen (aus Bleischrot) liegen überwiegend in dem Bereich der südlich angrenzenden Grünfläche.“

Bürgermeister sieht die Schützen in der Pflicht

Die Prüfwerte sollen teils 15-fach zu hoch sein. Zusätzlich könnte es sein, dass sich die Schwermetalle in dem feuchten Boden weiter verteilen. Der Kreis und das zuständige Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume kamen zu dem Schluss, dass der belastete Bereich, dessen Eigentümerin die Gemeinde ist (2000 Quadratmeter), zwischen Schießstand und Regenrückhaltebecken bis zu einer Tiefe von 60 Zentimetern abgetragen werden müsse. „Das sind 1200 Kubikmeter Erde, da kommen etliche Fuhren zusammen“, sagt Bürgermeister Helmut Thran (SPD).

Der pensionierte Polizeibeamte war selbst einmal Mitglied im Verein, heute ist das Verhältnis kompliziert. Bedenkenträger seien dort nicht erwünscht, sagt er. Denn aus seiner Sicht sind die Schützen verantwortlich – auch wenn die verwendete Bleimunition nicht verboten ist. Durch sein Amt sei er verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sich der Zustand bessert. „Sonst handelt man wie der Täter. Das ist kein gutes Gefühl. Der Verursacher muss für den Schaden aufkommen. Das ist der Schützenverein. Oder diejenigen, die es toleriert und nicht unterbunden haben.“

Denn es wird nicht im rechtsfreien Raum geschossen. „Wir haben die Genehmigung, wir dürfen das alles. Die Genehmigung wird alle fünf Jahre überprüft, es ist Sache des Kreises – alles ist in Ordnung. Wir haben nichts Illegales getan“, sagt der Vereinsvorsitzende Mike Lünstäden. Seit 130 Jahren gebe es den Club, an dem Standort sei man seit 70 Jahren aktiv. Die 150 Mitglieder sind in unterschiedliche Sparten verteilt, Trapschützen sind nur wenige – sie trainieren immer sonntags, und verwenden seit den 1960er-Jahren die strittige Bleimunition. Lünstäden weist darauf hin, dass der Verein auch für soziale Kontakte sorge. „Den Austausch gibt es sonst gar nicht mehr.“ Im Ort gebe es für junge Menschen sonst nur noch die DLRG und die Jugendfeuerwehr. Im Detail will sich der Vorsitzende nicht weiter äußern, die Schützen lassen sich anwaltlich beraten. Denn schon einmal haben sich Verein und Gemeinde vor dem Landgericht getroffen. Dort wurde die Frage geklärt, ob auch die Belastung des Klärschlamms im Regenrückhaltebecken auf die Munition zurückzuführen sei – das ist nicht der Fall. Die Entschlammung muss über den Gemeindehaushalt bezahlt werden, 162.000 Euro stehen zur Verfügung. Doch in diesem Zuge wurden eben auch angrenzende Flächen analysiert. Mit dem bekannten Ergebnis.

Thran befürchtet langfristig Auswirkungen auf das Grundwasser, wenn jetzt nicht etwas getan wird. Aktuell gibt es hier keine Auffälligkeiten. Trotzdem ist der Bürgermeister alarmiert. „Es ist dramatisch. Wir liegen hier mitten im Trinkwasser-Gewinnungsgebiet. In einigen Hundert Metern Entfernung sind Tiefbrunnen für unser Wasserwerk.“

Die hohen Kosten wären für den Verein wohl das Aus

Niemand weiß, welche Kosten zusammenkommen werden. Itzstedt wird den Auftrag ausschreiben. „Wir müssen erst einmal eine Firma finden, die zum Bodenaustausch in der Lage ist und auch weiß, wo so sie mit dem kontaminierten Boden hinkann.“ Die Gemeinde wird die Rechnung zuerst übernehmen – will sie dann aber weiterreichen. Wenn der Schützenverein dem widerspricht oder die Zuständigkeit an den Kreis weiterreicht, wird der Streit wieder ein Fall für die Justiz. „Wir sind gegenüber dem Steuerzahler verpflichtet“, so Thran. „Ich weiß nicht, wie viele Trapschützen hier gefördert worden sind. Aber man kann den anderen 2500 Steuerzahlern neben der wöchentlichen Lärmbelästigung, über die sich viele ärgern, nicht auch noch die Kosten für die Entsorgung auferlegen.“ Mehr noch: „Ich gehe davon aus, dass der Verein den Boden auf seinem Grundstück auch austauschen muss. Dort wird die Belastung ja viel höher sein.“ Lünstäden deutet an, dass dem Verein die Zahlungsunfähigkeit drohe, sofern die Kosten nicht übernommen würden. Vielleicht sei das sogar erwünscht. „Die wollen uns Schützen nicht mehr.“

Parallel ist die Auseinandersetzung nicht mehr nur Sache der Orts-, sondern auch der Kreispolitik. Mehrfach haben die Grünen Anfragen an die Segeberger Verwaltung gestellt, wollten detaillierte Informationen zu den Auswirkungen des Schießbetriebs in Itzstedt, aber auch in anderen Orten, wo ähnliche Bodenbelastungen befürchtet werden. Denn Trapschießen findet auch in Seedorf und Kaltenkirchen statt, dazu ebenso in Hasenmoor – dort wurde die Anlage jedoch vor einigen Jahren modernisiert. „Das ist ein Vorbild“, sagt Arne Hansen, Vorsitzender der Grünen-Fraktion und des Kreis-Umweltausschuss.

Die Kreis-Grünen fordern Maßnahmenpaket für Itzstedt

Eigentlich hätte das Gremium am vergangenen Mittwoch öffentlich zu diesem Thema beraten sollen. Die Grünen hatten mehrere Anträge vorbereitet. Die Forderungen: eine Detailuntersuchung auf dem Schießgelände, wie es das Gutachten empfiehlt; weitere Untersuchungen auf den Weideflächen sowie zur Fließrichtung des Sickerwassers; vier Grundwasser-Messstellen – und natürlich müsse der Betreiber an den Kosten beteiligt werden. Dazu wird gefordert, dass die Politik dem Verein die Verwendung bleihaltiger Munition untersagt und dazu bauliche Maßnahmen durchgeführt werden, um zu verhindern, dass Rückstände von Munition oder Reste von Tontauben in die Landschaft gelangen. Werde das nicht in einem angemessenen Zeitraum umgesetzt, „ist die Genehmigung für den Betrieb der Trapschießanlage zu entziehen.“

Hierüber wurde nicht abgestimmt, der gesamte Punkt unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt, weil es sich um ein laufendes Verfahren handele, sagte die Verwaltung, die sich um eine Lösung bemüht. Wäre der Grünen-Antrag angenommen worden, hätte Landrat Jan Peter Schröder formal Widerspruch einlegen müssen. Arne Hansen erwartet, dass man im ersten Halbjahr 2022 weiterkomme. „Wir haben ein Interesse daran, es transparent zu behandeln.“ Er wisse um die lange Tradition des Vereins. „Aber der Schutz des Grundwassers und der gesunden Lebensbedingungen sind meines Erachtens ein höheres Gut.“

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