Surfprofi

Bargteheider zählt zu Deutschlands besten Windsurfern

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Henrik Bagdassarian
Michele Becker surft mit einer Tragflügelkonstruktion (Foil), die das Board aus dem Wasser hebt.

Michele Becker surft mit einer Tragflügelkonstruktion (Foil), die das Board aus dem Wasser hebt.

Foto: hanok_upnorth & Racer of the Se / HA

Der 23 Jahre alte Michele Becker hat die Saison im Slalom und Racing als Ranglistenzweiter abgeschlossen.

argteheide. B Die wenige Wochen andauernde Auszeit vom Leistungssport genießt Michele Becker in vollen Zügen. Nach Belieben ausschlafen, ausgiebig frühstücken und sich anschließend über einen leeren Terminkalender freuen: Die freien Tage am Ende einer Saison erweisen sich für den 23 Jahre alten Profi-Windsurfer aus Bargteheide quasi als wohltuender Erholungsprozess – körperlich und mental gleichermaßen.

Alle Wettkämpfe wurden auf die zweite Jahreshälfte verschoben

Anstrengend waren die zurückliegenden Monate allemal: Die für das erste Halbjahr geplanten Wettkämpfe auf dem Wasser wurden coronabedingt auf die zweite Hälfte verschoben.

„Jedes zweite Wochenende einen Wettkampf auf höchstem Niveau zu bestreiten und bei jeder Trainingseinheit immer 100 Prozent zu geben, hat mich doch mehr als erwartet mitgenommen“, sagt Becker.

Lächelnd fügt er hinzu: „Wenigstens hat sich der enorme Einsatz ausgezahlt.“ Oder anders ausgedrückt: Der 23-Jährige hat sein vor drei Jahren formuliertes Ziel, sich in der Gruppe der besten Windsurfer Deutschlands zu etablieren, eindrucksvoll erreicht. Sowohl in der Rangliste der besten Slalomfahrer als auch im bundesweiten Ranking der Top-Racing-Akteure schloss der junge Stormarner die Saison 2021 auf dem zweiten Platz ab. Herausgeber der Ranglisten ist der Multivan-Windsurf-Cup, die ranghöchste deutsche Regattaserie im Windsurfen.

Becker war in Stormarn schon Sportler des Jahres

Dass ein cooler Surfer auch eine emotionale Seite hat, unterstreicht Becker, als er sagt: „Wenn ich die vergangenen Jahre in einer ruhigen Minute Revue passieren lasse, fehlen mir manchmal die Worte, um zu beschreiben, was in mir vorgeht“, sagt er. „Vor wenigen Jahren noch bin ich bei den Erwachsenen meinen Idolen weit hinterhergefahren, mittlerweile bewegen wir uns auf Augenhöhe.“ Dabei untermauerte der dunkelhaarigen Bargteheider bereits im Jugendbereich sein großes Potenzial: 2015 und 2017 holte er in der Disziplin Slalom den deutschen U-20-Meistertitel. Von den Lesern der regionalen Zeitungen sowie einer aus Funktionären des Kreissportverbands Stormarn und Sportjournalisten zusammengesetzten Jury wurde er daraufhin zum Sportler des Jahres gekürt.

Windsurfen ist eine dynamische Sportart, die sich durch neues Material und neue Wettkampfformate stetig weiter entwickelt. Seit 2018 ist der sogenannte Foil fester Bestandteil in der Disziplin „Racing“, beim „Slalom“ wurde er dieses Jahr eingeführt. Den Fahrern ist dabei freigestellt, ob sie mit einem mit herkömmlichen Finnen ausgestatteten Surfboard oder mit einem Brett, an dessen Unterseite eine Tragflügelkonstruktion (Foil) befestigt ist, an den Start gehen. Foiling auf dem Wasser lässt sich am besten mit dem Fliegen in der Luft vergleichen: Der Tragflügel entwickelt durch das darunter und darüber strömende Wasser eine starke Auftriebskraft. Diese drückt das Surfboard schon bei geringerer Geschwindigkeit komplett aus dem Wasser und lässt es dynamisch über die Wasseroberfläche gleiten.

Der 23-Jährige bereitet sich ab Januar auf der Insel Teneriffa vor

Der Tragflügel birgt Vor- und Nachteile: In puncto Höchstgeschwindigkeit hat bei vergleichbaren Windbedingungen die herkömmliche Finne noch die Nase vorn. Mit einem Foil erreicht der Fahrer dagegen eine höhere Beschleunigung. Ausweichmanöver mit dem Tragflügel erweisen sich dagegen deutlich schwieriger, da das Board über dem Wasser schwebt und nicht schnell genug reagiert.

Becker: „Gerade wenn viele Fahrer dicht an dicht im Wasser sind, man im Pulk fährt, steigt die Unfallgefahr erheblich.“ Das betrifft vor allem die Startphase beim Slalom, bei der die Fahrer mit Geschwindigkeiten von mehr als 60 Kilometer pro Stunde über das Wasser gleiten. Die größte Herausforderung beim Slalom ist eben der Rennbeginn. Schon beim Überqueren der Startlinie müssen die Teilnehmer die Höchstgeschwindigkeit erreicht haben. Nur dann haben sie überhaupt eine Chance, auf einen der vorderen Plätze zu fahren. Zuvor läuft ein Countdown von drei Minuten. Diese Zeit kann jeder Fahrer nach Belieben nutzen. Sobald der Countdown abgelaufen ist, muss er möglichst mit Höchstgeschwindigkeit ins Rennen gehen.

Der Profisurfer denkt auch an später und studiert neben Elektrotechnik

Für Becker ist Wassersport nicht das Maß aller Dinge, er macht sich auch Gedanken über die berufliche Zukunft. Eine Ausbildung zum Industriekaufmann hat er bereits in er Tasche. Seit eineinhalb Jahren lebt der Profisurfer in Kiel, Deutschlands Trainingshochburg für Wassersportler. An der dortigen Universität studiert er seit vergangenem Herbst nebenbei Elektrotechnik.

Eine gewisse Konstanz im Leben ist dem jungen Bargteheider wichtig. Seite an Seite mit den beiden Hauptsponsoren Duotone und Fanatic, aber auch mithilfe kleinerer lokaler Unterstützer wie die Bargteheider Optikerfirma Linsenbarth ist der 23-Jährige bisher gut durch die Pandemie gekommen. Becker: „Es gibt mir ein gutes Gefühl, Partner an meiner Seite zu haben, auf die ich in guten, aber auch in schweren Zeiten zählen kann.“

Becker plant für spätestens Januar kommendes Jahres die Rückkehr auf die spanische Urlaubsinsel Teneriffa. Das grün-blaue Wasser des Atlantischen Ozeans vor El Medano bietet der deutschen Windsurf-Elite jedes Jahr um diese Zeit beste Voraussetzungen, um sich optimal auf die kommende Saison vorzubereiten.

Zuvor wird Becker in einem Kieler Fitnesscenter sechsmal die Woche Gewichte stemmen. Aus gutem Grund, wie der 1,81 Meter große Profisurfer verrät: „Um ein für mich optimales Gewicht aufs Brett zu bringen, muss ich noch fünf bis sechs Kilogramm an Muskelmasse zulegen.“

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