Inklusionssport

Für Niklas – und andere besondere Kinder

| Lesedauer: 12 Minuten
Miriam Opresnik
Los geht’s: Katja Liebler (vorn) und ihre neue Sportgruppe beim Aufwärmen. Mit dabei: Pia und Max. Pia Görrissen vom Kreissportverband Stormarn (hinten) unterstützt als mobile Übungsleiterin das Projekt.

Los geht’s: Katja Liebler (vorn) und ihre neue Sportgruppe beim Aufwärmen. Mit dabei: Pia und Max. Pia Görrissen vom Kreissportverband Stormarn (hinten) unterstützt als mobile Übungsleiterin das Projekt.

Foto: Miriam Opresnik / Miriam Opresnik (FMG)

Katja Liebler hat in Tangstedt eine Sportgruppe für Kids mit und ohne Behinderung gegründet. Das Motto: Sport für alle!

Tangstedt.  Ein bisschen aufgeregt ist sie schon, als sie an diesem Donnerstagnachmittag auf die Kinder wartet. Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Malen hat sie dort schon gestanden, genau an dieser Stelle auf dem Sportplatz des WSV Tangstedt. Als Kind hat sie hier trainiert, später als Jugendliche andere angeleitet. Sie kennt die Abläufe, hat jede Übung verinnerlicht.

Ein Herzensprojekt der Übungsleiterin

Trotzdem ist es heute anders als sonst, wenn sie mit Kindern Leichtathletiktraining gemacht hat oder für das Sportabzeichen geübt hat. Denn diese Gruppe ist etwas ganz Besonderes. Sie ist ein Herzensprojekt von Katja Liebler.

Wenn man die 48-Jährige fragt, wann sie die Idee dafür hatte, dann muss sie selbst überlegen. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, keinen Aha-Moment, nach dem alles anders war. Aber viele kleine Ereignisse, die sie nicht mehr losgelassen haben – und ihr schließlich klarmachten, dass es so nicht weitergehen kann. Dass es einfach nicht reicht, wenn Sportvereine für Kinder nur Fußball, Turnen, Handball und Badminton anbieten. Wenn Sport nur in Sparten angeboten wird. Und wenn Sportprogramme nur für normale Kinder konzipiert werden.

Katja Liebler mag den Begriff eigentlich nicht. Normal. Wenn sie ihn benutzt, malt sie jedes Mal ein Anführungszeichen in die Luft. Für sie gibt es kein normal. Weil das dann bedeuten würde, dass es auch ein unnormal gibt. Und das klingt schrecklich, findet sie. Und überhaupt – wer lege denn eigentlich fest, was normal und nicht normal sei?

Die Gruppe ist offen für Kinder ab sechs Jahren

Es ist keine Frage, vielmehr eine Kampfansage. Liebler ist es gewohnt, zu kämpfen. Sie hat selbst einen Sohn, der besonders ist, wie sie es nennt. Besonders, einzigartig, wundervoll. Auf seine Art, seine besondere Art. Für seine Ärzte, Lehrer und Therapeutin ist er Autist – für sie ist er einfach nur Niklas.

Niklas, der schon als kleiner Junge unglaublich gut sprechen konnte. Der keine Rechenaufgabe vergisst, die er jemals gehört hat. Der jedem Menschen anhand seines Geburtsdatums sagen kann, an welchem Wochentag er oder sie vor fünf oder zehn Jahren Geburtstag hatte. Der lieber rennt, als zu gehen. Der mit anderen Sport machen und spielen möchte – so wie jedes andere Kind auch. Und der nirgendwo seinen Platz findet, nirgendwo mitmachen kann, nirgendwo akzeptiert wird, so wie er ist.

Nicht beim Fußball und nicht beim Tennis, nicht beim Turnen und nicht bei der Leichtathletik. Weil er Schwierigkeiten hat, sich an Regeln zu halten. Mit anderen Kindern zu kommunizieren. Und weil er mehr Aufmerksamkeit braucht als andere.

Im Mittelpunkt stehen individuelle Bedürfnisse und Fähigkeiten

Deswegen hat Katja Liebler jetzt eine eigene Gruppe für ihn gegründet. Für Niklas und Kinder wie ihn. „Und alle anderen Kids, die noch nicht ihren Platz gefunden haben oder sich einfach nicht auf eine Sportart festlegen wollen“, sagt Katja Liebler. Die Gruppe steht allen Kindern ab sechs Jahren offen und soll inklusiv sein. „Das heißt: Wir gehen auf die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Kinder ein“, so Liebler.

Jahrelang ist sie mit Niklas zu anderen Vereinen gefahren, die entsprechende Gruppen für Kinder wie ihn angeboten haben. Zuerst in die Alsterdorfer Sporthalle nach Hamburg, dann nach Hoisbüttel. Großartig sei das dort gewesen, erinnert sich Katja Liebler. Trotzdem habe sie sich immer gefragt, warum es ein solches Angebot nur in anderen Clubs gibt – und nicht in ihrem Heimatverein. Hier, wo sie selbst seit 40 Jahren trainiert, wo sie andere anleitet, bei der Sportabzeichen-Prüfung hilft und stellvertretende Leiterin der Leichtathletiksparte ist. Hier, wo ihre Tochter Sport macht. Hier, wo sie immer wieder versucht hat, etwas auf die Beine zu stellen, sich immer wieder um eine Hallenzeit bemüht hat. Vergeblich. Bis eines Tages ein ganz besonderer Brief beim
WSV Tangstedt einging.

Es war eine Umfrage vom Kreissportverband Stormarn zum Thema inklusiver Sport. Als Katja Liebler den Fragebogen beantwortete, dachte sie sich nicht viel dabei. Doch schon kurz danach wurde sie von Pia Görrissen kontaktiert, der Projektkoordinatorin für inklusiven Sport im KSV. Und was sie zu sagen hatte, machte Liebler sprachlos: Die Inklusionsbeauftragte des Kreissportverbandes wollte sie tatkräftig bei der Gründung einer „Sportgruppe für Alle“ unterstützen. Nicht nur finanziell, sondern auch fachlich. Persönlich, als Trainerin, direkt vor Ort.

Kompetente Hilfe bei Startschwierigkeiten

Aus diesem Grund ist Katja Liebler an diesem Donnerstag nicht alleine auf dem Sportplatz, sondern gemeinsam mit Pia Görrissen, die im Zuge ihrer Tätigkeit als Inklusionsbeauftragte Vereinen als mobile Sportlehrerin zur Seite steht.

„Da viele Vereine Probleme haben, geeignete Trainer zu finden, wollen wir ihnen auf diesem Weg über die Startschwierigkeiten hinweghelfen“, sagt Görrissen. Die 26-Jährige spricht aus Erfahrung. Zusammen mit Liebler hat sie wochenlang nach einer Übungsleiterin für die neue „Sportgruppe für Alle“ in Tangstedt gesucht. Ohne Erfolg. Die beiden Frauen haben sich trotzdem nicht von ihrem Projekt abbringen lassen – im Gegenteil: „Dann mache ich es eben erst einmal selbst“, hat Katja Liebler beschlossen. Schließlich hat sie schon Dutzende von Kindergruppen trainiert. Selbst als sie gerade Mutter geworden war, sprang sie kurzfristig ein, als ein Trainer gesucht wurde. Ihren Sohn Niklas, damals noch ein Baby, nahm sie einfach im Kinderwagen mit. „Da es ja auch immer Leute gab, die mich als Kind trainiert haben, stand für mich immer fest, dass ich das auch machen werde – und auf diese Art etwas zurückgebe“, sagt die Tangstedterin.

Da ihre Übungsleiter-C-Lizenz jedoch vor Jahren abgelaufen ist, macht sie diese noch einmal neu. Der Grund: Bei Trainern mit C-Lizenz beteiligt sich der Kreissportverband Stormarn an den Personalkosten. Die Unterstützung können Vereine bis zu zwei Jahre lang in Anspruch nehmen, wenn sie ein neues Projekt im Bereich Inklusionssport ins Leben rufen. Gefördert wird das Projekt des KSV durch die Stiftungen der Sparkasse Holstein sowie durch die Aktion Mensch.

KSV Stormarn geht einen neuen Weg

Schon 2016 hatte der KSV Stormarn das Projekt „Sport für Alle – Stormarner Vereine leben inklusiven Sport“ initiiert, um möglichst vielen Menschen mit Behinderungen der Zugang zum Sport zu ermöglichen – „und damit einen wichtigen Beitrag in Richtung einer gleichberechtigten Teilhabe zu leisten“, sagt Pia Görrissen. Die Aktion war zunächst auf drei Jahre befristet. 2019 wurde die hauptberufliche Stelle der Projektkoordinatorin dann allerdings dauerhaft geschaffen.

„Das ist ein Novum in Schleswig-Holstein und ein wichtiger Schritt auf dem Weg, das Thema Inklusion im und durch den Sport langfristig in der Gesellschaft zu verankern. Außer Stormarn hat kein Kreis in Schleswig-Holstein eine hauptberufliche Inklusionsbeauftragte im Bereich Sport“, sagt Pia Görrissen stolz.

Rund 170 Sportvereine gibt es im Kreis, davon bieten 23 inklusive Gruppen an. Für Pia Görrissen ein guter Anfang, der aber noch ausgebaut werden kann – und muss. Mit dem Projekt „Sport für Alle – Weiterentwicklung des Inklusionssports im Kreis Stormarn“ möchte der KSV Stormarn den gemeinsamen Sport von Menschen mit und ohne Behinderung weiter etablieren. Es ist ein Leuchtturmprojekt im nördlichsten Bundesland, das andere Vereine zum Mit- und Nachmachen animieren soll.

Leuchtturmprojekt in Schleswig-Holstein

Katja Liebler hofft, dass es bald noch mehr Gruppen wie ihre geben wird. Dass noch mehr auf Inklusion geachtet wird. Denn der Bedarf ist da – das hat sie ganz schnell selbst gemerkt. Obwohl „Sport für Alle“ beim WSV erst vor zwei Wochen gestartet ist, gibt es jetzt schon eine Warteliste. „In den vergangenen Tagen haben sich immer wieder Eltern gemeldet“, sagt Liebler. Nicht nur für Kinder mit Behinderung, sondern auch für Kinder ohne Behinderung. Kinder, die in keiner der klassischen Sportarten ihren Platz gefunden haben – aber trotzdem Sport machen wollen. Sie wollen balancieren und hüpfen, spielen, rennen, werfen, fangen. Nicht allein, nicht mit den Eltern. Sondern gemeinsam mit anderen Kindern.

All das bieten Katja Liebler und Pia Görrissen in einer Übungseinheit an. Sie bauen einen Hindernisparcours auf, veranstalten einen Staffellauf, spielen Ticken und „Ich packe meinen Koffer“ mit Sportbewegungen. Sie habe eine große Kiste mit Material dabei, mit verschiedenen Bällen, Hütchen, Ringen, einem großen Schwungtuch. „Kein Kind ohne Sport“ steht auf dem großen Karton. Es ist ein Geschenk der Sportjugend Schleswig-Holstein, eine Auszeichnung für ihr Engagement.

Mit dem Starter-Paket im Gesamtwert von 450 Euro zeichnet die Sportjugend Vereine aus, die sich im Sinne der Initiative „Kein Kind ohne Sport“ engagieren. Das Ziel der Aktion ist, allen Kindern und Jugendlichen die Teilnahme am organisierten Sport zu ermöglichen. Am Anfang sollte damit vor allem der Kinderarmut entgegengewirkt werden, heute ist es eine Gesamtinitiative gegen soziale Ausgrenzung im Sport. Das heißt, inzwischen umfasst „Kein Kind ohne Sport“ auch die Bereiche Inklusion, Integration sowie die Unterstützung von jungen Menschen mit Fluchterfahrungen.

Es gibt bereits eine Warteliste

Die Kinder sind begeistert von den Materialien und Aufgaben, fragen immer wieder nach, was sie als denn noch spielen werden – und freuen sich auf das nächste Mal. Lediglich ein Junge ist ein bisschen skeptisch. Niklas, der Sohn von Katja. Er findet es gar nicht gut, dass ausgerechnet seine Mutter die Anweisungen gibt. Er möchte wie seine kleine Schwester auch mal etwas ohne seine Mutter machen. Er möchte selbstständig sein. Bald wird er zwölf Jahre alt. Er wünscht sich, dass bald jemand anderes die Gruppe leitet. Katja Liebler probiert schon, das zu organisieren...

Inklusionsangebote und Ansprechpartner

Das Ziel ist klar: Menschen mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam Sport machen können. Dafür setzen sich im Kreis Segeberg und im Kreis Stormarn Vereine und Institutionen ein.

Zu den Vorreitern auf dem Gebiet des Inklusionssports zählt der Inklusive Sportverein Norderstedt (ISN), der vor mehr als 15 Jahren von den Norderstedter Werkstätten gegründet wurde. Da man mit dem Versuch gescheitert war, behinderte Sportler in Vereine zu integrieren, entschloss man sich zur Gründung eines Clubs, in den Nicht-Behinderte inkludiert werden.

Etwa die Hälfte der 170 Mitglieder hat ein Handicap; die jüngsten Sportler sind zehn Jahre alt. Derzeit gibt es sieben Sportgruppen. Unter anderem Nordic Walking, Radrennsport oder Basketball; bald soll eine Tennisgruppe hinzukommen. Weitere Infos gibt’s unter Telefon 040/521 14 131 oder info@nordersport.de

TuRa Harksheide hat ebenfalls verschiedene Sportangebote für Menschen mit Beeinträchtigung im Angebot. Viele nutzen unter anderem das Fitness Studio des Vereins. Kontakt per Mail
(inklusion@tura-harksheide.de)

Auch die im Januar neu gegründete Inklusions Agentur Norderstedt hilft Menschen mit Beeinträchtigungen bei der Suche nach einem Sportverein sowie und bei anderen Fragen. Ansprechpartnerin ist unter anderem Petra Hoff, die zwei Jahre lang bei TuRa Inklusionsbeauftragte war.

Gemeinsam mit den Betroffenen wird ermittelt, welcher Sport am besten geeignet ist und wo er gemacht werden kann. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.n-i-i-n.de oder info@n-i-i-n.de

Die Kreissportverbände Segeberg und Stormarn haben jeweils eigene Inklusionsbeauftragte. Torben Heyl ist unter torben.heyl@se-sport.de zu erreichen, Pia Görrissen unter inklusion@ksv-
stormarn.de.

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