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„Die Enttäuschung ist groß“

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Frank Best
Fußballlehrer Jens Martens ist seit dem 9. April 2019 Trainer von Eintracht Norderstedt.

Fußballlehrer Jens Martens ist seit dem 9. April 2019 Trainer von Eintracht Norderstedt.

Foto: Anne Pamperin

Jens Martens, Coach von Regionalligist Eintracht Norderstedt, äußert sich im Abendblatt-Interview zum Abbruch der Regionalliga-Saison.

Norderstedt. Am kommenden Mittwoch macht der Norddeutsche Fußball-Verband Nägel mit Köpfen. Dann wird sich der NFV in einer Videokonferenz mit den 22 Vereinen der Regionalliga Nord zusammenschalten und den von der großen Mehrheit der Clubs geäußerten Wunsch, die Punktspielsaison 2020/2021 abzubrechen, erfüllen – diese Entscheidung gilt als Formsache.

Doch es besteht trotzdem Diskussionsbedarf. Denn das Präsidium des NFV muss die Frage klären, ob es in diesem Jahr Aufsteiger in die Regionalliga und Absteiger in die Oberliga geben wird. Zwar hatten die aktuellen Viertliga-Clubs den Vorschlag gemacht, in der neuen Serie bezüglich der Staffeleinteilung keine Veränderungen vorzunehmen – doch diverse Fünftligisten aus Niedersachen und Bremen haben für diesen Fall angekündigt, ihr Aufstiegsrecht wahren und möglicherweise sogar rechtliche Schritte einleiten zu wollen.

Für Spannung am grünen Tisch ist also gesorgt. Für Spannung auf dem grünen Rasen leider nicht. Jens Martens, der Trainer der Regionalliga-Kicker von Eintracht Norderstedt, ist zurzeit besonders gefordert. Seine Mannschaft darf seit einigen Wochen trotz hoher Inzidenzahlen mit einer Ausnahmegenehmigung trainieren, da die Spieler den Status als Berufssportler haben. Ein konkretes Ziel gibt es gegenwärtig indes nicht.

Martens beschreibt im Interview mit dem Abendblatt, wie er seinen Kader trotzdem motiviert – und wie er die Chancen einschätzt, dass in den kommenden Wochen der Lotto-Pokal-Wettbewerb des Hamburger Fußball-Verbandes über die Bühne gehen kann.

Herr Martens, das Thema Regionalliga-Punktspiele dürfte durch sein. Wie fühlt sich das für Sie als Trainer an?

Jens Martens Das ist schon ein bisschen ambivalent. Wir haben immer gesagt, dass wir unbedingt spielen wollen, damit unsere Jungs nicht mehr als ein Jahr aus einem regelmäßigen Wettkampfbetrieb raus sind. Und wir haben immer gehofft, dass unter Einhaltung strenger Hygieneregeln da noch was möglich ist. Doch wenn man die neueste Entwicklung der Corona-Pandemie sieht, muss man diese Entscheidung akzeptieren.

Hätte es aus Ihrer Sicht irgendeine sinnvolle Alternative zum Abbruch der Punktrunde gegeben?

Ich glaube nicht. Da war vieles von der Hoffnung getragen, dass sich die Infektionszahlen rückläufig entwickeln würden – doch dem ist leider nicht so.

Der Spielbetrieb in den fünf deutschen Regionalligen ist ähnlich uneinheitlich wie die Maßnahmen der Politik zur Bekämpfung des Sars-CoV-2-Virus. Im Westen und Südwesten wird gekickt, im Norden, Nordosten und in Bayern ist Zwangspause. Was heißt das für die Zukunft?

Eine ganz wesentliche Konsequenz aus der Corona-Geschichte muss sein, dass in den Regionalligen Einheitlichkeit hergestellt wird, dass es künftig keine Zweiklassengesellschaft mehr gibt. Das bedeutet, dass bundesweit alle Viertliga-Teams den Profi-Status bekommen. Das Rad ist eh nicht mehr zurückzudrehen. Also müssen diejenigen Clubs, die bislang noch als Amateure klassifiziert werden, nachziehen – und außerdem die Lizenzierungsbedingungen angepasst werden. Für alle Mannschaften innerhalb einer Staffel müssen dieselben Bedingungen gelten, auch wenn die Teams wie in der Regionalliga Nord aus vier verschiedenen Bundesländern kommen.

Was sagen Sie einem Club wie dem Heider SV, der seine Kicker nicht als Berufssportler sieht?

Solche Vereine können dann nicht in der Regionalliga spielen. Eine Stufe höher gibt es ja auch Vorgaben. Wer kein Stadion für 10.000 Zuschauer hat, kann nicht in der 3. Liga antreten.

Sie und ihre Mannschaft trainieren seit Wochen mit einer Sondergenehmigung. Der Personenkreis, der die Anlage betreten darf, ist auf 30 eingeschränkt, es gibt zwei Antigen-Schnelltests pro Woche. Berichten Sie doch mal aus der „Blase“ an der Ochsenzoller Straße, wie ist die Stimmung?

An das Test-Prozedere haben wir uns schnell gewöhnt. Das läuft hervorragend, wir hatten bislang noch keinen positiven Fall. Das bedeutet, dass sich die Mannschaft auch abseits des Trainings in anderen Umfeldern vorbildlich verhält. Mit der aktuellen Situation ist natürlich niemand zufrieden, die Enttäuschung ist groß, denn wir haben auf einem Punktspiel-Neustart hingearbeitet – und der fällt ja nun flach.

Da passt es doch gut, dass Ihnen der Ruf vor­auseilt, ein Motivationskünstler zu sein. Wie halten Sie Ihre Truppe in dieser schwierigen Situation trotzdem bei Laune?

Mein Trainerteam und ich sind viel mit offener Kommunikation unterwegs und nahe an den Spielern dran. Wir müssen sehr feinfühlig und aufmerksam sein und dürfen nicht gleich die Knute rausholen, wenn in einer Übungseinheit mal nicht so viel Dampf drin war wie sonst üblich.

Richtig was gehen soll laut Hamburger Fußball-Verband ja noch im Lotto-Pokal-Wettbewerb…

Das ist gleich das nächste Problem für uns. Wir müssen die Spieler erneut bei der Stange halten, müssen sie in den Übungseinheiten fordern, ohne ihnen einen konkreten Termin für das nächste Pokalmatch nennen zu können. Dadurch ist die Trainingsperiodisierung ungemein schwierig. Ich weiß einfach nicht, wie man das vernünftig hinbekommen soll.

Ist das Vorhaben des HFV, den Hamburger Pokalsieger vor der neuen Saison sportlich zu ermitteln, angesichts der immer mehr an Fahrt gewinnenden dritten Welle der Corona-Pandemie überhaupt realistisch?

Ich halte das für höchst problematisch. Bislang ist ja erst eine Runde ausgetragen worden, und die meisten noch im Wettbewerb vertretenen Vereine haben seit Monaten nicht mehr trainiert. Aus gesundheitlichen Gründen ist deshalb vor dem Re-Start mindestens eine dreiwöchige Vorlaufzeit erforderlich. Der erste Regionalliga-Spieltag der Saison 2021/2022 soll am Wochenende 31. Juli/1. August stattfinden, und bis dahin stehen noch sieben Pokalrunden aus. Selbst wenn es gelingen sollte, den Cupwettbewerb vom 1. Juni an in nur dreieinhalb Wochen durchzupeitschen, damit der Hamburger Vertreter fristgemäß für die erste Runde im DFB-Pokal gemeldet werden kann, müsste ich meine Jungs danach eigentlich erst mal zur Erholung in den Urlaub schicken. Aber genau in diesem Zeitraum steht dann ja die Regionalliga-Vorbereitung auf dem Programm. Ich weiß nicht, wie das alles funktionieren soll. Und wenn uns dann noch einmal Corona dazwischenfunkt...

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