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Norderstedt trauert um Erwin Piechowiak

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Frank Best
Erwin Piechowiak (l., hier im Zweikampf mit Alfred Heiß von 1860 München), bestritt zwischen 1957 und 1966 insgesamt 175 Pflichtspiele für den HSV.

Erwin Piechowiak (l., hier im Zweikampf mit Alfred Heiß von 1860 München), bestritt zwischen 1957 und 1966 insgesamt 175 Pflichtspiele für den HSV.

Foto: imago sport / imago sportfotodienst

Der frühere HSV-Spieler und Trainer von TuRa Harksheide und des Glashütter SV ist nach langer Krankheit mit 84 Jahren gestorben.

Norderstedt.  Zwei Dekaden lang hat Erwin Piechowiak die Fußballszene in Norderstedt geprägt: als Trainer bei TuRa Harksheide (1972 bis 1982) und dem Glashütter SV (1986 bis 1996). Jetzt ist er nach langer Krankheit gestorben, im Alter von 84 Jahren. Er hinterlässt seine Ehefrau, drei Kinder und sieben Enkel.

Reenald Koch, Präsident von Eintracht Norderstedt, war als Kicker sowohl bei TuRa als auch für den GSV aktiv – und erinnert sich mit Hochachtung an seinen früheren Coach. „Ich habe die letzten fünf Jahre meiner Karriere unter Erwins Regie in Glashütte erlebt und bin bis heute dafür dankbar. Er war ein überragender Mensch und verfügte über eine unglaubliche Kompetenz in allen Dingen, die Fußball betrafen. Als Trainer wusste er immer genau, was zu tun war. Wenn die Peitsche nötig war, hat er die Peitsche rausgeholt. Aber es gab für uns Spieler dann auch wieder im richtigen Augenblick das Zuckerbrot.“

„Ein absolutes Vorbild“

Dieter Matz, Abendblatt-Sportredakteur im Ruhestand und als versierter Kenner des Hamburger Amateurfußballs ein langjähriger Wegbegleiter Piechowiaks, charakterisiert den Verstorbenen so: „Er war kein Lautsprecher, sehr zurückhaltend und bescheiden, hat auf seine ihm eigene Art aber immer das erreicht, was er wollte. Erwin hat nie ein Blatt vor den Mund genommen. Er war immer geradeheraus und hat seine Meinung gesagt, ohne dabei verletzend zu sein, ein absolutes Vorbild. Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der schlecht über ihn redet.“

Carsten Byernetzki, Pressesprecher des Hamburger Fußball-Verbandes und in jüngeren Jahren als Schiedsrichter aktiv, sieht das ähnlich. „Ich habe ihn als einen stets positiven, netten Zeitgenossen kennengelernt und die Spiele, in denen er als Trainer auf der Bank saß, immer gern gepfiffen.“

Größter Augenblick: Deutscher Meister 1960

Seinen größten Augenblick als Fußballer hatte Piechowiak am 25. Juni 1960. Damals wurde er mit dem Hamburger SV Deutscher Meister. In Frankfurt, vor 71.000 Zuschauern, durch einen 3:2 (0:0)-Erfolg gegen den 1. FC Köln. Zwei Tore gingen aus das Konto von Uwe Seeler, den dritten Treffer erzielte Gert „Charly“ Dörfel. Das Besondere: Das erfolgreiche Team setzte sich aus elf Hamburger Jungs zusammen, die in der Elbmetropole fußballerisch groß geworden waren. Und der in Georgswerder mit acht Geschwistern aufgewachsene Erwin Piechowiak, der 1957 zum großen HSV kam, vertrat dabei den Süden der Stadt.

Der vom Läufer und Halbstürmer zum Verteidiger umfunktionierte „Piecho“ absolvierte bis 1966 insgesamt 175 Pflichtspiele für die „Rothosen“. In der Bundesliga stand er unter den Trainern Martin Wilke, Georg Gawliczek und Josef Schneider 36-mal auf dem Platz. Sein Debüt in der höchsten deutschen Klasse gab er am 12. Oktober 1963 bei der 2:4-Niederlage gegen Werder Bremen. Den letzten Einsatz im Oberhaus hatte er am 21. Mai 1966, ebenfalls gegen Werder. Bei der 1:3-Heimschlappe unterlief ausgerechnet ihm in der 33. Minute ein Eigentor zum 1:2. Mehrfach führte Erwin Piechowiak den HSV in der Bundesliga als Kapitän aufs Feld. Seine Karriere beendet er beim SC Sperber.

Dem Hamburger SV und den alten Weggefährten blieb er aber in jeder Hinsicht verbunden: als Begleiter, als Freund, und auch beruflich. 23 Jahre lang leitete der gelernte Maschinenschlosser das Adidas-Auslieferungslager von Uwe Seeler. Diesem hatte er auf dem Platz den Rücken frei gehalten – und er hielt ihm nach der gemeinsamen Fußballzeit die Treue. Wie dem HSV, der ihn 2007 in den Walk of Fame aufnahm, der am Fuße des Volksparkstadions seine größten Vereinslegenden ehrt.

Ehefrau „Minchen“ war seine große Liebe

Stets mit von der Partie bei all diesen Stationen war die große Liebe seines Lebens. 1955 lernte Erwin Piechowiak Wilhelmine, sein „Minchen“, kennen. Die spätere Ehefrau spielte damals bei Einigkeit Wilhelmsburg Handball, er beim selben Verein Fußball. Beide wohnten nicht weit voneinander entfernt und kamen sich nach dem Training auf den gemeinsamen Heimwegen näher.

Später zog es die Piechowiaks, die 2018 ihre Diamantene Hochzeit feierten, nach Norderstedt, in ein Endreihenhaus in der Gleiwitzer Kehre mit einem schönen Grundstück. Auf das Objekt waren sie von Uwe Seeler aufmerksam gemacht worden.

Nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn trafen sich die Meisterkicker übrigens in der Altliga des HSV wieder. Mit dieser Mannschaft bereisten Erwin und „Minchen“ Piechowiak nahezu alle Kontinente. Die Spielerfrauen durften mit, mussten aber selbst zahlen…

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