Tennis

So funktioniert gute Nachwuchsförderung

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Karsten Jaeger
Zwei, die sich gut verstehen und seit fünf Jahren harmonisch zusammenarbeiten: Coach Mirko Schütte und Nachwuchshoffnung Carla Intert.

Zwei, die sich gut verstehen und seit fünf Jahren harmonisch zusammenarbeiten: Coach Mirko Schütte und Nachwuchshoffnung Carla Intert.

Foto: Karsten Jaeger

Mirko Schütte trainiert seit vielen Jahren Tennistalente. Spaß ist dabei eine Grundvoraussetzung, Enttäuschungen gehören zum Geschäft.

Bad Segeberg/Wahlstedt. Die Erfolge von Tennisstars vergangener Tage sind noch immer gegenwärtig, Weltklasse-Akteure wie Alexander Zverev und Angelique Kerber haben zuletzt viel für das Image ihres Sports getan. Doch wie sieht die Zukunft aus? Gibt es schon bald wieder Grand-Slam-Sieger wie Boris Becker und Steffi Graf, die für die deutsche Jugend ein Vorbild gewesen sind?

Auf der Suche nach innovativen Ideen bei der Talentsichtung hat der Deutsche Tennis Bund (DTB) über Jahre hinweg viele Initiativen gestartet, zuweilen mit vielversprechenden Ergebnissen. Man fragt sich heute: Wie entdeckt man überhaupt Talente? Wie baut man sie auf und bereitet sie auf eine erfolgreiche Profilaufbahn vor?

Mirko Schütte ist seit 1999 A-Lizenz-Inhaber

Carla Intert ist eine vielversprechende Nachwuchshoffnung, sie gehört im nördlichsten Bundesland zu den Besten ihres Jahrgangs. Die Tochter von Frank Intert, dem Präsidenten des Tennisverbandes Schleswig-Holstein, und dessen Ehefrau Andrea, wird im fünften Jahr von Mirko Schütte (52) trainiert. Der Tennislehrer ist Vorsitzender des TC an der Schirnau, seit 1999 A-Lizenz-Inhaber. Er schulte unter anderem Julia Görges (Bad Oldesloe) sowie Julian Reister (Reinbek) und Tobias Kamke (Lübeck), die beide beim TC Logopak Hartenholm in der 2. Bundesliga aufschlugen.

Gerade im Nachwuchsbereich eilt Schütte, der mit 18 Jahren sein erstes Training leitete, ein guter Ruf voraus. Er hat für sich eine eigene Philosophie entwickelt, jugendliche Tennis-Asse aufzubauen. Carla Intert, das jüngste von sieben Kindern der Familie Intert, hat im Leistungszentrum in Wahlstedt zweimal pro Woche Landestraining, hinzu kommen drei bis vier Einheiten mit Schütte. Zur Erleichterung des Tagesablaufes und Verkürzung der Fahrtwege von Carla versucht er, das Training so oft wie möglich in Wahlstedt anzusetzen.

Ein schweißtreibender Nachmittag in der Halle des TC Rot-Weiss Wahlstedt hat begonnen. „Komm, Carla, hopp, auf geht’s“, ruft Schütte. Gemächlich beginnt das Training in der Nähe des Netzes. Carla Intert, 1,56 Meter groß, spielt den Ball immer wieder locker ins Aufschlagfeld. Sie soll so Gefühl bekommen und den Schlagrhythmus finden.

Aber plötzlich, beinahe unangekündigt, forciert sie auf Zuruf ihres Trainers das Tempo und peitscht die Bälle von der Grundlinie mit einer für eine 13-Jährige ungeheuren Geschwindigkeit über den Platz.

Jeder Jugendliche kann Tennis erlernen

„Carlas Motorik, Schnelligkeit und Bewegungsfreudigkeit ist für ihr Alter erstaunlich“, sagt Mirko Schütte. Der Diplom-Sportwissenschaftler betont, dass jeder Jugendliche Tennis erlernen und sich stetig verbessern kann. Gewisse Grundvoraussetzungen müssten freilich vorhanden sein.

Carla Intert hat im Alter von sechs Jahren mit dem Tennisspielen begonnen. Als sie acht wurde, trainierte sie dann zum ersten Mal bei Mirko Schütte. „Zuerst muss man sicher sein, dass jemand den nötigen Spaß mitbringt“, sagt er, „ohne den geht es nicht. Bei Carla traf das von Beginn an zu.“

Die meisten Nachwuchsspieler üben meist auf kleineren Midcourt-Feldern, bevor es eines Tages auf den „richtigen“ Platz geht. Coach Schütte ist sicher: „Die Jungen und Mädchen müssen sich erst einmal mit dem Tennisball anfreunden.“

In den ersten Monaten begannen die Übungseinheiten mit Carla Intert jedes Mal mit Ballgewöhnungsübungen, die ständig variiert wurden. Zum Beispiel sollte sie über den Platz laufen und dabei die Filzkugel prellend mit dem Schläger in der Luft halten. Die Elemente Aufschlag und Return spielen für den Coach eine elementare Rolle. Aber er vermittelte auch ein persönliches Konzept. Er sagt: „Jedes Tennistalent muss individuell geschult werden, damit die größtmöglichen Erfolgsaussichten gegeben sind.“

Für Schütte ist zudem wichtig: Wie kann sein Schützling im Match ohne seine Unterstützung Schwächen der Gegnerin erkennen und ausnutzen? Wie kann Carla Intert in kritischen Situationen ruhig, mental stark und in aussichtsloser Lage optimistisch bleiben? Intert sagt dazu: „Das klappt sehr gut. Und es klappt immer öfter.“ Ein Beispiel gefällig? Kürzlich lag sie in einem Match-Tiebreak mit 1:9 zurück und drehte die Partie noch mit 12:10.

Ohne eine mustergültige Fitness geht gar nichts

Etwaige Niederlagen sollen schnell verkraftet werden, um zu lernen. Gerade im Tennis gehören Enttäuschungen dazu. Genau wie eine gute Fitness. Mirko Schüttes Schüler müssen deshalb ein intensives Konditionsprogramm absolvieren. Carla Intert: „Meistens ist das ganz schön anstrengend für mich.“ Aber es lohnt sich ja: „Ich merke ständig, dass ich schneller und kräftiger werde.“

In Deutschland gibt es in ihrer Altersklasse etwa 30 Mädchen, die ähnlich hart üben wie die Schülerin der siebten Klasse am Städtischen Gymnasium in Bad Segeberg. Ihr Bruder Clemens (18) trainiert seit fast neun Jahren bei Mirko Schütte und muss sogar noch weitaus härtere Einheiten absolvieren. Zur Entspannung turnen Clemens und Carla auf dem Trampolin im heimischen Garten. Ihre Geschwister Amelie (24, sie hatte 2018 und 2019 zwei Hüftoperationen), Sophia (22), Luise (26), Elisa (29) und Laurens (28) stellen sich gerne als Tennis-Sparringspartner zur Verfügung.

Schnelles Wachstum wirkt sich auf die Koordination aus

Landesliga-Spitzenspieler Clemens Intert hatte 2019 enorme koordinative Probleme, er schnellte innerhalb eines Jahres um fast 30 Zentimeter auf 1,82 Meter in die Höhe – und ist damit kein Einzelfall. „Die hohe Wachstumsgeschwindigkeit des Körpers stellt enorme Anforderungen an junge Tennisspieler und die Geduld und Nervenstärke ihrer Eltern“, erklärt Schütte. Der erfahrene Coach ergänzt: „Fehlende Ergebnisse und mangelnde Performance auf dem Platz sind in diesem Lebensabschnitt die Regel. Nach spätestens einem Jahr ist dann wieder alles normal.“

Mutter Andrea Intert betrachtet die Situation deshalb gelassen. Sie hat Ähnliches schon mit den älteren Geschwistern der beiden erlebt. Und sie findet es optimal, dass Mirko Schütte die Tennis-Ambitionen seiner Schützlinge von Anfang an in die richtigen Bahnen lenkt.

Als wichtigstes Fundament für eine erfolgreiche Tennislaufbahn sehen An­drea Intert und Mirko Schütte eine harmonische und ehrliche Beziehung zwischen Spielern, Eltern und Trainern. Und wie steht es um das Verhältnis und die Rivalität unter Geschwistern? „Ich freue mich schon manchmal, wenn ich erfolgreicher bin als sie“, sagt Carla...

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