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Gibt es am 10. April den Re-Start der Regionalliga?

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Frank Best
Reenald Koch (61) ist seit der Vereinsgründung im Jahr 2003 Präsident des Fußballclubs Eintracht Norderstedt.

Reenald Koch (61) ist seit der Vereinsgründung im Jahr 2003 Präsident des Fußballclubs Eintracht Norderstedt.

Foto: ANNE Pamperin / Anne Pamperin

Reenald Koch, Präsident von Eintracht Norderstedt, äußert sich im Abendblatt-Interview zur möglichen Wiederaufnahme des Spielbetriebs.

Norderstedt. In einer gemeinsamen Videokonferenz mit den Vereinen der Regionalliga Nord der Männer und dem Spielausschuss haben die Verantwortlichen des Norddeutschen Fußball-Verbandes in der vergangenen Woche Möglichkeiten zur Fortsetzung des ruhenden Spielbetriebs diskutiert. NFV-Chef Günter Distelrath stellte klar: „Der Wiedereinstieg ist nur unter sorgfältiger Beachtung der geltenden Hygienekonzepte sowie einem umfangreichen Einsatz von Schnelltests möglich.“

Reenald Koch ist bei den Gesprächen mit den norddeutschen Viertliga-Clubs als Präsident von Eintracht Norderstedt sowie als Vorsitzender des Regionalliga-Ausschusses stets in einer Doppelfunktion dabei. Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt äußert sich der 61-Jährige zum vom NFV für Mitte April angedachten Re-Start der Regionalliga Nord sowie den Stand bezüglich der Kaderplanung seines Vereins für die Saison 2021/2022.

Herr Koch, die Infektionszahlen und Inzidenzwerte in Deutschland steigen konstant an, es mangelt an Impfstoff, der Hamburger Fußball-Verband und der Schleswig-Holsteinische Fußballverband haben ihre Punktrunden abgebrochen – doch der Norddeutsche Fußball-Verband möchte den Spielbetrieb in der Regionalliga Nord wieder aufnehmen. Mal ganz ehrlich: Ist dass jetzt nur das Pfeifen im dunklen Corona-Wald – oder gibt es dafür tatsächlich eine realistische Perspektive?

Reenald Koch Der Wunsch ist, dass wir am Wochenende 10./11. April wieder mit dem Spielbetrieb beginnen. Hintergrund ist folgender: Erstens wird sich die Impfsituation in Deutschland im April verbessern. Zweitens gehören wir gemäß Paragraf 77 des Sozialgesetzbuches und laut Einstufung durch die Verwaltungsberufsgenossenschaft zur Gruppe der Berufssportler; das liegt allen Vereinen, die Vertragsspieler haben, schriftlich vor. Wir müssen darauf drängen, dass der Spielbetrieb in der Regionalliga Nord wieder losgeht, denn die teilnehmenden Clubs sind in der Größe eines kleinen mittelständischen Unternehmens anzusiedeln. Noch weitere Ausfallzeiten könnten in einigen Fällen zu einer sehr schwierigen finanziellen Lage führen. Wir haben bislang keinerlei Unterstützung durch die staatlichen Institutionen bekommen und nur wenig Resonanz bei den verantwortlichen Stellen gefunden, obwohl der Deutsche Fußball-Bund das in diversen Schreiben angemahnt hat. Das muss definitiv geändert werden – in anderen Sportarten wäre die 4. Liga im Fußball eine 2. Bundesliga.

Eine Nachfrage zum Thema Berufssportler: Laut Thomas Seeliger, dem Coach desSC Weiche Flensburg 08, verweigert das in der Fördestadt zuständige Gesundheitsamt seiner Mannschaft genau diesen Status – damit darf und kann das Team aktuell nicht, wie beispielsweise Eintracht Norderstedt, fußballspezifisch trainieren. Wie erklären Sie sich das?

Das ist mir völlig unverständlich. Die Gesetzeslage ist, wie sie ist. Und ich weiß nicht, ob in Flensburg andere Gesetze gelten als im Rest der Republik.

Mit Chancengleichheit hat das aber nicht viel zu tun...

Die gibt es in dieser Situation doch ohnehin nicht. In den Gruppen Nord und Süd der Regionalliga Nord spielen sechs zweite Mannschaften von Proficlubs, die seit November ohne Einschränkungen trainieren dürfen, obwohl einige Spieler de facto gar keine Profis sind. Reinhard Koch, der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes, hat ja nicht ohne Grund gesagt, dass die Regionalligen künftig komplett zum Profisport dazugerechnet werden müssen. Diese Einstufung wird der DFB zur kommenden Saison entsprechend vornehmen.

Gehen wir mal davon aus, dass Mitte April tatsächlich um Punkte gekickt werden darf. Wie könnte der Weg dorthin aussehen?

Nach jetzigem Stand der Dinge soll Fußball ab dem 22. März ja wieder als Vollkontaktsport erlaubt sein. Deshalb müssen sich die Clubs darauf einstellen, dass sie nur eine 14-tägige Vorbereitungszeit für den Spielbetrieb haben werden.

Ist das nach der langen Wettkampfpause nicht arg wenig?

Es ist ja nicht so, dass Regionalliga-Spieler in der fußballlosen Zeit gar nichts tun und dann bei null anfangen, das kann man sich in dieser Klasse gar nicht erlauben. Als die Arbeit mit dem Ball noch nicht möglich war, stand bei Eintracht Norderstedt beispielsweise neben drei individuellen Laufeinheiten, die wir über ein Tracking-System auch kontrolliert haben, zweimal wöchentlich gemeinsames Fitness-Cybertraining auf dem Programm. Das werden die anderen Vereine sicherlich in ähnlicher Form praktiziert haben. Wir haben besondere Zeiten und besondere Umstände, daraus muss man das Beste machen. Die Alternative ist, dass die Punktrunde abgebrochen wird und die Absteiger sowie der Teilnehmer an den Aufstiegsspielen zur
3. Liga nach nur zehn Partien durch Anwendung der Quotientenregelung bestimmt werden.

Machen Sie es doch mal ganz konkret: Wie könnte eine Regionalliga-Heimpartie von Eintracht Norderstedt Mitte April unter den aktuellen Rahmenbedingungen über die Bühne gehen?

Es würde wie in den drei Profi-Ligen auf jeden Fall ohne Zuschauer gespielt werden. Außerdem dürften nur 60 bis 70 Personen ins Edmund-Plambeck-Stadion – die Vorstände von Heim- und Gastverein, die Spieler, die Funktionsteams beider Mannschaften, also Trainer, Co-Trainer, Physiotherapeuten, Busfahrer. Wie mit den Pressevertretern verfahren wird, müsste dann noch geklärt werden; es ist grundsätzlich ja im Interesse der Vereine, wenn über sie berichtet wird. Der Zugang für Personen, die nicht zum regelmäßig getesteten Eintracht-Umfeld gehören, wäre jedenfalls nur mit einem negativen Antigen-Schnelltest, der im Optimalfall nicht älter als vier Stunden ist, möglich.

Um das Gedankenspiel abzuschließen: In welchem Modus würde nach den Vorstellung des Norddeutschen Fußball-Verbandes denn dann gekickt werden?

Die Nord- und Süd-Gruppe der Regionalliga Nord haben bisher jeweils fast die gesamte Hinrunde ausgetragen. Der Plan des NFV sieht vor, möglichst die komplette Rückrunde zu absolvieren und die Nachholpartien dazwischenzuschieben, so dass am Ende alle Clubs 20 Begegnungen auf der Uhr haben. Das ist der Wunsch. Teilnehmer an den Aufstiegsspielen am 5., 6. und 12. Juni wäre nach diesem Modell am Ende die Mannschaft mit der höchsten Punktzahl aller 22 Teams, sofern sie denn eine Zulassung für die 3. Liga hat. Aus dem Norden haben diesbezüglich aber lediglich der Hamburger SV II und der FC Teutonia 05 ihr Interesse bekundet. Um Missverständnisse zur vermeiden: Dies alles gilt nur für den Fall, dass uns Corona keinen Strich durch die Rechnung macht.

Sind sind ja nicht nur Gründungsmitglied und Vereinspräsident von Eintracht Norderstedt, sondern auch Manager der Regionalliga-Mannschaft. Ist eine Kaderplanung für die kommende Saison während der Pandemie überhaupt möglich?

Ja, das geht. Wir haben in den vergangenen Wochen schon einige potenzielle Neuzugänge getestet. Ein Spieler, dessen Namen ich noch nicht nennen möchte, ist uns dabei sehr positiv aufgefallen; wir werden dem jungen Mann ein Angebot machen. Alle Verantwortlichen wissen genau, wo unsere Defizite sind, wo wir uns verbessern können. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Und: Die Chancen bei der Suche nach Verstärkungen stehen für einen Verein wie uns gar nicht mal so schlecht. Ich gehe davon aus, dass es im Sommer eine Spielerschwemme geben wird, weil dann viele Zweit- und Drittligisten aufs Geld achten und ihre Aufgebote verkleinern müssen. Zum jetzigen Zeitpunkt kann schließlich niemand vorhersagen, wann wieder vor Zuschauern gespielt werden darf.

Bleibt das aktuelle Eintracht-Team zusammen?

Nein, nicht ganz. Alexandre Rajao da Cunha wird uns leider verlassen, um in den USA zu studieren. Er hat Angebote von drei Universitäten vorliegen, an denen er nahezu professionell Fußball spielen kann. Das ist doch toll für den Jungen, einem 20-Jährigen kann man zu diesem Schritt nur raten. Ich habe ihm alles Gute gewünscht, und er wird sich mit Sicherheit bei uns melden, wenn er wieder zurückkommt. Da es abzuwarten gilt, wann unser zweiter Rechtsverteidiger, Juri Marxen, nach seiner Knieverletzung wieder fit ist, müssen wir auf dieser Position was tun. Der zweite Abgang ist Michael Kobert, er bekommt von uns kein neues Angebot. Dafür ist der aus Südkorea zurückgekehrte Kangmin Choi ein gefühlter Neuzugang im Offensivbereich. Mittelfeldakteur Benjamin Dreca, der noch eine Saison in unserer A-Jugend-Regionalliga-Mannschaft spielen kann, erhält einen Zweijahresvertrag, er hat im Training überzeugt. Außerdem wird U-19-Stürmer Batuhan Evren hochgezogen. So erhalten wieder einmal zwei Jungs aus dem eigenen Nachwuchs eine Bewährungschance.

Und was ist mit den Spielern, deren Verträge am Saisonende auslaufen?

Ich habe mich bereits mit allen Kandidaten unterhalten, werde demnächst noch einmal Evans Nyarko kontaktieren. Die beiden Torhüter Lars Huxsohl und Stefan Rakocevic sowie Innenverteidiger Fabian Grau haben zugesagt. Nils Brüning möchte sehr gern bei Eintracht Norderstedt bleiben. In seinem Fall steht jedoch noch eine Entscheidung aus, weil er sich nach Abschluss seines Masterstudiengangs eventuell beruflich verändern muss.

Was ist mit Johann von Knebel, dem in der Vergangenheit schon mal Drittliga-Ambitionen nachgesagt wurden?

Mit ihm laufen gute Gespräche. Und Johann hat mir bislang noch nicht signalisiert, dass er den Verein wechseln möchte. Abgesehen davon dürfte es für Spieler wie ihn wegen der schon erwähnten Sparmaßnahmen der Clubs recht schwierig werden, in diesem Jahr in der 3. Liga unterzukommen.

Was bedeutet Corona für die Talente, die aus der Norderstedter U-19-Mannschaft in den Erwachsenenbereich aufrücken?

Wir werden diejenigen Jungs, die wir in der kommenden Saison nicht bei uns unterbringen können, wie schon in der Vergangenheit an Hamburger Oberliga-Vereine vermitteln und ihre Entwicklung weiter beobachten. Doch generell ist die laufende Serie gerade für die Spieler des älteren Jahrgangs nicht einfach, weil sie kaum Gelegenheit haben, um sich zu präsentieren.

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