Tokio 2021

„Mir fehlt da ein bisschen der Glaube“

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Frank Best
Sonja Scheibl belegte 2012 bei den Olympischen Sommerspielen in London den 17. Platz im Trap-Wettbewerb der Damen. 2016 verpasste sie knapp die Qualifikation für Rio de Janeiro.

Sonja Scheibl belegte 2012 bei den Olympischen Sommerspielen in London den 17. Platz im Trap-Wettbewerb der Damen. 2016 verpasste sie knapp die Qualifikation für Rio de Janeiro.

Foto: Thomas Maibom

Olympiakandidatin Sonja Scheibl aus Itzstedt zweifelt wegen Corona daran, dass die Sommerspiele in Japan planmäßig stattfinden können.

Itzstedt. Auf unserem Planeten kann aktuell wohl niemand verlässlich prognostizieren, wie sich die weltweit grassierende Corona-Pandemie in den kommenden Wochen entwickeln wird. Die schleppend angelaufene Impfstoff-Produktion sowie deutlich infektiösere Mutationen des Sars-CoV-2-Virus aus England, Südafrika und Brasilien treiben Politikern und Epidemiologen trotz sinkender Sieben-Tage-Inzidenzzahlen, die die auf 100.000 Menschen bezogene Neuerkrankungsrate dokumentieren, Sorgenfalten auf die Stirn.

IOC-Präsident Thomas Bach ist wie 2020 vorgeprescht

Doch Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und qua Amt kein Freund einer Absage der Olympischen Sommerspiele in Tokio, scheint hinsichtlich Corona ein unverbesserlicher Optimist zu sein. Das wurde im März 2020 offensichtlich, als er eine Verlegung der Großveranstaltung um zwölf Monate zunächst kategorisch ablehnte, wegen starken öffentlichen Drucks jedoch schnell zurückrudern musste. Und das ist auch 2021 so.

„Die Athleten werden am 23. Juli voller Stolz ins Olympiastadion von Tokio einlaufen und in die Welt eine Botschaft von Widerstandsfähigkeit, Leidenschaft und olympischen Werten senden“, verkündete Bach Ende Januar. Angesichts besorgniserregender Infektionszahlen – zu Jahresbeginn wurde für den Großraum der Millionenmetropole sogar der Notstand ausgerufen – wächst derweil in der internationalen Sportszene und auch bei der japanischen Bevölkerung die Furcht, dass aus dem Fest der Völker ein Superspreader-Ereignis werden könnte.

Eine gewisse Grundskepsis ist vorhanden

Auch Olympiakandidatin Sonja Scheibl hat die bislang getätigten Aussagen des IOC-Chefs mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. „Mir fehlt da ein wenig der Glaube, dass alles so eintreten wird, wie Herr Bach sich das vorstellt“, sagt die 41 Jahre alte Trapschützin des Itzstedter SV, „es lässt sich nicht abstreiten, dass bei mir eine gewisse Grundskepsis vorhanden ist.“ Das klingt sehr nach einem Déjà-vu: Auch 2020 hatte sie sich früh kritisch zur Einschätzung der Funktionäre geäußert – und am Ende recht behalten.

Sonja Scheibl hofft natürlich, dass sich die allgemeine Lage bis April so weit entspannt, dass die Ausscheidung für die Europameisterschaft in Polen stattfinden und sie sich bei der EM im Mai den letzten deutschen Quotenplatz für die Wettbewerbe in der japanischen Hauptstadt sichern kann. „Doch die Schützen“, so die selbstständige Tischlermeisterin, „hängen zurzeit völlig in der Luft.“

Gerade erst wurden Weltcup-Veranstaltungen in Ägypten und Indien abgesagt, demzufolge gibt es keine belastbaren Ergebnisse, die Auskunft über die aktuelle Form geben. Und auch an ein wettkampforientiertes Training ist gegenwärtig nicht zu denken. Als Kaderathletin dürfte Scheibl, die normalerweise am Stützpunkt des Deutschen Schützenbundes in Osnabrück mit Tino Wenzel aus Ibbenbüren zusammenarbeitet, zwar mit einer Ausnahmegenehmigung auf den Schießstand in Itzstedt. „Aber ganz allein macht das keinen Sinn.“

Das Notprogramm: Meditation und Trockenanschläge

Was ihr in heimischer Umgebung bleibt, sind Meditationsübungen und Trockenanschläge mit der Waffe. „Die mache ich in der Wohnung. Allerdings erst, wenn ich die Vorhänge vor die Fenster gezogen habe“, sagt Sonja Scheibl, die 2012 an den Olympischen Sommerspielen in London teilgenommen hat und 17. bei den Damen wurde, schmunzelnd.

Dass sie trotz der für eine Weltklasse-Schützin wenig leistungsfördernden Rahmenbedingungen den Humor nicht verloren hat, liegt sicherlich auch an ihrer Routine. „Ich bin hochmotiviert, möchte mich sehr gern für Tokio qualifizieren und bereite mich auf das, was eventuell noch kommen kann, gedanklich so gut es geht vor. Aber ich mache mir keinen großen Druck, zehre von meiner Erfahrung – das ist sicherlich ein großer Vorteil gegenüber den jüngeren Konkurrentinnen aus Deutschland.“

Impfung ist kein Nominierungskriterium

Und wie steht Sonja Scheibl zum Thema des Impfens von Olympia-Teilnehmern, wie es Speerwurf-Bundestrainer Boris Obergföll jüngst ins Gespräch gebracht hat? „Das ist eine schwierige Frage, so lange es Menschen gibt, die viel dringender geschützt werden müssen als wir Leistungssportler. Die Aktiven haben vor Kurzem eine Online-Umfrage des Deutschen Schützenbundes bekommen“, sagt sie, „weiter haben wir uns damit aber noch nicht beschäftigt. Der nationale Verband hat allerdings schon betont, dass die individuelle Entscheidung für oder gegen eine Impfung keinen Einfluss auf eine etwaige Olympia-Nominierung haben wird.“

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