Interview

„Wir liegen bislang absolut im Soll“

Trainer Jens Martens (Eintracht Norderstedt).

Trainer Jens Martens (Eintracht Norderstedt).

Foto: noveski.com

Trainer Jens Martens schildert, was der Lockdown für die Fußballer von Eintracht Norderstedt bedeutet, und zieht eine Zwischenbilanz.

Norderstedt. Jens Martens, der Trainer der Regionalliga-Fußballer von Eintracht Norderstedt, dürfte sich aktuell ein wenig so fühlen wie US-Schauspieler Bill Murray. Dieser verkörperte im Kino-Klassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ den TV-Wetteransager Phil Connors, der in einer Zeitschleife festsitzt und ein und denselben Tag immer wieder erlebt.

Einstellung des kompletten Spiel- und Trainingsbetriebs, Rätselraten über den weiteren Saisonverlauf – mit dieser Situation sahen sich Martens und sein Team auch schon im März konfrontiert. Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt schildert der Fußballlehrer, welche Probleme die zunächst bis Ende November befristete neuerliche Zwangspause für alle Beteiligten mit sich bringt. Und er zieht außerdem eine sportliche Bilanz der vergangenen Monate, in denen unter Einhaltung der Corona-Auflagen gekickt werden durfte.

Herr Martens, lassen sich die Auswirkungen des November-Lockdowns auf Sie und Ihre Spieler mit denen im Frühjahr vergleichen?

Jens Martens Einerseits ja, andererseits nein. Wie damals ist ein Mannschaftstraining nicht möglich. Aber die Tatsache, dass die neuen Einschränkungen erst einmal nur vier Wochen lang gelten sollen, macht die Sache nicht leichter. Im März konnten wir uns auf eine monatelange Pause einstellen, da gab es eine gewisse Planungssicherheit. Das ist diesmal nicht so.

Was heißt das konkret?

Aktuell kann doch niemand sagen, was nach dem Lockdown passiert. Darf dann wieder mit mehr als zehn Personen Sport getrieben werden? Oder werden die Restriktionen eventuell sogar verlängert? Ganz herunterfahren können und wollen wir unser Trainingsprogramm nicht, es besteht ja immerhin die Möglichkeit, dass im Dezember noch ein oder zwei Regionalliga-Punktspiele stattfinden, sofern die Infektionszahlen deutlich sinken. Unser Plan sieht so aus: Wir werden den Jungs in dieser Woche frei geben, sie sollen sich physisch und psychisch von den Strapazen der vergangenen Monate erholen. Für den Zeitraum vom 9. bis 15. November erarbeiten wir gerade individuelle Laufpläne. Und dann schauen wir mal, wie sich die Lage weiter entwickelt. Sollte sich abzeichnen, dass wir vor dem Jahresende noch mal ran müssen, wird in den Wochen drei und vier die Belastung spürbar intensiviert.

Gibt es in diesem Zeitraum dann auch wieder regelmäßige Video-Übungseinheiten, um fit zu bleiben?

Davon gehe ich aus, so ziemlich alles andere darf man ja nicht machen. Einen Vorteil hat die vierwöchige Pause übrigens doch: Wir haben so die Chance, unsere Langzeitverletzten für die künftig anstehenden Aufgaben wieder gesund zu bekommen.

Das für den vergangenen Sonntag angesetzte Heimspiel gegen den Heider SV wurde unter Berufung auf den hohen Inzidenzwert im Kreis Segeberg, also die Summe der Sieben-Tage-Neuinfektionen je 100.000 Einwohner, vom Gesundheitsamt verboten. Die zuständige Hamburger Behörde war da weniger streng: Der FC Teutonia 05 durfte im Stadion Hoheluft gegen den SC Weiche Flensburg 08 auflaufen, obwohl die Infektionszahlen in der Hansestadt wesentlich höher sind. Macht so etwas Sinn?

Ich fand das schon etwas komisch. Aber die Uneinheitlichkeit der Bedingungen ist in Corona-Zeiten ja ein grundsätzliches Problem. Wir hätten aus zwei Gründen gegen Heide sehr gern gespielt: um die Hinrunde abzuschließen und um uns für die schwache Leistung gegen den
FC St. Pauli II zu rehabilitieren. Aber es nützt ja nichts, wir müssen das Beste aus der Situation machen.

Wie fällt Ihre Bilanz der ersten Saisonhälfte aus?

Die kann sich sehen lassen. Unser erstes Ziel war, Hamburger Pokalsieger zu werden – das haben wir geschafft. Der Preis war allerdings hoch, denn wir haben aus jeder der drei Partien des Cupwettbewerbs zwei Langzeitverletzte mitgenommen. Das DFB-Pokalspiel bei Bayer 04 Leverkusen war – einmal abgesehen vom Endstand von 0:7 – für alle Beteiligten eine großartige Geschichte. Davon werden meine Spieler noch ihren Enkelkindern erzählen. Und mit ein wenig Abstand relativiert sich auch die deutliche Niederlage. Das Trainerteam hat den Fehler gemacht, unserer Mannschaft den Eindruck zu vermitteln, dass wir an einem richtig starken Tag eine Chance aufs Weiterkommen haben – das war nicht realistisch. Leverkusen spielt nicht ohne Grund sowohl in der Bundesliga als auch auf internationaler Ebene eine gute Rolle.

Und wie bewerten Sie das bisherige Abschneiden von Eintracht Norderstedt in der Regionalliga Nord?

Wir wollen in der Nord-Gruppe einen der ersten fünf Plätze belegen und uns so für die Meisterrunde mit den fünf besten Teams aus der Süd-Gruppe qualifizieren. Auf dem Weg dorthin liegen wir bislang absolut im Soll, sind mit 16 Punkten aus neun Partien Tabellendritter. Wir haben uns durch die beiden Auftaktniederlagen gegen den SC Weiche Flensburg 08 und die SV Drochtersen/Assel nicht aus der Bahn werfen lassen, sind danach sechsmal hintereinander ungeschlagen geblieben. Klar, nach dem 0:3 gegen den FC St. Pauli II im vorerst letzten Match war der Frust bei allen Beteiligten zunächst groß. Dann aber haben wir schnell die Ursache für das enttäuschende Resultat gefunden: Die Jungs waren schlicht und einfach platt...

Wie erklären Sie den starken Zwischenspurt, den Ihre Truppe trotz einer langen Verletztenliste und drei Platzverweisen hingelegt hat?

Bei uns herrscht ein ausgezeichneter Teamgeist. Es gibt keinen Neid unter den Spielern, die sehr kameradschaftlich miteinander umgehen. Jeder freut sich für den anderen. Das zeichnet diese junge Truppe aus, und deshalb macht es auch so viel Spaß, mit ihr zu arbeiten.

Welche Spieler sind die positiven Überraschungen im bisherigen Saisonverlauf?

Ich muss die gesamte Mannschaft loben, weil sie unglaublich gut mitgezogen und sich erfolgreich gegen alle Widrigkeiten gestemmt hat. Drei Akteure möchte ich ein wenig hervorheben. Mittelfeldmann Dylan Williams, den wir im August vom Hamburger Oberligisten Hamm United geholt haben, hat sich als Glücksgriff entpuppt. Unser junger Rechtsverteidiger Alexandre Rajao da Cunha macht in seinem zweiten Regionalliga-Jahr große Fortschritte. Und Torhüter Stefan Rakocevic hat nach dem verletzungsbedingten Ausfall unseres Stammkeepers Lars Huxsohl bewiesen, dass wir uns jederzeit auf ihn verlassen können.