Corona-Pandemie

Lockdown-Maßnahmen verunsichern Sportvereine

Tobias Claßen, Geschäftsführer von TuRa Harksheide, befürchtet eine Austrittswelle.

Tobias Claßen, Geschäftsführer von TuRa Harksheide, befürchtet eine Austrittswelle.

Foto: Thorsten Ahlf

Amateur- und Freizeitsportbetrieb wird einen Monat lang lahmgelegt. Doch was bedeuten die Beschlüsse für den Individualsport?

Norderstedt.  Die Verunsicherung bei Norderstedts Sportvereinen ist groß. Die Bundesregierung hat am Mittwoch angeordnet, Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind, ab kommenden Montag, 2. November, den gesamten Monat lang zu schließen. Dazu zählt auch der Amateur- und Freizeitsportbetrieb. Allerdings ist der Individualsport davon ausgenommen. Dieser darf weiterhin allein, zu zweit oder mit Personen aus dem eigenen Hausstand betrieben werden. Als Individualsportarten gelten beispielsweise Tennis, Golf und Reiten, aber auch Leichtathletik und Turnen.

TuRa Harksheide, der mit mehr als 4000 Mitgliedern größte Sportverein Norderstedts, bietet seinen Aktiven 30 verschiedene Disziplinen an, darunter Individualsportarten wie Tischtennis und Badminton. Obwohl diese Ausnahmen bilden sollen, geht TuRa – Stand jetzt – dennoch davon aus, ab kommender Woche komplett schließen zu müssen.

Was ist mit reinen Golf- und Tennisclubs?

Der Verein versteht sich als Einrichtung zur Freizeitgestaltung, die der Verordnung nach dichtzumachen ist. Allerdings, und jetzt wird es knifflig, lässt die neue Regelung Raum für Interpretationen. Und was ist eigentlich mit reinen Tennis- und Golfvereinen?

Bis Sonntag soll es vom Land Schleswig-Holstein eine konkretere Ausarbeitung der beschlossenen Maßnahmen geben, die dann am Montag in Kraft tritt. „Da jedes Bundesland seine eigene Verfügung erstellt, kann es von Bundesland zu Bundesland Unterschiede geben“, teilt der Deutsche Tennis Bund mit. Damit käme es dann doch wieder zu einem bundesweiten Flickenteppich. Der Deutsche Golf Verband geht derzeit davon aus, dass das Golfspielen allein oder in Zweiergruppen weiterhin erlaubt sein wird.

Tobias Claßen, Geschäftsführer von TuRa Harksheide, befürchtet eine Austrittswelle. „Bei vielen Leuten ist die Schmerzgrenze erreicht. Schon kurz nach Ankündigung der neuen Maßnahmen haben wir zehn Kündigungen erhalten“, sagt Claßen. Zwar haben bisher nur 75 Mitglieder während der Corona-Krise den Verein verlassen, sonst sind es um die 150 pro Quartal. „Aber wir haben auch keine Neueintritte. Bei 150 Kündigungen treten normalerweise ebenso viele neue Mitglieder ein. Das bedeutet einen Verlust von 15.000 Euro Beitragseinnahmen“, sagt Claßen, der auf die angekündigte finanzielle Unterstützung des Staates hofft.

Sport ist nicht der Infektionstreiber

„Wir können nur versuchen, das Beste aus der Situation zu machen“, sagt Steffen Liepold, Geschäftsführer des 3000 Mitglieder starken Norderstedter SV. Sport sei nicht der Infektionstreiber, wie viele Studien beweisen würden. „Dennoch akzeptieren wir jede Entscheidung.“

Auch der NSV plant, seinen Betrieb von der kommenden Woche an komplett einzustellen, obwohl er ebenfalls Individualsportarten wie Tennis und Reiten anbietet. Die vereinseigene Reitanlage am Syltkuhlen wird definitiv bis Ende November geschlossen, die Angestellten kümmern sich um das Füttern und die Pflege Tiere. „So haben wir die jetzige Verordnung interpretiert“, sagt Liepold.

Den ersten Lockdown im Frühjahr habe der NSV gut verkraftet. „Ich weiß aber nicht, wie es weitergeht, wenn nun der zweite Lockdown auf uns zukommt.“ Liepold hofft auf die Treue seiner Vereinsmitglieder.

In einem Punkt ist die Ansage von von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Regierungschefs der Länder unmissverständlich: Die wegen der rasant anwachsenden Infektionszahlen beschlossenen massiven Kontaktbeschränkungen werden zum zweiten Mal in diesem Jahr viele Bereiche des öffentlichen Lebens lahmlegen; im Amateursport geht bis Ende November nichts mehr.

In Henstedt-Ulzburg darf gekickt werden

Eine Ausnahme gibt es allerdings an diesem Wochenende im Kreis Segeberg: Die Regionalliga-Fußballfrauen des SV Henstedt-Ulzburg treten am Sonntag um 14 Uhr in der zweiten Runde des DFB-Pokals auf dem Sportplatz am Schäferkampsweg gegen Bundesligist SV Meppen an. Doch wie ist das möglich?

Der nationale Cupwettbewerb wird im Frauenbereich wie auch bei den Männern unter Profibedingungen ausgetragen – und Profisport ohne Zuschauer bleibt weiterhin erlaubt. Stimmen die Hygienekonzepte und werden die Auflagen erfüllt, kann im Gegensatz zu den Amateuren gespielt werden.

Um alle Vorgaben einzuhalten, hat der SVHU einen hohen Aufwand betrieben. Spielerinnen, Trainer und Verantwortliche im direkten Umfeld des Kaders haben sich mehreren Corona-Tests unterzogen. Der DFB hat die Kosten in Höhe von 3500 Euro übernommen. Das ist mehr als die Prämie für das Erreichen der zweiten Pokalrunde. Für das 3:0 gegen den SV Budberg kassierten die Henstedt-Ulzburgerinnen 2500 Euro.

Aus der Kommunikationsabteilung des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt war zu hören, dann man von durchweg negativen Testergebnissen bei beiden Mannschaften ausgehe. Man stehe aber bis zum Spieltag im engen Austausch mit den Vereinen.

Ratlosigkeit bei Eintracht Norderstedt

Ratlosigkeit herrscht aktuell noch bei den Regionalliga-Fußballern von Eintracht Norderstedt, ob ihre für diesen Sonntag angesetzte Heimpartie gegen den Heider SV (14 Uhr, Edmund-Plambeck-Stadion) denn nun stattfinden kann oder nicht. Grund: Der Norddeutsche Fußball-Verband hat in einer Pressemitteilung angekündigt, dass der Spieltag 31. Oktober/1. November wie angesetzt stattfinden soll.

„Laut Innenministerium in Kiel tritt die neue Verfügungslage erst am Montag, 2. November, in Kraft“, sagt Tim Cassel, der Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes. Demzufolge könnte also noch gekickt werden. Und das wäre durchaus im Sinn von Eintracht-Präsident Reenald Koch: „Dann nämlich hätten wir die komplette Hinrunde absolviert.“

Aber: Der Kreis Segeberg, zu dem Norderstedt gehört, ist mittlerweile als Riskogebiet eingestuft. Der am Donnerstag vom Robert-Koch-Institut übermittelte Inzidenzwert für die Zahl der Corona-Neuinfektionen in den vergangenen lag sieben Tagen lag bei 68,5 pro 100.000 Einwohner – und unter solchen Rahmenbedingungen werden normalerweise strenge Kontaktbeschränkungen verhängt.

Fußballer möchten Match gegen Heide austragen

„Ob Eintracht Norderstedt gegen den Heider SV spielen darf, liegt letztendlich im Ermessen des zuständigen Gesundheitsamts“, sagt Cassel. Koch steht deshalb mit dem Fachdienst Infektionsschutz in Kontakt. Bis Redaktionsschluss lag aber noch keine Antwort auf seine Anfrage vor.

Doch es gibt ja auch noch andere Sportarten als Fußball: Die Partien in den beiden Staffeln der 3. Volleyball-Ligen der Männer und Frauen wurden ebenso abgesetzt wie die Spiele in den jeweiligen Gruppen der Regionalliga Nord, der unter anderem auch die Frauen des
1. VC Norderstedt angehören. Staffelleiter Kay Helm (Süderbrarup) rechnet damit, dass die Saison nicht mehr zu Ende gebracht werden kann. Nicht stattfinden wird auch die für Sonnabend angesetzte Heimpartie der Drittliga-Handballfrauen des SV Hen­stedt-Ulzburg gegen den Frankfurter HC.

Sven Wojtkowiak, Teammanager der Basketballer von TuRa Harksheide
(2. Regionalliga Nord) ist kein Freund des Lockdowns: „Für die Gesellschaft und auch für die vielen Sport treibenden Kinder ist es eine Katastrophe – von der drohenden Austrittswelle unserer Mitglieder ganz zu schweigen.“