Norderstedt
Tokio 2020

„Jede andere Entscheidung wäre unvernünftig gewesen“

Sonja Scheibl belegte bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London den 17. Platz im Trap-Wettbewerb der Damen. 2016 verpasste sie knapp die Qualifikation für Rio de Janeiro.

Sonja Scheibl belegte bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London den 17. Platz im Trap-Wettbewerb der Damen. 2016 verpasste sie knapp die Qualifikation für Rio de Janeiro.

Foto: Thomas Maibom

Olympiakandidatin Sonja Scheibl begrüßt den Beschluss, die Spiele in Japan wegen der Corona-Krise auf das Jahr 2021 zu verschieben.

Itzstedt. Tagelang hatte sich Thomas Bach gewunden. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wollte sich bezüglich einer Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio erst in vier Wochen festlegen. Doch nun ist eingetreten, was abzusehen war: Der immer größer werdende öffentliche Druck von Ärzten, Aktiven und deren Sportverbänden sowie der Medien hat ihn zur Kehrtwende gezwungen. Das ursprünglich vom 24. Juli bis 9. August geplante Sportspektakel wird wegen der weltweiten Corana-Pandemie erst im Jahr 2021 stattfinden – ein genauer Termin steht noch nicht fest.

Es wurde Zeit für eine klare Ansage

„Es wurde aber auch langsam mal Zeit, dass es eine klare Ansage gibt“, kommentierte Sonja Scheibl, Trapschützin des Itzstedter SV, den in einer Telefonkonferenz zwischen dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe und Vertretern des IOC unter Bachs Leitung gefassten Beschluss. „Jede andere Entscheidung wäre unvernünftig gewesen. Und wir Aktiven wissen jetzt endlich, woran wir sind“, so Scheibl.

Mit großer Verwunderung hatte die 40 Jahre alte Tischlermeisterin, 2012 Olympiateilnehmerin in London, Thomas Bachs verbalen Eiertanz verfolgt. „Es war zum jetzigen Zeitpunkt doch wohl so ziemlich jedem klar, dass Olympische Spiele unter diesen Rahmenbedingungen keinen Sinn machen. Wir Sportschützen sind längst davon ausgegangen, dass das Wettkampfjahr 2020 für uns vorzeitig beendet ist.“

Keine Quali, kein Olympia-Ticket

Ursprünglich wollte sich Sonja Scheibl ihr Ticket für Tokio in zwei Etappen sichern: über eine Spitzenplatzierung bei der für April angesetzten nationalen EM-Ausscheidung in München sowie der im Mai geplanten Europameisterschaft in Chateau­roux/Frankreich. „Ohne die Corona-Krise hätte ich sicherlich ganz gute Chancen gehabt, mir den deutschen Quotenplatz zu sichern“, sagt Sonja Scheibl, „das liegt daran, dass viele für die EM gesetzten Teilnehmerinnen die Olympia-Qualifikation schon in der Tasche haben.“ Doch alle Überlegungen in diese Richtung sind nun blanke Theorie – und damit hinfällig.

Dass sich auf Funktionärsebene in den vergangenen Wochen und Monaten niemand eindeutig zu positionieren wagte, machte Scheibl das Leben nicht leichter. „Zu Jahresbeginn waren die Olympischen Spiele selbstverständlich mein großes Ziel, deshalb habe ich unter anderem auch ein Trainingslager in Osnabrück absolviert.“ Für weitere Intensiveinheiten in München hatte sie in ihrem Tischlereibetrieb in Bad Segeberg, in dem sie drei Tage pro Woche als Angestellte arbeitet, schon Urlaub eingereicht – doch dann kam Corona.

Wettkampftraining ist nicht möglich

Nach der von der Landesregierung verordneten Schließung sämtlicher Sport- und Freizeitanlagen in Schleswig-Holstein Sportanlagen war das Üben mit Waffe und Wurfscheiben unter Wettkampfbedingungen auf dem Schießstand in Itzstedt nicht mehr möglich. „Also habe ich mich mit Kraft-, Athletik- und Mentalübungen einigermaßen fit gehalten“, so Scheibl, „das größte Problem dabei war, sich zu fokussieren.“ Kein Wunder – denn im Hinterkopf spukte stets der quälende Gedanke herum: Tokio 2020 ist – sofern es denn überhaupt stattfindet – unter den gegebenen Umständen eine absolute Farce.

Sehr imponiert hat Sonja Scheibl die konsequente Haltung des deutschen Aktivensprechers, Säbelfechter Max Hartung vom TSV Dormagen. Dieser hatte am vergangenen Wochenende, also zu einem Zeitpunkt, als die Olympischen Spiele noch nicht abgesagt waren, im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF seine Teilnahme wegen Corona kategorisch ausgeschlossen.

Es gibt zurzeit keine Chancengleichheit mehr

„Ich hätte es genauso gemacht, nicht nur wegen des gesundheitlichen Aspekts. Da es zurzeit keine flächendeckenden Dopingtests für die potenziellen Olympiateilnehmer mehr gibt, die Trainingsmöglichkeiten unterschiedlich eingeschränkt sind, gibt es auch keine Chancengleichheit mehr. Und das ist doch nun wirklich nicht im Sinn einer so großartigen Veranstaltung.“

Olympia 2020 ist also abgehakt, es lebe Olympia 2021. „Zum Glück sind die Spiele nicht nur um ein paar Monate in den Herbst verschoben worden, was ja zunächst auch eine Option war. Das wäre sicherlich ziemlich kompliziert geworden. Ich bin mal gespannt, was jetzt kommt“, sagt Scheibl.

Ihrer Meinung nach wäre es am sinnvollsten, auf nationaler und internationaler Ebene möglichst schnell Nägel mit Köpfen zu machen und die erforderlichen Qualifikationswettbewerbe ausnahmslos ins kommende Jahr zu verschieben. „Da könnte man sich ja an den Terminen für 2020 orientieren. Schützen sind es gewohnt, auf den Punkt zu trainieren, wir könnten uns dann optimal vorbereiten.“ Immer vorausgesetzt, dass bis dahin weltweit wieder ansatzweise normale Verhältnisse herrschen...