Karrieresprung

Ein Henstedt-Ulzburger coacht Kuwaits Handballer

Engagiert, emotional, kompetent – nicht nur wie einst beim SVHU: Trainer Amen Gafsi macht jetzt auch international Karriere.

Engagiert, emotional, kompetent – nicht nur wie einst beim SVHU: Trainer Amen Gafsi macht jetzt auch international Karriere.

Foto: Thomas Maibom

Nationaltrainer Amen Gafsi will sich mit seinem Team bei den Asienspielen für die Weltmeisterschaft 2021 in Ägypten qualifizieren.

Henstedt-Ulzburg. Ein Besuch in Henstedt-Ulzburg ist für Amen Gafsi (40) jedes Mal eine Art Zeitreise. Wenn er im eigenen Reihenhaus nach dem Rechten gesehen, einen Kaffee im SVHU Sportland getrunken und den Sporthallen des Alstergymnasiums einen Besuch abgestattet hat – dann fühlt sich der Handballtrainer in die Jahre zurückversetzt, als er noch selbst mit den Zweitliga-Männern des SV Henstedt-Ulzburg auf Punktejagd ging und seinen Lebensmittelpunkt in der Großgemeinde hatte.

Jetzt, wo Gafsi mit seiner Familie im arabischen Emirat Katar lebt und dort nahe Doha den Handballclub Al-Wakrah trainiert, ist er nur noch selten im Ort. Kurz vor dem Jahreswechsel hat es der gebürtige Tunesier und neue Nationalcoach Kuwaits dennoch geschafft, alte Freunde und Weggefährten in Henstedt-Ulzburg zu treffen.

Kurzbesuch in der Heimat

Amen Gafsi: „Im SVHU Sportland haben sie verdutzte Gesichter gemacht und mich verwundert gefragt, was ich hier tun würde. Ich habe dann gesagt, dass ich doch hier zu Hause bin. Ich habe einen deutschen Pass, und mein Haus steht in Henstedt-Ulzburg. Darf ich etwa nicht zurückkommen?“, fragt er mit einem Lachen. Der eigentliche Grund für seinen Kurzbesuch war indes ein Trainingslager mit dem Team Kuwait in Mannheim. Der Weg von Rhein und Neckar an die Alsterquelle war im Anschluss schnell zurückgelegt.

Aktuell sind Amen Gafsi und seine Spieler bei der Asienmeisterschaft im eigenen Land im Einsatz – ein internationales Turnier, für das der Übungsleiter vom kuwaitischen Verband als Coach verpflichtet wurde.

Gafsis akribische Arbeit wird sehr geschätzt

„Nach den guten Ergebnissen mit Al-Wakrah ist mein Ruf in der Region sehr gut. Ich bin damals in einen kleinen Verein gekommen und habe die Meisterschaft und den Pokal gewonnen“, berichtet er stolz. „Im vergangenen Jahr haben wir im Halbfinale der arabischen Champions League dann gegen ein Team aus Kuwait gespielt und dort gewonnen. Der Verband war von meiner Arbeit begeistert und hat mich angesprochen. Zu dieser Zeit hatte die Nationalmannschaft aber noch einen französischen Coach.“

Als Kuwait die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2020 verpasste, nahmen die Verantwortlichen erneut Kontakt zu Gafsi auf. „Sie haben auch bekannte Trainer aus der Bundesliga wie Alfred Gíslason und Velimir Petković gefragt, sich dann aber für mich entschieden.“ Doch warum eigentlich? „Ich kenne die Spieler, die Atmosphäre und spreche arabisch. Außerdem habe ich die deutsche Mentalität, was mein Training angeht“, sagt Gafsi. Nachdem auch der katarische Verband seine Zustimmung für die Doppelfunktion gegeben hatte, war der Weg für das Traineramt am Persischen Golf frei.

Ziel bei den Asienspielen: Platz eins bis vier

„Unser Ziel ist es, bei den Asienmeisterschaften einen der ersten vier Plätze zu belegen und 2021 an der Weltmeisterschaft in Ägypten teilzunehmen.“ Seit dem 24. November 2019 ist Amen Gafsi deshalb im Dauereinsatz. Innerhalb von nur sieben Wochen musste er ein Aufgebot für die Asienspiele formen. „Ich stehe morgens um sechs Uhr auf und gehe abends um 24 Uhr ins Bett. Wir trainieren zweimal täglich und machen zusätzliches Videostudium. Die Jungs ziehen gut mit, auch wenn vieles neu und ungewohnt für sie ist.“

Rund um Weihnachten stand beispielsweise ein Testspiel-Marathon in Europa auf dem Plan. Innerhalb weniger Tage ging es zu Duellen nach Serbien, Mazedonien und in den Kosovo. In Katar betreut derweil Gafsis Co-Trainer die Mannschaft des Al-Wakrah SC. „Das funktioniert, weil wir aktuell keine Saison haben. Ab und zu telefonieren wir, aber ich konzentriere mich zu 100 Prozent auf meine Aufgabe mit Kuwait.“

Und wie ist es eigentlich um die Handballbegeisterung im mittleren Osten bestellt? „Die Kuwaitis sind ganz verrückt nach Handball, anders als in Katar“, sagt Amen Gafsi. „Dort werde ich sogar auf der Straße erkannt, und man möchte Fotos mit mir machen.“ Auf der anderen Seite erhöhe die Euphorie aber auch den Druck auf die Mannschaft.

Die Familie gibt ihm Rückhalt für den neuen Job

Seine Frau Sarah und die beiden Söhne blieben in Henstedt-Ulzburg, während Amen Gafsi die heiße Phase der Turniervorbereitung einleitete. „Ich weiß, dass es für sie momentan nicht einfach ist. Der Trainerjob ist anstrengend, aber meine Familie ist damit einverstanden und vertraut mir. Ich habe versprochen, dass wir zusammen verreisen, wenn Handball-Pause ist.“ Gut möglich also, dass Amen Gafsi in naher Zukunft wieder in Henstedt-Ulzburg ist...