Norderstedt
Tangstedt

Operation Gomorrha – Zeitzeugen erinnern sich

Tangstedt. Karg eingerichtet, eng, zweckmäßig. Das Kerinneshaus am Kringelweg 99 in Tangstedt ist ein Zeugnis aus einer Zeit, als Menschen froh waren, überhaupt überlebt zu haben. „Operation Gomorrha“, daran erinnert Hamburg in diesem Jahr, die alliierten Bombenangriffe vom 24. Juli bis 3. August 1943 gingen in die Geschichte ein. Geprägt wurde seinerzeit der Begriff der „Butenhamburger“, also der Ausgebombten, die aus der Hansestadt in das Umland kamen als Binnenflüchtlinge.

Es entstanden Behelfsheime – wie jenes in Tangstedt, das seinen Namen von einer Familie Kerinnes hat, die hier nach dem Krieg Zuflucht fand. Dort trafen sich nun auf Einladung des Norderstedter Stadtarchivs sowie der Gemeindearchive von Henstedt-Ulzburg und Tangstedt Zeitzeugen, um sich in einer Gesprächsrunde auszutauschen.

Es ist ein heißer Nachmittag. So wie vor 75 Jahren, als die Juli-Hitze den Feuersturm erst so verheerend werden ließ. Elke Gertz wohnte als kleines Mädchen mit ihrer Familie an der Weidestraße im Stadtteil Barmbek. Eindringlich berichtet sie. „Wir wohnten in einem Jugendstilhaus aus dem 19. Jahrhundert. Wir sahen die Flugzeuge kommen, sie wurden von der Flak angeleuchtet. Es krachte, es knallte, das Haus bewegte sich.“ Durch ein Ofenrohr sei ein Blindgänger in eine Wohnung gerutscht, landete auf einem Bett. „Und wenn ich meine Augen schließe, sehe ich es noch heute – Menschen, die brannten und schrien.“

Das Haus war unbewohnbar geworden. Ihr Vater Fiete hatte allerdings ein Wochenendhaus auf dem Rhen. Auch heute noch lebt sie in Henstedt-Ulzburg. Die Nachkriegszeit hatte für sie etwas paradoxes. „Trotz all dem, dass wir nichts zu essen hatten – man lebt als Kind viel besser.“

Auch Uwe Kilian aus Langenhorn sagt, dass er als Kind die ganze Tragik dieser Zeit gar nicht wahrgenommen habe. „Von einer Operation Gomorrha haben wir als Kind nie etwas gehört. Wir wussten nichts von Menschen, die wie brennende Fackeln durch den Feuersturm rannten.“ Nein, man freute sich ganz einfach über den schönen Sommer in den Schulferien. „Aber es lag ein unangenehmer Brandgeruch in der Luft.“ Die „bösen Tommys“ seien ein „schlimmer Feind“, das hörte er, wenn Erwachsene miteinander redeten.

Das Kerinneshaus, das 2017 vom zuständigen Landesamt in Schleswig-Holstein unter Denkmalschutz gestellt wurde, soll perspektivisch eine Begegnungsstätte werden, um die Erinnerung und die Mahnung zu bewahren. Die Besitzer sind weiterhin Anuschka Thomas und Thorsten Fixemer, die hier bis 2015 auch gelebt haben. Geplant ist eine Vereinsgründung, um dann Fördermittel etwa durch die Aktivregion Alsterland erhalten zu können.