Norderstedt
Kickerspezialist

Nico Wohlgemuth ist mit 17 ein Tischfußball-Titan

Der 17-Jährige trainiert täglich im Keller seines Elternhauses

Foto: Anne Pamperin

Der 17-Jährige trainiert täglich im Keller seines Elternhauses

Der Youngster aus Bad Bramstedt gehört dank seiner Reaktionsschnelligkeit und Gelassenheit zu den besten Junioren-Spielern der Welt.

Bad Bramsted.  Tischfußball kennt so ziemlich jeder. Etwa vier Millionen Deutsche kickern zum Spaß, über 7000 mit sportlichen Ambitionen – Tendenz steigend. Tischfußball ist aber nicht nur ein beliebtes Kneipenvergnügen, bei dem man ein bisschen an den Stangen dreht. Die besten Spieler treten regelmäßig in Landes- und Bundesligen gegeneinander an und messen sich auch auf internationaler Ebene bei Einzel-, Team- und Nationenwettkämpfen.

Aber Tischfußball ist doch kein Leistungssport, oder? Nico Wohlgemuth aus Bad Bramstedt liefert den Gegenbeweis. Er setzt wie kaum ein anderer in seiner Altersklasse Schnelligkeit, Reaktionsvermögen und Konzen­trationsfähigkeit in Tore, Punkte und Erfolge um.

Das gelang dem 17-Jährigen auch in der Hamburger Kampnagelfabrik, einer kommunikativen Kultstätte für Kunst, Theater und Musik, in der vor Kurzem die Weltmeisterschaften für Männer, Frauen, Junioren, Senioren, Rollstuhlfahrer und Teams stattfanden.

Mittendrin im Feld der 800 Teilnehmer aus 36 Nationen: Der Youngster, der die Gemeinschaftsschule Auenland besucht und in zwei Jahren das Abitur machen will.

Nico Wohlgemuth, für den FC St. Pauli am Start, krönte sich sowohl im sogenannten Classic Doppel (mit Partner Marc Stoffel aus Konstanz) als auch im Mannschaftswettbewerb der Junioren zum Weltmeister.

"Nico ist ein Ausnahmetalent", beschreibt Luciano Auria, Leiter der Tischfußball-Sparte des FC St. Pauli, das außergewöhnliche Format des Bramstedters. Wie schon bei den Weltmeisterschaften 2015 in Turin bewies Wohlgemuth eindrucksvoll seine Fertigkeiten, er holte sich erneut zwei WM-Titel.

5000 Zuschauer verfolgten an fünf Turniertagen, wie 800 Teilnehmer aus 36 verschiedenen Nationen in 25 Disziplinen und 120 Tischen die neuen Champions ausspielten. "Auf Kampnagel war mächtig was los", sagt Nico Wohlgemuth, "ich habe eine richtige Gänsehaut bekommen."

Sein Naturell half ihm, cool zu bleiben. Er ist ein ruhiger, eher besonnener Typ. Und so gibt er sich auch am Kickertisch. Während einige Rivalen vor Angst manchmal schon zu zittern beginnen, wartet er entspannt ab, bevor er die Initiative übernimmt und die Kugeln mit perfekten Handgelenksbewegungen ins Tor befördert. Wenn dabei ein lautes "Plopp" entsteht, huscht ihm schon mal ein Lächeln übers Gesicht…

Da gibt es kaum eine Spur von Nervosität oder Hektik. Nico fixiert seine Gegner genau, er prüft deren Gemütsverfassung vor Beginn einer Partie. Dank seiner Reaktionsschnelligkeit und eines guten Antizipationsvermögens kann er die Schüsse der Rivalen früh erkennen und rechtzeitig entschärfen. "Ich glaube, die Gelassenheit ist meine Stärke", sagt der doppelte Doppelweltmeister.

Eine weitere Aussage des jungen Mannes, der mit zehn Jahren zum ersten Mal die Kugeln über die Tischflächen beförderte, ist übrigens diese: "Ich habe früh mit dem Tischfußball angefangen. Erfahrung wird für mich immer mehr zum großen Vorteil."

Kickern hat Nico im Haus der Eltern gelernt. Sein Vater Jens ist selbst ein begeisterter und erfolgreicher Spieler und tritt wie sein Sohn für den FC St. Pauli an. "Bei uns stand schon immer ein Tisch im Keller", sagt der Filius. Am Anfang habe er meist zwei bis drei Stunden am Tag trainiert. Inzwischen musste er das Trainingspensum aufgrund der höher gewordenen schulischen Anforderungen ein wenig reduzieren. Geschadet hat es ihm allerdings nicht, seine Pokalsammlung wird immer größer – 80 Trophäen stehen derzeit in einer Glasvitrine.

Am Anfang interessierte sich der Meisterspieler auch noch für Handball. Um seine Handgelenke zu schonen, hörte er aber mit elf Jahren wieder auf. Seine Schwester Julia (15) und der jüngere Bruder Tobias (7) sind dagegen beim schnellen, robusten Mannschaftssport geblieben und spielen in Nachwuchsteams der Bramstedter TS.

2019 will Nico Wohlgemuth seine beiden WM-Titel verteidigen

Und was ist für Nico Wohlgemuth bei der nächsten Weltmeisterschaft drin? "Ich möchte meine beiden Titel natürlich verteidigen, auch wenn es sehr schwer werden wird." 2019 findet die WM in Spanien statt, und dort kann er nicht mehr bei den Junioren spielen, sondern muss im Erwachsenenbereich starten. Bis dahin wird er weiterhin fleißig trainieren und bei den Ligaspielen für den Fightclub FC St. Pauli auf Torejagd gehen.

Nico Wohlgemuth ist sich sicher: Tischfußball ist auch ein Integrationsmotor. Ein Ort der Begegnung, an dem es selten einsam ist. "Ich habe durch meinen Sport schon viele großartige Menschen kennengelernt", sagt er.

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