Norderstedt
FUSSBALL

Eintracht Norderstedt hat in Hamburg nicht nur Freunde

Transfers wie der von Jordan Brown verdeutlichen, dass sich die Eintracht sportlich auf einem anderen Niveau bewegt als die Hamburger Oberligisten

Transfers wie der von Jordan Brown verdeutlichen, dass sich die Eintracht sportlich auf einem anderen Niveau bewegt als die Hamburger Oberligisten

Foto: Anne Pamperin

Traditionell ist das Verhältnis zwischen dem Fußball-Regionalligisten und den weiteren Hamburger Amateurclubs sehr kompliziert.

Norderstedt.  Es ist das wohl interessanteste Amateurfußballspiel an diesem Wochenende. Regionalligist Eintracht Norderstedt ist am Sonnabend im Achtelfinale des Oddset-Pokals um 14 Uhr an der Wilhelmsburger Dratelnstraße zu Gast beim Klub Kosova – also einem Vertreter jener „Hobbyliga, die ohne Ambitionen unterwegs ist“. Diese wenig ehrenvolle Beschreibung der Oberliga Hamburg geht zurück auf Eintrachts Ex-Trainer Thomas Seeliger. Dieser wurde an der Ochsenzoller Straße zwar Ende September beurlaubt, das gespannte Verhältnis zwischen der viertklassigen Eintracht und den fünftklassigen Vereinen in der höchsten Staffel der Hansestadt ist dafür lebendiger denn je.

„Wir werden von den Oberligisten gesehen wie Bayern München, nur eben ein paar Ligen tiefer. Man respektiert unsere sportliche Leistung, aber wir polarisieren.“ So beschreibt Reenald Koch, Präsident der Garstedter, die Beziehung zwischen seinem Verein und den Hamburger Oberligisten, welche seit dem Aufstieg der Eintracht 2013 in die Regionalliga Nord nur noch im Oddset-Pokal sportlich gepflegt wird. Doch warum ist das eigentlich so? Macht der Erfolg der Eintracht die anderen Vereine eben einfach nur neidisch? Oder steckt mehr dahinter?

Wer hinter die Kulissen des Konfliktes blickt, erkennt: Es treffen Welten aufeinander. In aller Deutlichkeit vorgeführt wurde dies auf dem Ausspracheabend des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) vor dem letzten Verbandstag. Koch plädierte für ein Lizensierungsverfahren und eine Verkleinerung der Stadtliga auf 16 Clubs. Nur der SC Victoria und Altona 93 sprangen ihm bei, die anderen Vereine wiesen Kochs Ausführungen mit oftmals empörten Wortmeldungen zurück. Die Vorschläge wurden mit riesengroßer Mehrheit von den Oberligisten abgeschmettert.

„Das Thema ist für uns nicht tot“, sagt Koch, der im HFV-Ausschuss für sportliche Entwicklung sitzt. „Ich sorge mich weiterhin, dass die Oberliga Hamburg den Anschluss verliert. Eine Verkleinerung der Liga würde die Qualität erhöhen, ein Lizensierungsverfahren die Professionalisierung anschieben. Die Oberliga Niedersachsen macht das doch erfolgreich vor. Auf dem nächsten Verbandstag im Mai 2017 werden wir entsprechende Anträge einbringen.“ Koch will die Oberligisten fit machen für das, was die Eintracht bereits geschafft hat: den Sprung in die Regionalliga Nord. Zu viele Oberligisten schmoren ihm nur im eigenen Saft. Er hält sie für zu amateurhaft, zu wenig ambitioniert. Sein Herz erwärmen Vereine wie Altona 93 und Concordia, die den Aufstieg angehen wollen. „Viele Oberligisten“, sagt er, „lügen sich in die eigene Tasche. Aber Stagnation ist eben Rückschritt.“

Koch trifft allerdings auf Vereine mit einer gänzlich anderen Sichtweise. Sie halten die Regionalliga Nord größtenteils für völlig unattraktiv, eine geldverschlingende Totgeburt. Der Eintracht bescheinigen viele Verantwortliche – stets hinter vorgehaltener Hand –, sie würde zwar gut spielen, hätte aber durch Vorstandsmitglied und Macher Horst Plambeck eben mehr als das nötige Kleingeld, um die Herausforderung finanziell zu wuppen. Ein Vorwurf, gegen den sich die Eintracht schon mehrmals öffentlich gewehrt hat. Dennoch einer, der für die Oberligisten, die ihn für berechtigt halten, Kochs Professionalisierungsansatz als unangebracht demaskiert.

Generell haben die meisten Vereine in der Oberliga Hamburg sowieso eher ihre alltäglichen Nöte im Blick. So wie der Klub Kosova. „Wir mussten als Aufsteiger in die Oberliga Hamburg im Sommer dieses Jahres sofort 500 Euro Strafe zahlen, nur weil wir keine zwei Jugendmannschaften im Leistungsbereich haben, was in der Oberliga aber vorgeschrieben ist“, sagt Thorsten Beyer. „Das ist für uns ganz schön viel Geld.“

Eben solche Erfahrungen lassen ihn auch ein Lizensierungsverfahren für die Oberliga Hamburg ablehnen: „Das macht keinen Sinn. So etwas führt nur zur Überregulierung. Der Zugang zur Oberliga Hamburg sollte aber gerade für kleine Klubs wie uns nicht überreguliert sein. Fälle wie den SV Lurup oder VfL 93 hätte man damit sowieso nicht verhindert. Springt der Sponsor Ende der Saison ab, bringt das Lizensierungsverfahren gar nichts.“

Auch die Verkleinerung der Klasse lehnt Beyer ab. „Wir haben in Hamburg die Qualität für 18 Vereine. Gäbe es nur 16 Clubs, wären wir gar nicht dabei.“ Und wie sieht Beyer den kommenden Gegner Eintracht Norderstedt als Verein? „Ich erkenne die sportlichen Leistung von Norderstedt an, inklusive der guten Jugendarbeit“, sagt Beyer.

Er zeichnet ein differenziertes Bild. Kritisiert den Trainerwechsel. Lobt, dass der Präsidentensohn im Team mitspielt. Schließlich kommt der entscheidende Satz. „Die Eintracht“, so Beyer, „macht auf mich alles in allem einen professionellen und etwas sterilen Eindruck.“ Es klingt Respekt durch – aber keine Liebe.