Norderstedt
FUSSBALL

Eintracht Norderstedt und die Angst beim Elfmeter

Liegt der Ball auf dem Punkt, beginnt das Zittern

Liegt der Ball auf dem Punkt, beginnt das Zittern

Foto: Anne Pamperin

Der Regionalligist hat eine katastrophale Quote vom Punkt. Spieler und Verantwortliche rätseln über Grunde und suchen nach Lösungen.

Es war einmal ein Präsidentensohn, der lebte vor den Toren Hamburgs im prachtvollen Norderstedt. Sein Name war Philipp Koch. Philipps Vater Reenald war der Chef des Regionalligisten Eintracht, seines Zeichens drittbester Club im gesamten Hamburger Fußball-Verband. Philipp war ein toller Spieler. Kapitän der Mannschaft und einer der besten Elfmeterschützen im ganzen Land. Nichts beeinflusste ihn bei seiner liebsten Tätigkeit. Schnee, Regen, Wind, Sonne oder Torhüter waren bedeutungslos, wenn Philipp sich den Ball auf den Punkt legte. 20 seiner 21 Strafstöße, davon 15 hintereinander, verwandelte er zwischen den Jahren 2012 und 2015 traumwandlerisch sicher.

Und wenn die Eintracht einen Elfmeter bekommt, so trifft er noch heute? Leider nicht! „Mein Sohn“, so Präsident Koch, „hat irgendwann gesagt: Ich habe die Schnauze voll und schieße nicht mehr.“ Schließlich hat sich zum Leidwesen der Eintracht-Fans das wunderbare Märchen vom zielsicheren Schützen Philipp längst in einen gruseligen Albtraum verwandelt. Keinen seiner vier Versuche in der Regionalliga Nord konnte ihr Kapitän in den vergangenen beiden Spielzeiten verwandeln.

Felix Drinkuth würde wieder antreten

Mit dieser Bilanz ist er aber, was kein Trost ist, nicht alleine. Seit dem 1. Januar 2015 bekam die Eintracht in der Regionalliga Nord 15 Elfmeter zugesprochen. Elf davon landeten nicht im Netz. Deran Toksöz (1), Jan Lüneburg (1), Marin Mandic (1), Linus Meyer (2), David Karg (2) und eben Koch (4) verschossen. Nur Ex-Spieler Björn Nadler sowie Jan-Philipp Rose, Linus Meyer und zuletzt gegen Eichede Felix Drinkuth waren erfolgreich. Drinkuths Schieber gegen Eichede sah zudem nicht gerade souverän aus, was der Schütze aber rückblickend anders beurteilt: „Ich wollte flach in die Mitte schießen und bin zufrieden. Drin ist drin. Ich hoffe, ich habe mich damit für den nächsten Elfmeter als Schütze qualifiziert. Wurde auch Zeit, dass der Fluch mal aufgehoben wird“, so der Mittelfeldspieler.

Aber ist er wirklich aufgehoben? Bekommt die Eintracht einen Elfer, spielen sich mittlerweile kuriose Szenen auf und neben dem Feld ab. Trainer Dirk Heyne drehte sich gegen Eichede um („Ich dachte, dann geht er vielleicht mal rein“), Torwart Johannes Höcker gesteht, er könne „kaum noch hinschauen“ und hoffe immer, der Ball „möge doch bitte reingehen“. Die Fans auf der Tribüne sparen nicht mit sarkastischen Kommentaren und letztlich sind die Garstedter ja auch Vorreiter eines Trends. Immer öfter führt die vermeintlich aussichtsreichste Torchance im Fußball nicht zu einem Treffer, nicht nur in der Bundesliga sinkt die Zahl der erfolgreichen Strafstöße. In der Regionalliga Nord fanden in dieser Saison von 50 Versuchen aller Teams 22 nicht den Weg ins Ziel. In der vergangenen Spielzeit standen 66 Treffern 25 „Fahrkarten“ gegenüber.

Jan Lüneburg trifft im Training vom Punkt

Wie aber kann Abhilfe geschaffen werden? Jan Lüneburg übte unter der Woche fleißig mit Ersatzkeeper Patrick Hartmann. „Ich hatte eine gute Quote. 24 von 25 Schüssen waren drin. Fühle ich mich gut, würde ich schießen. Das kommt aber auch auf den Spielverlauf an. Habe ich sechs Chancen vergeben, tue ich den Teufel und trete an. Außerdem ist es was anderes, sich den Ball bei 0:0 oder 3:0 zu schnappen. Jetzt ist erst einmal Felix dran, und ich hoffe, er trifft weiter“, sagt er. „Mehr Überzeugung, mehr Selbstvertrauen“, empfiehlt Torwart Johannes Höcker, wenngleich das alte Problem immer aktuell bleibe: „Der Spieler muss treffen, sonst meckert jeder. Für den Torwart ist es andersherum. Hält er den Ball, ist er der Held.“

Ein Mentalcoach zur Lösung des Dilemmas, findet Präsident Reenald Koch, sei nicht notwendig. Damit liegt er auf einer Linie mit Ex-Trainer Thomas Seeliger und dem aktuellen Coach Dirk Heyne. Seeliger betonte immer – und Heyne tut es heute –, Elfmeter könne man nicht trainieren. „Es liegt eine besondere psychologische Situation vor. Die kann man nicht simulieren“, so Heyne. Außerdem würden einige Spieler vor und nach dem Training für sich üben. So wie eben Lüneburg.

Mentalcoach rät zu speziellen Übungen

Ganz anderer Meinung als Koch, Seeliger und Heyne ist Olaf Kortmann. Der renommierte Mentalcoach geht sogar noch weiter. „Es ist nicht nur falsch, dass man Elfmeter nicht trainieren kann. Man muss sie sogar trainieren.“ Entscheidend sei es, „auf die Handlung zu schauen und nicht auf die Bewertung der Situation. Ein guter Athlet schafft es, einen inneren Dialog mit sich aufzubauen und nicht darüber nachzudenken, was passiert, wenn er verschießt. Er fokussiert sich völlig auf den Ablauf: Ball hinlegen, Anlauf, präziser Schuss“. Und dies sei, so Kortmann, sehr wohl in der Arbeit auf dem Trainingsplatz durch spezielle Übungen erlernbar. „Der Trainer kann beispielsweise einem Schützen die Anweisung geben, zehn Elfmeter oben rechts in den Winkel zu schießen. Obwohl der Torwart die Ecke weiß, soll er sechsmal treffen.“

Werde die Marke erreicht, stärke das die Selbstwirksamkeit beim Spieler. „Der Trainer kann dann dem Spieler sagen: Wenn du das hier geschafft hast, klappt das im Spiel auch.“ Eine weitere Übung sei das Platzieren der gesamten Mannschaft um den Schützen herum. Deren Anwesenheit ersetzt so zu einem gewissen Teil die Zuschauer. „Stresssituationen“, so Kortmann, „sind künstlich simulierbar. Genauso wie der Umgang damit. Wer glaubt, alles geht von alleine weg, der glaubt sicher auch an den lieben Gott.“

An diesem Sonnabend, 26. November, gastiert Eintracht Norderstedt zum Auftakt der Regionalliga-Rückrunde bei Hannover 96 II, dem Tabellenzweiten. Anstoß im neuen Hannoveraner Amateurstadion (Adresse: Clausewitzstraße 4) ist um 13 Uhr. Das Hinspiel gewannen die Niedersachsen am 31. Juli mit 2:0.


Die Strafstoß-Chronologie seit Anfang 2015:
15 Strafstöße, elf Fehlschlüsse, nur vier Treffer – seit dem 1. Januar 2015 haben sechs verschiedene Akteure von Eintracht Norderstedt Foul- oder Handelfmeter vergeben. Seit dem Regionalliga-Aufstieg saßen lediglich 14 von 26 Penaltys – in der letzten Oberligasaison 2012/2013 hatten die Garstedter noch sämtliche ihrer 16 Versuche getroffen. Ein Überblick:


28. Februar 2015, bei FT Braunschweig (Endstand 4:1):
Linus Meyer verwandelt zur 2:1-Führung.


19. April 2015, gegen BV Cloppenburg (0:3): Deran Toksöz und Jan Lüneburg verschießen jeweils beim Stand von 0:2.


24. Juli 2015, beim TSV Schilksee (5:0): Philipp Koch scheitert beim Stand von 2:0.


18. September 2015, gegen Eintracht Braunschweig II (1:0): Philipp Koch verschießt beim Stand von 1:0.


4. Oktober 2015, gegen TSV Havelse (0:0): David Karg vergibt.


19. März 2016, bei Eintracht Braunschweig II (1:2): David Karg verschießt beim Stand von 1:2.


28. März 2016, gegen SV Drochtersen/Assel (3:2): Philipp Koch verschießt beim Stand von 2:2, Björn Nadler verwandelt zum 3:2-Endstand.


7. August 2016, gegen Lupo-Martini Wolfsburgs (2:1): Linus Meyer verschießt beim Stand von 1:0.


4. September 2016, gegen VfV Borussia Hildesheim (3:0): Jan-Philipp Rose trifft zur 1:0-Führung, Linus Meyer vergibt beim Stand von 2:0.


8. Oktober 2016, beim VfL Wolfsburg II (0:2): Philipp Koch vergibt beim Stand von 0:2.


12. November 2016, beim Hamburger SV II (0:1): Marin Mandic verschießt beim Stand von 0:0.


20. November 2016, gegen SV Eichede (5:0): Felix Drinkuth trifft zum 4:0.