Norderstedt
Olympische Spiele

„Früh war klar, dass Pferde mein Leben prägen würden“

Preis der Besten in Everswinkel: Hanna Knüppel (rechts) mit ihrem Vorbild Ingrid Klimke

Preis der Besten in Everswinkel: Hanna Knüppel (rechts) mit ihrem Vorbild Ingrid Klimke

Foto: Mattis Knüppel

Die Junioren-Europameisterin schildert, wie sie zum Vielseitigkeitsreiten kam und wie sie den Wettkampf in Rio de Janeiro verfolgt.

Kisdorf.  Kontakt zu den sanften Riesen hatte ich schon als kleines Mädchen. Ich bin in Kisdorf auf dem Hof meiner Großeltern aufgewachsen. Und früh war klar, dass Pferde mein weiteres Leben prägen würden.

Mit dem Reiten begonnen habe ich auf Ponys. Mein Herz schlug schon immer mehr für das Springen, doch meine Mutter zwang mich in den Dressursattel, da die dressurmäßige Ausbildung von Pferd und Reiter die Basis für jede weitere Disziplin im Pferdesport ist.

Die Hindernisse im Gelände geben nicht nach, das macht sie gefährlich

Am meisten Spaß hatte ich aber immer dann, wenn ich mit meinem Pony durch den Wald galoppieren konnte. Mit dem Umstieg auf ein Großpferd folgte 2011 der Wechsel in die Vielseitigkeit. Anfangs waren meine Eltern skeptisch und besorgt. In der dritten Teildisziplin neben der Dressur und dem Springen, dem Geländeritt, geben die Hindernisse ja nicht nach, wenn sie vom Pferd touchiert werden. Außerdem reitet man die Sprünge in hohem Tempo an. Da kann es schon mal zu einem Sturz kommen.

In der Dressur zeigt sich, wie gut das Pferd auf die Hilfen des Reiters reagiert und wie harmonisch beide als Team agieren. Dass Mensch und Tier gut aufeinander eingespielt sind, sich gegenseitig vertrauen, ist in der Vielseitigkeit wichtiger als in jeder anderen Disziplin im Pferdesport.

Beispielsweise müssen die Pferde beim Geländeritt manchmal über Hindernisse springen, bei denen sie nicht einsehen können, was sich dahinter befindet. Und der Reiter weiß nie wirklich, wie das Pferd in kniffligen Situationen reagieren wird. Daher muss er auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Das macht die Vielseitigkeit so spannend und abwechslungsreich.

In der abschließenden Springprüfung kommt es darauf an, das Pferd so zu dirigieren, dass es optimal abzuspringen kann. Denn nun können Stangen fallen, und das gibt Strafpunkte.

Auch der Trainingsumfang und -aufwand machen die Vielseitigkeit einzigartig und speziell. Diese ist vergleichbar mit den Mehrkämpfen in der der Leichtathletik, man nennt sie daher auch die Krone der Reiterei.

Die Pferde müssen in jeder Teildisziplin ein hohes Niveau erreichen. Daher dauert die Ausbildung eines Vielseitigkeitspferdes deutlich länger als die eines Dressur- oder Springpferdes. Und: Vielseitigkeitsreiter müssen sich in allen drei Teilbereichen zurechtfinden, dabei die individuellen Stärken und Schwächen der Pferde erkennen und dementprechend ihre Trainingsschwerpunkte setzen.

Die Weltklasse-Cracks demons­trieren immer wieder, über welch hohes Können sie in den einzelnen Disziplinen verfügen. So mischen Michael Jung und Sandra Auffarth, die in Rio de Janeiro dabei sind, im Springen sogar die Spezialisten auf. Und Ingrid Klimke ist eine tolle Dressurreiterin.

Unter den Aktiven herrscht eine familiäre Atmosphäre

Besonders an der Vielseitigkeit ist auf jeden Fall die familiäre Atmosphäre zwischen Profis, Amateuren sowie den Jugendlichen. Bei einem Vielseitigkeitsturnier trifft man auf Olympiasieger, Nachwuchsreiter, Anfänger – und man kann als Laie nicht erkennen, wer welchen Status hat. Jeder ist freundlich, hilfsbereit und offen.

Dass das Vielseitigkeitsreiten aufgrund des Geländeritts nicht ungefährlich ist, steht außer Frage. Allerdings sind die Wettbewerbe in den vergangenen Jahren durch die Verkürzung der Strecke entschärft worden. Die Dressur ist anspruchsvoller als früher, das Gelände ist technischer, die Hindernisse im Springen sind höher; das hat die Ausbildung von Pferd und Reiter beeinflusst. Der Qualitätsstandard bei uns ist sehr hoch, deshalb ist Deutschland bei internationalen Vielseitigkeits-Wettbewerben auch so erfolgreich.

Fehler sind immer noch unvermeidbar, jedoch wurden spezielle Sicherheitssysteme entwickelt, die die Stürze im Gelände entschärfen und schwere Verletzungen vermeiden sollen. Solche Systeme werden auch in Rio verwendet und hoffentlich noch weiter ausgeklügelt.

Mein großes Vorbild ist Olympiastarterin Ingrid Klimke. Ihr Umgang mit den Tieren, aber auch mit den anderen Vielseitigkeitsreitern ist bemerkenswert. Vor Rio de Janeiro war ich mir ziemlich sicher, dass sie mit Deutschland Team-Gold gewinnen würde, weil wir in unserem Sport seit Jahren die erfolgreichste Nation der Welt sind. Allerdings ist in der Dressur und auf der schweren Geländestrecke für uns längst nicht alles optimal gelaufen, von Dominanz kann man diesmal also nicht reden.

Ich bin gespannt, ob es am Ende trotzdem zu Edelmetall reicht. Deshalb werde ich mich heute vor meinen Computer setzen, das Mannschafts- und Einzelspringen im Livestream verfolgen und den deutschen Startern kräftig die Daumen drücken.