Norderstedt
Selbstverteidigung

Notwehr: Wie Frauen lernen, Männern richtig weh zu tun

Selbstverteidigung für Frauen beim 1. SC Norderstedt: Das beherzte Zugreifen in die männlichen Genitalien, um dem Angreifer bewusst weh zu tun, fällt den wenigsten Frauen leicht

Selbstverteidigung für Frauen beim 1. SC Norderstedt: Das beherzte Zugreifen in die männlichen Genitalien, um dem Angreifer bewusst weh zu tun, fällt den wenigsten Frauen leicht

Foto: Anne Pamperin

Beim 1. SC Norderstedt unterrichtet Kampfsportler Mirko Kannenwischer Frauen. Sie sollen sich wirkungsvoll gegen Angreifer verteidigen.

Norderstedt.  Eigentlich ist der Weg von der U-Bahn bis nach Hause immer der gleiche. Ein 15-minütiger Fußweg auf Straßen, kleineren Wegen, durch den Park und noch an einer dunklen Ecke vorbei. Manchmal ist aber alles anders. Fast jede Frau hat das mulmige Gefühl schon erlebt, wenn sich eine Gestalt nähert, ihre Schritte immer deutlicher zu hören sind und plötzlich Angst aufkommt. Schnell schwirren negative Gedanken im Kopf herum, und die Frage kommt auf: „Will mir jemand etwas Böses und mich eventuell sogar körperlich angreifen?“

Nach den Übergriffen auf Frauen am Silvesterabend in Köln und den Vorfällen in Diskotheken auf der Hamburger Reeperbahn, bei denen Frauen aggressiv angetanzt und bedrängt wurden, ist die Angst vor Übergriffen und das Bedürfnis, sich zu schützen, größer geworden. Selbstverteidigungskurse in Sportvereinen und Volkshochschulen sind regelmäßig ausgebucht. Die Frauen, die selbst die Initiative ergreifen und sich zu diesen Kursen anmelden, haben keine Lust, sich zu Hause einzuigeln und ihre Freiheit aufzugeben. Sie wollen sich ihr Leben nicht von einer gewalttätigen Minderheit bestimmen lassen und werden aktiv.

Mit dieser Einstellung gehen auch die sieben Frauen, zwischen 20 und 60 Jahre alt, in den Workshop des 1. SC Norderstedt, der von Mirko Kannenwischer geleitet wird. „Frank Fröhlich, der Geschäftsführer des SCN, ist direkt auf mich zugekommen. Die Nachfrage nach Sicherheit ist derzeit ein wichtiges und zentrales Thema, das ich nicht weiter bewerten möchte. Was ich aber bewerten kann und möchte, ist, wie man sich effektiv selbst verteidigt.“

Mirko Kannenwischer lebt seit 16 Jahren in Garstedt, ist gelernter Speditionskaufmann und arbeitet seit 1991 zusätzlich als Sicherheitsprofi. Er beherrscht diverse Kampfkünste und -sportarten und gibt sein umfangreiches Wissen und seine Erfahrung in Kursen und Workshops weiter. „Der Großteil der Frauen nutzt diese Angebote aus Neugier und als Präventivmaßnahme. Rund zehn Prozent haben aber auch schon negative Erfahrungen gesammelt“, sagt Kannenwischer.

Auch im SCN-Workshop sind Frauen dabei, die schon fast ins Auto gezerrt worden sind oder andere unangenehme Begegnungen mit Männern hatten. „Als ich jung war, konnte ich weglaufen. Jetzt versuche ich, mich anders zu schützen“, sagt Silke. Sie ist – wie drei andere Mitstreiterinnen – schon zum zweiten Mal hintereinander dabei.

„Die Mädels haben mich gefragt, ob wir nicht einen zweiten Workshop anbieten können“, sagt der Übungsleiter. Das Erlernte muss in den Kopf. Erst durch häufiges Wiederholen und viel Training entstehen Automatismen, die im Ernstfall abgerufen werden können.

Zu Beginn der Übungseinheit, die immer dienstagabends im Sportpark Scharpenmoor stattfindet, versammeln sich die Teilnehmerinnen auf einer Bank. Mirko Kannenwischer verzichtet bewusst auf Gymnastik- oder Lockerungsübungen im Vorfeld. „In der Realität hast du auch keine Zeit, dich aufzuwärmen. Du musst sofort reagieren können.“

Um den Kopf ein wenig „aufzuräumen“, steht allerdings noch ein kleines Spiel an. Alle sollen nacheinander in exakt 30 Sekunden erzählen, was sie ihren Liebsten in diesem Jahr zu Weihnachten schenken. Ungewöhnlich, aber effektiv. Alle sind fokussiert und beginnen umgehend, zu zweit Angriff und Verteidigung durchzuspielen. In lockerer Atmosphäre werden verschiedene Techniken und Abwehrmechanismen abgerufen und angewendet. Es wird viel gelacht, Spaß muss auch sein.

Kannenwischer schnappt sich parallel dazu jede Teilnehmerin einzeln und verlangt von ihr, das Erlernte an ihm anzuwenden. Das sieht dann nicht mehr so locker aus. Der Schutz der Gruppe ist dahin, dem spaßigen Üben mit der Partnerin folgt der gespielte Ernstfall. Und der Coach verlangt von den Workshop-Teilnehmerinnen, dass sie dort hingehen, wo Männer empfindlich sind. Er weiß ganz genau, dass die meisten Frauen sogar im Ernstfall noch eine große Hemmschwelle haben, Männern weh zu tun. Dabei ist dies oft die wirksamste Methode, Angreifer loszuwerden oder zumindest kurz außer Gefecht zu setzen. „Genitalien, Gelenke, Augen, Nase und Ohren sollten das Ziel sein. Dort sind Männer empfindlich“, sagt Kannenwischer, der sich bei den Übungen mit einem Tiefschutz absichert, um nicht verletzt zu werden. Das ist auch gut so, denn die Damen greifen beherzt zu.

Im SCN-Workshop werden verschiedene Szenarien wie Angriff, Verteidigung oder Notfall angesprochen. Einmal wird der Raum abgedunkelt, um eine beklemmende Atmosphäre entstehen zu lassen. Ein anderes Mal geht’s in die Disco. Das „Antanzen“ ist schließlich in aller Munde. Kannenwischer: „Hier muss man unterscheiden zwischen dem sexuellen und dem räuberischen Antanzen. Wer auf fremdes Eigentum aus ist, hat meistens eine ganz klare Taktik. Sexuelle Übergriffe sind dagegen eher triebgesteuert.“

Im schlimmsten Fall müssen Knie, Kopf und auch die Hände zum Einsatz kommen. Die Frage, wann der richtige Zeitpunkt ist, sich zu wehren, muss jede Frau für sich selbst beantworten. Egal, ob in der Disco, auf der Straße oder im Park – Mirko Kannenwischer setzt immer auf den Überraschungseffekt. „Der Täter weiß ja nicht, was kommt.“

Dunkle, abgelegene Orte meiden, dazu zählen Straßen und Parks. Tipp: helle Taschenlampe/Kubotan (ein kurzer Stock, der als Schlüsselanhänger konzipiert ist und der als Schlagverstärker genutzt wird) immer dabei haben.

In Gruppen auftreten. Gruppen werden eher selten angegriffen, weil mehr Zeugen vor Ort sind. Tipp: mindestens zu zweit oder dritt gehen.

Alkohol und Drogen meiden. Auch auf die eigenen Getränke aufpassen. Tipp: aus Flaschen trinken und selbst den Deckel entfernen.

Straßenseite wechseln, wenn Gruppen auf einen zukommen. Die Gruppendynamik kann das Gewaltpotenzial steigern. Tipp: nicht nur auf das Handy schauen, sondern aktiv die Gegend observieren.

Selbstverteidigung in Workshops oder im Verein regelmäßig trainieren. Tipp: Bei der Wahl des Stils das Bauchgefühl entscheiden lassen.

Wenn es zu einem Kampf kommt, nicht wie ein Opfer, sondern ein Gegner agieren. Tipp: Besonders die männlichen Genitalien, Gelenke, Augen, Nase und Ohren sollten die Verteidigungsziele sein. Dort ist das Schmerzempfinden am stärksten.