Tennis

Wo Angelique Kerbers Märchen von Melbourne begann

| Lesedauer: 5 Minuten
Anne Pamperin
Schon 2004 im Blickpunkt der Medien: Angelique Kerber und ihr Trainer Torben Beltz beim Pressetermin in Kaltenkirchen

Schon 2004 im Blickpunkt der Medien: Angelique Kerber und ihr Trainer Torben Beltz beim Pressetermin in Kaltenkirchen

Foto: PAMPERIN Pamperin

Die Australian-Open-Siegerin spielte in den Jahren 2004 und 2005 beim Tennisclub Alsterquelle. Ihr Trainer schon damals: Torben Beltz

Henstedt-Ulzburg.  Sie begann ihre Profikarriere mit bescheidenen sportlichen Ambitionen – jetzt ist sie als Sensationssiegerin der Australian Open in Melbourne der weltweit umjubelte Star der Damentennis-Szene.

Eines ist sicher: Als Angelique Kerber, 28, im Alter von 16 Jahren zusammen mit ihrem Trainer Torben Beltz einen Werbetermin im Kaltenkirchener Einrichtungs- und Modehaus Dodenhof wahrnahm, hätte sie nicht einmal in ihren schönsten Träumen daran gedacht, dass sie 2016 im Finale des Grand-Slam-Turniers gegen die aktuelle Nummer eins der Weltrangliste gewinnen würde.

Als die 28-Jährige im denkwürdigen Endspiel gegen Serena Williams (USA) nach 2:08 Stunden ihren ersten Matchball verwandelte und den 6:3, 3:6, 6:4-Triumph perfekt gemacht hatte, warf sie ihren Schläger von sich und ließ sich auf den Rücken fallen. Danach ließ die sympathische Kielerin ihren Gefühlen freien Lauf, schluchzte hemmungslos und strahlte gleichzeitig über das ganze Gesicht.

Wahrscheinlich dachte die neue Nummer zwei der WTA-Rangliste in diesem emotionalen Moment an alles mögliche, nur nicht an den Tennisclub Alsterquelle. Zahlreiche Fans und Aktive aus der Region erinnern sich aber sehr wohl daran, dass die Linkshänderin als Jugendliche zwei Jahre lang in Henstedt-Ulzburg aktiv war.

„Der TCA war damals das sportliche Aushängeschild in Schleswig-Holstein. Im Sommer 2004 ist Angelique vom MTSV Olympia Neumünster in Richtung zu uns gekommen, 2005 waren wir mit der Damen- sowie der Herren-30-Mannschaft in der 2. Bundesliga vertreten. Der Vereinswechsel war für sie der nächste Schritt in Richtung Profikarriere“, erinnert sich Joachim Jakstat, der zu diesem Zeitpunkt Vereinschef war.

Für die gebürtige Bremerin begann im September 2004 auch die Zusammenarbeit mit Torben Beltz, der unter anderem als schleswig-holsteinischer Verbandscoach arbeitete und auch am Tenniszentrum in Wahlstedt unterrichtete. Um optimal trainieren zu können, suchte sich Kerber in der Nähe ein Zimmer.

Ihr Talent und vor allem der Wille, den Durchbruch im Profibereich zu schaffen, waren schon 2004 erkennbar. Aber die eigenen Ziele behielt der Teenager im Gespräch mit der Norderstedter Zeitung lieber für sich: „Wenn ich jetzt etwas sage, stehe ich hinterher blöd da.“

„Angelique war ein sehr zurückhaltender Typ“, so Joachim Jakstat, der sich über den Erfolg der ehemaligen TCA-Spielerin riesig freut. „Wenn man sieht, wie sie sich heute verhält, verdient das großen Respekt. Sie hat eine großartige menschliche und sportliche Entwicklung gemacht. Um diese Leistung hinzubekommen, sind knüppelhartes Training und viele Entbehrungen erforderlich.“

Nach dem Aufstieg im Sommer 2004 kämpfte die Damenmannschaft des TC Alsterquelle ein Jahr später vergeblich um den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga Nord. Im Team standen neben Kerber auch Nachwuchstalente wie Julia Paetow oder Mona Barthel, die auf der WTA-Tour bislang drei Einzel- und zwei Doppeltitel gewonnen hat und in der aktuellen Weltrangliste Platz 69 belegt.

Komplettiert wurde die Crew unter anderem durch die erfahrenere Tanja Stegkämper. „Ich habe zu der Zeit ebenfalls in Kiel gewohnt und Angelique das eine oder andere Mal mit dem Auto mitgenommen“, sagt die frühere Henstedterin. Im Januar 2004 weilte sie wie Kerber in Down Under. Stegkämper startete im Vorprogramm der Australian Open, dem Weltfinale der Amateurspieler. Im Juniorinnen-Wettbewerb sah sie ihre Vereinskameradin aufschlagen. Stegkämper: „Da reist man um die halbe Welt und trifft sich auf dem Tennisplatz wieder.“

Dass die zuvor uneingeschränkte Nummer eins beim TC Alsterquelle auf einmal ein „Küken“ vor die Nase gesetzt bekam, war für sie überhaupt kein Thema. „Angelique war eine sehr ruhige und angenehme Person, und auch damals schon sehr fokussiert auf den Sport. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis“, sagt die heute 43-Jährige.

„Für das Finale der Australian Open bin ich extra früh aufgestanden. Es ist schon etwas Besonderes, wenn man die Leute kennt, die da spielen. Das war extrem gut, was sie da gezeigt hat“, sagt die Groß- und Außenhandelskauffrau voller Bewunderung und ergänzt: „Mich freut dieser Erfolg auch ganz besonders für Angeliques Trainer Torben Beltz, den ich seit vielen Jahren kenne. Zwischen uns ist immer noch eine Golfrunde offen, aber das schafft er momentan aus Zeitgründen nicht.“

Fakten zu Angelique Kerber

Seit 2003 Profi.

Alter: 28 (Steinbock).

Aktuelle Weltranglistenposition: 2.

Die größten Erfolge: Halbfinale US-Open (2011), WTA-Turniersiege in Linz, Paris und Kopenhagen, Halbfinale in Wimbledon (2012), Finale im Federationscup mit Deutschland (2014), WTA-Turniersiege in Charleston, Stuttgart, Birmingham und Stanford (2015), Gewinnerin der Australian Open (2016). Erster Grand-Slam-Triumph einer deutschen Tennisspielerin seit Steffi Graf 1999 in Paris.

www.angelique-kerber.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport