Norderstedt
FUSSBALL

1:8 – Eintracht wird in alle Einzelteile zerlegt

Sie liefen nur hinterher: Hier können (von links) Jan-Philipp Rose, Tim Petersen, Ole Springer und Marin Mandic ein Tor von Wolfsburgs Dino Medjedovic nicht verhindern

Sie liefen nur hinterher: Hier können (von links) Jan-Philipp Rose, Tim Petersen, Ole Springer und Marin Mandic ein Tor von Wolfsburgs Dino Medjedovic nicht verhindern

Foto: Darius Simka/regios24 / regios24

Beim VfL Wolfsburg II kassiert Regionalligist Eintracht Norderstedt eine Rekordpleite. Dazu fliegt Stürmer Jan Lüneburg mit einer Roten Karte vom Platz.

Norderstedt.  1:8. In Worten: eins zu acht. So etwas darf einer ambitionierten Fußball-Mannschaft niemals passieren. Doch Eintracht Norderstedt ist mit genau dieser Demütigung vom Regionalliga-Spiel beim VfL Wolfsburg II zurückgekehrt. So hoch hatte der Club zuvor noch nie ein Pflichtspiel verloren – der bisherige Negativrekord war ein 0:6 in, genau, Wolfsburg. Dort erwartet natürlich niemand Auswärtspunkte, aber das macht es nicht ansatzweise besser, was im AOK-Stadion geschehen ist.

Das Unheil nahm sehr früh seinen Lauf: 0:1 nach 50 Sekunden, 0:2 nach zehn Minuten, das dritte Tor fiel in der 29. Minute. Der nächste Tiefschlag: Jan Lüneburg traf einen Moment später Sebastian Wimmer mit offener Sohle am Knie, flog mit glatt Rot vom Platz. Vertretbar. Die Eintracht ohne ihren besten Stürmer, es sollte ein langer Nachmittag werden.

Trotzdem: Bis zur Pause blieb es wenigstens beim 0:3, und Ermir Zekjiri verkürzte sogar nach einem der ganz wenigen gelungenen Angriffe (55.). In dieser Höhe wäre ein Endstand absolut verkraftbar gewesen, beinahe ein Achtungserfolg, doch in der Schlussviertelstunde brachen alle Dämme. Es wurde peinlich.

Die erfahrene Abwehr brachte keine Stabilität

Trainer Thomas Seeliger tat sich schwer, die Schmach in Worte zu fassen. „Ich muss das erst einmal sacken lassen. Es ist ein absolutes Unding, in einer Liga so zu verlieren. Wir haben uns abschlachten lassen.“ Dabei hatte er in der Verteidigung seine Bestformation aufbieten können, gerade Marin Mandic, Tim Petersen und Jan-Philipp Rose bringen viele Hundert Partien Regionalliga-Erfahrung mit auf den Platz. Doch sie versagten.

Seeliger: „Die Spieler waren alle taubstumm, es gab keine Kommunikation, keine Abstimmung.“ Zuvor hatte der Coach dem Team vorgegeben, in den Zweikämpfen präsent zu sein, weil den technisch zwei Klassen besseren Wolfsburger nur so beizukommen sei – denn der Titelfavorit hat beileibe nicht jedes Match gewonnen, sich oft sogar schwer getan. Zugehört hat aber offenbar keiner der Norderstedter. Stattdessen lief die Eintracht von Beginn an nur hinterher. „Wie eine Schülermannschaft“, sagte Seeliger.

Das 1:8 verdeutlicht, welch einen gewaltigen Unterschied zweieinhalb Monate ausmachen können. Schließlich war die Eintracht Anfang September noch gefeierter Spitzenreiter. Seitdem sind nur noch zehn Punkte hinzugekommen – im Vergleich dazu hat beispielsweise der VfB Oldenburg, damals noch gleichauf, in diesem Zeitraum 26 Zähler gesammelt. Abwärtstendenz oder zurück auf normales Niveau, es ist immer eine Frage der Interpretation. Gerade, wenn wie in diesem Fall keineswegs nur sportliche Faktoren beigetragen haben.

„Für mich ist unser 2:1 gegen Weiche Flensburg ausschlaggebend“, sagt der Vereinsvorsitzende Reenald Koch. Das war am 16. August, die Eintracht zeigte ihre beste Saisonleistung. All das geschah jedoch, bevor der Kader durch eine Vielzahl an Verletzungen erheblich an Qualität einbüßte, die Mannschaft in diesem Zuge ihren Rhythmus und die Leichtigkeit verlor. Koch ist überzeugt: „Wenn wir unsere Verletzten nicht gehabt hätten, wären wir unter den ersten Drei.“

Thomas Seeliger fordert Verstärkungen

Mittlerweile hat Norderstedt andere Sorgen, die Stimmung war schon vor der Rekordpleite in Wolfsburg nicht mehr gut. „Das kotzt mich nur noch an“, so beschrieb Thomas Seeliger seine Gefühle nach den jüngsten Hiobsbotschaften. Als wäre es ein schlechter Film, musste der Coach den dritten Kreuzbandriss verkünden. Es hat Yayar Kunath erwischt, den flinken Rechtsaußen. Damit nicht genug, verabschiedete sich auch noch Marius Browar­czyk. Der Mittelfeldmann, in dieser Saison aufgrund eines Muskelfaserrisses und eines Pfeifferschen Drüsenfiebers komplett ohne Einsätze, hätte zur Rückrunde zurückkehren sollen. Nun aber beginnt der Zweikampfspezialist ein Abendstudium in Wirtschaftspsychologie, steht nicht mehr zur Verfügung. „Da wurden wir vor vollendete Tatsachen gestellt“, so Seeliger.

Er fordert nun Verstärkungen, der Verein soll also auf dem erfahrungsgemäß schwierigen Winter-Transfermarkt aktiv werden. „Wir brauchen neue Leute. Verluste wie von Meyer oder Kunath kompensieren wir aber nicht mit Oberliga-Spielern“, so Thomas Seeliger. Clubchef Reenald Koch lässt durchblicken, dass grundsätzlich Ressourcen vorhanden wären. „Wir sind bereit, etwas zu tun und reagieren unter den Voraussetzungen, dass ein Spieler die Qualität hat, uns sofort weiterzuhelfen.“ Die Crux darin: Gerade im Offensivbereich sind derartige Kaliber teuer, das hat die Eintracht schon bei diversen Gesprächen erfahren.

Tore: 1:0 Dino Medjedovic (1.), 2:0 Julian Klamt (10.), 3:0 Oskar Zawada (29.), 3:1 Ermir Zekjiri (55.), 4:1, 5:1 Dino Medjedovic (66./76.), 6:1 Paul Seguin (79.), 7:1 Sebastian Stolze (84.), 8:1 Gergely Bobal (89.).
Rote Karte: Jan Lüneburg (Eintracht/30./grobes Foulspiel).
Zuschauer: 274.
Eintracht Norderstedt: Springer – Marxen (46. Jozic), Aniteye (46. Kummerfeld), Petersen, Rose – Kunter (79. Schultz), Zekjiri, Mandic, Koch, Lindener – Lüneburg.