Norderstedt
Reiten

Begeisterung fürs Breitensportturnier ist ungebrochen

Für Jungzüchter-Weltmeister Tjark Roll aus Struvenhütten war die Präsentation seines dreieinhalb Monate alten Hengstes Cruising beim Fohlenchampionat eine schweißtreibende Angelegenheit: Der 23-Jährige musste selber mitlaufen

Für Jungzüchter-Weltmeister Tjark Roll aus Struvenhütten war die Präsentation seines dreieinhalb Monate alten Hengstes Cruising beim Fohlenchampionat eine schweißtreibende Angelegenheit: Der 23-Jährige musste selber mitlaufen

Foto: Anne Pamperin

900 Aktive aus Schleswig-Holtstein zeigen den 5000 Zuschauern in Bad Segeberg auch bei der 20. Auflage der Veranstaltung ihr Können.

Bad Segeberg. Ganz brav trabt der knuffige Cruising neben seiner Mutter Narissa her. Tjark Roll und sein Bruder Thies versuchen, den kleinen Hengst, der erst im April geboren wurde, ein wenig anzustacheln. Doch Cruising hat keine Lust, beim Fohlenchampionat auf dem Landesturnierplatz in Bad Segeberg eine Show abzuziehen.

Bei der Bewertung durch die strenge Jury muss Cruising bis zuletzt warten, ehe er eine Schleife erhält, doch Besitzer Tjark Roll sieht das alles ganz entspannt und akzeptiert den siebten Platz gelassen. „Ich weiß ja, was er kann. Er wird irgendwann mal richtig gut springen“, sagt der 23-Jährige, der seit zwei Jahren Deutsche Reitponys züchtet und sich vor zehn Tagen bei den Jungzüchter-Weltmeisterschaften im englischen Hartpury die Goldmedaille im Einzelwettbewerb der Senioren bis 25 Jahre sowie den Sieg mit dem Holsteiner Team sicherte.

Für die rund 5000 Zuschauer, die insgesamt zum 20. Landesbreitensportturnier kamen, war das Fohlenchampionat aber nur eine von vielen Attraktionen. Im Mittelpunkt standen bei der zweitägigen Veranstaltung nicht der Leistungssport, sondern der spielerische Wettbewerb, die Kreativität und das gute Miteinander zwischen Mensch und Tier in den unterschiedlichsten Variationen.

„Der Spaß soll im Vordergrund stehen. Wenn das Pferd Freude an seiner Aufgabe hat, freut sich auch der Reiter“, sagte Antje Voß, die Breitensportbeauftragte des Pferdesportverbandes Schleswig-Holstein. Und PSH-Geschäftsführer Matthias Karstens ergänzte: „Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, dass hier alles etwas entspannter ist. Wenn auf einer Veranstaltungsfläche mal 30 Minuten nichts passiert, ist das nicht so schlimm. Dann geht man eben woanders hin und guckt sich dort das Treiben an. Beim Landesturnier der Spring- und Dressurreiter, das vom 17. bis 20. September hier stattfindet, wäre das undenkbar. Da wäre so ein Leerlauf eine Katastrophe.“

Dass die Begeisterung auch nach 20 Jahren ungebrochen ist, liegt an der Abwechslung und der familiären Atmos­phäre. Abseits von üblichen Prüfungen entstanden im Laufe der Jahre Vorführungen und Wettbewerbe der unterschiedlichsten Stilarten mit Pferd, Hund, vom Boden oder von der Kutsche aus, in normaler Reitkleidung oder auch abenteuerlich kostümiert.

Mittlerweile hat sich das Landesbreitensportturnier zum Pferdefest des Nordens entwickelt. In diesem Jahr waren 900 Teilnehmer aus Schleswig-Holstein in der Kreisstadt zu Gast, zur Auswahl standen 80 Prüfungen.

Lilly Berke, 7, aus Sievershütten, nahm all ihren Mut zusammen und ging mit dem 26 Jahre alten Wallach Lucero im Wettbewerb „Offene Kür der Reitweisen“ an den Start. Die Siebenjährige liebt die Geschichten des Einhorns Sternenschweif, dem Lucero bei der Vorführung auf dem Segeberger Pagelplatz erstaunlich ähnlich sah. Lilly ritt kostümiert und absolut furchtlos in das Dressurviereck ein und überraschte die Richter am Ende der Kür sogar noch mit einer Standfigur auf Luceros Rücken. „Sie ist nicht nur eine der jüngsten Teilnehmerinnen, sondern Lucero ist auch eins der ältesten Pferde“, sagte Lillys Mutter Kathrin stolz und zufrieden.

Für die einzelnen Wettbewerbe waren einzelne Sparten des Pferdesportverbandes Schleswig-Holstein, aber auch andere Vereine verantwortlich – unter anderem die Deutschen Friesenzüchter, die Erste Westernreiterunion (EWU), die Fahrergemeinschaft Schleswig-Holstein/Hamburg, die Islandpferdezüchter-Vereinigung Nord, die Sternstafetten für Reiten und Fahren, das Team Légèrté, der Verein der Schleswiger Pferdezüchter und die Vereinigung der Freizeitreiter.

Wie üblich waren auch die Mitglieder des Verbandes für Mounted Games dabei und präsentierten den staunenden Zuschauern ihre rasanten und waghalsigen Reiterspiele. In Bad Segeberg kämpften die Junioren diesmal sogar um deutsche Ranglistenpunkte, um sich für das nationale Championat in Tornesch (19. und 20. September) zu qualifizieren.

Der Pferdesportverband Schleswig-Holstein stellte sich in den Sparten Quadrillenreiten, Caprillitest, Horse-Agility, Führzügel und gebissloses Reiten vor. Bei Letzterem liefen aber nicht etwa zahnlose Pferde im Parcours umher. Vielmehr mussten die Tiere lediglich mittels Halfter, also ohne das Eisen im Mund, über beziehungsweise durch Hindernisse geführt werden.

„Sie lernen so, ungewohnte Geräusche zu akzeptieren und werden sicherer“, sagte Manuela Höfert, die die Gelassenheitsprüfung mit ihrem Showpferd Arcado absolvierte. Sie musste dabei einen mit Blechdosen gefüllten Sack hinter sich herziehen, Figuren aufheben, Wassereimer tragen oder auch über auf dem Boden liegende Stangen reiten, ohne diese zu berühren.

„Beim Breitensportturnier kennt man sich mittlerweile, jeder gönnt dem anderen den Erfolg und freut sich, wenn etwas gut gelingt“, so Antje Voß, „die Pferde werden zu nichts gezwungen, sie sind durchweg ruhig und gelassen, was auf so einer großen Veranstaltung schon etwas Besonderes ist.“