Theaterkritik

Kreisch! Schaurig-skurriles Gruseln mit der „Addams Family“

| Lesedauer: 4 Minuten
Heike Linde-Lembke
Alice Beineke (Antonia Grunwaldt) dreht durch: Szene aus der Musical-Comedy „The Addams Family“, aufgeführt von der Musiktheater-Akademie Norderstedt.

Alice Beineke (Antonia Grunwaldt) dreht durch: Szene aus der Musical-Comedy „The Addams Family“, aufgeführt von der Musiktheater-Akademie Norderstedt.

Foto: Heike Linde-Lembke

Musiktheater-Akademie Norderstedt führt die Musical-Comedy „The Addams Family“ im Festsaal am Falkenberg auf.

Norderstedt.  Rhythmischer Applaus, Standing Ovations, Jubel. Das Ensemble von „The Addams Family“ badete bei der Premiere der Musical-Comedy im Festsaal am Falkenberg in tosendem Beifall. Schon die Ansage, bevor sich der Vorhang zur Premiere öffnete, ließ viel Spaß und Übermut ahnen: „Hochverschmiertes Publikum, und nun wünschen wir Ihnen ein herrliches Unbehagen!“

Der Plot: Einmal im Jahr entsteigen die Ahnen der Gruft um die Familie Addams in ihrer Villa im Central Park zu besuchen. Doch die inzwischen jugendliche Tochter Wednesday Adams hat ganz andere Pläne, denn sie hat sich verliebt in den ganz normalen Lucas.

Theaterkritik: Kreisch! Schaurig-skurriles Gruseln mit der „Addams Family“

So findet sie es eine tolle Idee, Lucas und seine Eltern zu einem Kennenlernen zu sich nach Hause einzuladen. Hier prallen Welten aufeinander: die Welt der völlig skurrilen Familie Addams, einer Familie aus lauter Toten und Untoten und die Welt der Familie Beineke, in der besonders Mutter Alice helle Farben und Gedichte liebt.

Das Ensemble des Theater Pur ist zur Premiere bestens aufgelegt und spielt das schaurig-schöne Stück mit Spielfreude und Temperament, begeistert dabei in der Choreografie von Silke Ollenburg mit ausgezeichnetem Tanz in skurrilen Kostümen, entworfen vom Backstage-Team.

Das ganze Ensemble ist bestens aufgelegt

Tobin Teßner ist Pugsley, der pubertäre Sohn der Addams-Familie, und er stößt derart hoch schrillpfeifende Schreie aus, das man um sein Trommelfell fürchten muss. Zudem spielt er mit viel Mut den kleinen Dicken und trägt dafür sogar einen Fatsuit. Mit viel Talent reizt er vom frechen Bengel bis zum süßen Knaben die ganze Klaviatur eines Pubertiers aus.

Granny Addams ist Lara Niggemann, und sie spielt die komische Alte zum Knuddeln reizend. Nahezu durchgängige Bühnen-Präsenz meistert Jacob Talics als Addams-Family-Vater Gomez mit Bravour. Zudem spricht er mit spanischem Akzent, was er mit viel Witz bringt. Allerdings muss er – aus welchen Regie-Gründen auch immer – seinen Text teilweise schreien und das sogar beim Singen, wodurch er nicht nur durch den dann übersteuerten Ton schwer zu verstehen ist, sondern langfristig auch seiner Stimme schaden dürfte. Da wäre weniger mehr gewesen. Das gilt auch für andere Darstellerinnen und Darsteller.

Berührender Solo-Gesang und Szenen-Applaus

Herrlich affektiert beherrscht Luise Rügge die Szenen als Mutter Morticica Addams. Sie flattert wie ein aufgeregtes Model durch die Kulisse, kehrt herrlich herrisch die Matriarchalin heraus, singt und tanzt mit Leidenschaft.

Ihr Pendant ist Antonia Grunwaldt als Alice Beineke, eine frustrierte Frau, die einen Drogen-Drink kippt, den der freche Pugsley seiner Großmutter klaute, um damit Lucas, den Freund seiner Schwester Wednesday, zu beseitigen. Alice dreht voll auf – und durch. Ihre langweilige Ehe wird ihr plötzlich bewusst, und sie robbt und tanzt über den langen Esstisch so bravourös, dass sie Szenen-Applaus absahnt.

Publikumsliebling ist Onkel Fester alias Tim Berrisch

Ihr Ehemann Mal ist Jasper Leites, der den Spagat vom Langweiler zum Liebhaber bestens besteht. Benjamin Mende als Sohn Lucas spielt die Rolle des Verliebten glaubhaft, während Valentina Heis als Wednesday voll in ihrer Rolle als Tochter aufgeht die sich von der dominanten Mutter abnabeln will. Berührend sind ihre Gesangssoli.

Liebling des Publikums aber wurde bei der Premiere Tim Berrisch als Onkel Fester Addams durch seine feine Mimik und subtile Charakterführung. Herrlich, wie er den Mond anbetet! Köstlich stakst auch Erik Schubert als grunzender Butler der Addams über die Bühne, skurril tänzelt Josie Bünning als Orphelia Addams durch ihre Rolle.

Theaterkritik: Am heutigen Sonntag, 5. März, folgt die nächste Aufführung

Vorangetrieben wird diese fulminante Inszenierung von Silke Ahrens-Rapude von der Band unter der Leitung von Frank Engelke auf der Empore im Festsaal. In seinen Soli überzeugte Paul Muntean mit dem warmen, einfühlsamen Klang seines Trompetenspiels.

Mit Regisseurin Silke Ahrens-Rapude, Choreografin Silke Ollenburg, Korrepetitor und Pianist Rainer Lankau und Regie-Assistentin Natalie Hiesener bildet Frank Engelke ein seit mehr als 20 Jahren aufeinander eingestimmtes Team, beispielsweise in „Sherlock Holmes“ (2017) oder in „Emil und die Detektive“ (2019).

„The Addams Family“, So, 5.3., 15.00, Festsaal am Falkenberg, Langenharmer Weg 90. Eintritt 12 Euro

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