Fachkräftemangel

Gute Jobs, die keiner will: Fahrradmechaniker in Norderstedt

| Lesedauer: 8 Minuten
Sucht seit einem Jahr Verstärkung für die Werkstatt des Fahrradhauses Velotech in Norderstedt: Inhaber Holger Gloy (58).

Sucht seit einem Jahr Verstärkung für die Werkstatt des Fahrradhauses Velotech in Norderstedt: Inhaber Holger Gloy (58).

Foto: Claas Greite / FMG

Wir stellen Jobs aus der Region vor, die seit Monaten unbesetzt sind und gehen der Frage nach, warum das so ist.

  • Viele Firmen in Norderstedt suchen hängedringend nach Fachkräften
  • Auch das Fahrradhaus Velotech braucht dringend Verstärkung
  • Wir stellen sechs freie Stellen vor und sprechen mit den Chefs

Restaurants, die schließen müssen. Bäckereien, Arztpraxen und Geschäfte, die ihre Öffnungszeiten einschränken. Der Fachkräftemangel ist überall spürbar, auch in Norderstedt. Stellen, für die es früher viele Bewerber gab, bleiben heute monatelang unbesetzt – oder auch ganz.

Welche sind diese Jobs, die offenbar niemand mehr machen möchte? In Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit haben wir sechs Stellen in Unternehmen in der Region ausfindig gemacht, die nicht besetzt werden können. In einer Serie stellen wir sie vor.

Norderstedt: Jobs, die derzeit kein Mensch machen will

Zum Auftakt sind wir zu Gast in dem Norderstedter Fahrradhaus „Velotech“, gelegen an der Ulzburger 310, in der Nähe des Stadtparks. Inhaber Holger Gloy, 58, führt den Laden seit fast 30 Jahren, über einen Mangel an Kundschaft kann er sich nicht beklagen. Fahrradfahren liegt ja im Trend, ist umweltfreundlich und gesund – und E-Bikes geben der Branche neuen Schub.

Aber: Holger Gloy und seine beiden Angestellten suchen Verstärkung – schon lange. Und bisher erfolglos. Eine Stelle als Zweiradmechaniker ist offen, „seit gut einem Jahr“, wie Holger Gloy sagt. Zeitungsannoncen habe er geschaltet, die Stelle beim Arbeitsamt gemeldet. Aber: „Null Resonanz“, sagt Gloy. Zuletzt habe sich einmal jemand gemeldet, sei dann aber nicht zum Vorstellungstermin aufgetaucht und danach nicht mehr erreichbar gewesen.

Fahrradmechaniker: Auch E-Bikes werden repariert

Was ist es für eine Stelle, für die sich offenbar niemand erwärmen kann? Ist sie vielleicht attraktiver, als man beim ersten Blick auf eine Stellenanzeige vermuten könnte? Wir folgen Holger Gloy in die Werkstatt. „Das hier wäre der Arbeitsplatz.“ Um 9 Uhr geht es los, wochentags.

„Tretlager oder Steuerlager austauschen, Bremssysteme prüfen, Schläuche wechseln, um solche Arbeiten geht es“, sagt der Firmeninhaber. Und dann werden natürlich auch E-Bikes repariert, die mittlerweile 40 Prozent des Umsatzes bei Velotech ausmachen. Hier sind die Arbeiten andere: „Wir haben spezielle Diagnosegeräte, mit denen wir Fehler im Antrieb auslesen. Und man muss auch mal eine neue Software aufspielen.“

Quereinsteiger können sich auch auf den Job bewerben – Holger Gloy war selbst einer

Ein durchaus moderner Job also. Am liebsten hätte Gloy einen gelernten Zweiradmechaniker – oder eine Mechanikerin. „Wir sind ja ein Fachgeschäft.“ Aber er würde auch „einem Quereinsteiger, der Lust auf den Job hat, eine Chance geben.“ Es gebe ja „Leute, die gerne an ihren Fahrrädern herumschrauben, die könnte man ja aufbauen.“

Gloy kam selbst als Quereinsteiger in die Branche, vor fast 30 Jahren: „Ich habe Einzelhandelskaufmann gelernt, Rundfunk und TV“, sagt er. „Dann habe ich zehn Jahre im Bereich Informatik gearbeitet. 1994 wollte dann ein Bekannter sein Fahrradgeschäft verkaufen – und ich habe die Gelegenheit zum Wechsel genutzt“, sagt er.

Verdienst „je nach Qualifikation und Stundenwunsch bis zu 2200 Euro brutto“

Was würde die neue Kollegin oder der neue Kollege in der Werkstatt verdienen? Je nach Qualifikation und Stundenwunsch, wären das „bis zu 2200 Euro brutto“, sagt Holger Gloy. Er sucht eigentlich eine Kraft für 40 Stunden die Woche, wäre da aber flexibel. „Wenn jemand 20 oder 30 Stunden die Woche arbeiten will, ist das auch in Ordnung.“

Dann sind da natürlich die Kolleginnen und Kollegen – nicht unwichtig in einem Job. Wer bei Velo Tech anfangen würde, wäre Teil eines Vierer-Teams. Auch Holger Gloys Tochter Theresa, 29, arbeitet in dem Laden, kümmert sich um das Büro und um viele andere Dinge. Vorwiegend in der Werkstatt arbeitet Sascha Ehnert, 43. Auf die Frage, was er an seinem Job mag, muss er nicht lange überlegen: „Es ist einfach ein tolles Arbeitsklima hier. Wir haben den besten Chef der Welt!“

„Manchmal ist man in dem Job ein bisschen wie MacGyver!“

Die Arbeit selbst sei übrigens kreativer als viele denken. „Jedes Rad ist anders. Und manchmal muss man improvisieren. Man ist ein bisschen wie MacGyver!“ Auch Holger Gloy sagt: „Man muss Ideen haben und versuchen, die umzusetzen.“

Nicht zuletzt ist da ein sozialer Aspekt. Das Fahrradgeschäft ist im Viertel verankert – und seit Generationen bekannt. „Hier kommen Senioren, aber auch viele Schulkinder. Hier in der Nähe sind drei Schulen“, sagt Theresa Gloy. Ihr Vater ergänzt: „Ich habe Kunden, denen habe ich ihr erstes Kinderfahrrad verkauft. Und jetzt kommen sie mit ihren eigenen Kindern. Das ist schon ganz lustig...“

Fahrradmechaniker: Gute Chancen, sich mit eigenem Geschäft selbstständig zu machen

Das Fahrrad sei halt ein besonderes Produkt, keineswegs aus der Mode. „Das Rad gibt es seit 130 Jahren. Und es ist immer schon modern gewesen“, sagt Holger Gloy. Und so habe auch der Job als Zweiradmechaniker eine Menge Perspektiven.

„Wer in dem Job anfängt, kann irgendwann seinen Meister machen.“ Außerdem gebe es viele Möglichkeiten, selbst – als Inhaber eines eigenen Ladens – Unternehmer zu werden: „Ich kenne viele Geschäfte, bei denen der Inhaber aufhören will, aber keinen Nachfolger findet.“

Warum sich keiner auf die Stelle meldet? Holger Gloy hat eine Vermutung

Ein Job mit Zukunft, eine Branche mit Zukunft – woran liegt es dann, dass die Stelle in der Werkstatt so schwer zu besetzen ist? Holger Gloy hat eine Vermutung: „Ich glaube, handwerkliche Jobs haben nicht mehr den Stellenwert in der Bevölkerung, den sie einmal hatten. Heutzutage möchte jeder studieren. Jobs wie Tischler, Maler, Elektriker, das findet nicht mehr so die Anerkennung“, sagt Gloy.

Er hoffe natürlich, dass sich das irgendwann einmal wieder ändert. Viele hätten ein falsches Bild vom Handwerk – insbesondere, was Aufstiegs- und Weiterbildungsperspektiven anbetrifft.

Jobs in Norderstedt: Das sind die Folgen für Geschäft und Kunden

Einstweilen bleibt ihm und seinem Team nichts anderes übrig, als zu dritt weiterzumachen. Was das bedeutet, schildert Theresa Gloy so: „Wir müssen viele Kunden wegen Reparaturen vertrösten. Denen müssen wir dann manchmal sagen, dass sie erst in zwei Monaten einen Termin bekommen können.“

Holger Gloy ergänzt: „Wer sein Rad bei uns gekauft hat, hat Vorrang. Aber Fremdkunden haben im Moment ein kleines bisschen das Nachsehen.“

Norderstedt: Fünf weitere gute Jobs, die derzeit keiner machen will

In unserer Serie über den Fachkräftemangel stellen wir in den kommenden Tagen und Wochen weitere unbesetzte Jobs in Norderstedt und in der Region vor. Die da wären: Physiotherapeut/in in Kaltenkirchen, Elektriker/in in Norderstedt, Garten- und Landschaftsbauer/in in Ellerau, der IT-Fachinformatiker/in in Norderstedt und Konditor/in in Norderstedt.

Wer sich für den Job interessiert, kontaktiert das Fahrradhaus Velotech, Ulzburger Straße 310 in Norderstedt, unter Telefon 040/522 30 68, oder per E-Mail an:

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