Altenpflege

„Ich bin nicht der faule und korrupte Heimleiter!“

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Der ehemalige Geschäftsführer des Hauses im Park, Jörg Martin Adler vor dem Landgericht in Kiel. Er sieht sich durch den hier mit der Stadt Norderstedt geschlossenen Vergleich von allen Vorwürfen entlastet.

Der ehemalige Geschäftsführer des Hauses im Park, Jörg Martin Adler vor dem Landgericht in Kiel. Er sieht sich durch den hier mit der Stadt Norderstedt geschlossenen Vergleich von allen Vorwürfen entlastet.

Foto: Burkhard Fuchs

Altenheim Haus im Park: Streit zwischen Jörg Martin Adler und der Stadt Norderstedt ist beigelegt – aber nur juristisch.

Norderstedt.  Es war ein Mittwoch, am 5. Dezember 2018. Jörg-Martin Adler, damals seit 20 Jahren Geschäftsführer des Alten- und Pflegeheimes „Haus im Park“ der Stadt Norderstedt sitzt in seinem Büro und will gerade den Arbeitstag beginnen, als er plötzlich unangekündigten Besuch am Morgen bekommt. Er stutzt, wundert sich und ahnt nicht, dass er gleich in der Stadtverwaltung nicht mehr die Position des Geschäftsführers eines städtischen Eigenbetriebes einnehmen würde, sondern die des potenziellen Kriminellen, der Mitarbeiter erpresst und öffentliche Gelder veruntreut hat.

Die Stadträtin und Sozialdezernentin Anette Reinders, als Vertreterin des Aufsichtsrates der gemeinnützigen GmbH, der Leiter des Hauptamtes der Stadtverwaltung, Hauke Borchert sowie der auf Arbeitsrecht spezialisierte Hamburger Rechtsanwalt Martin Krömer stehen jetzt in Adlers Büro.

Altenpflege: „Ich bin nicht der faule und korrupte Heimleiter!“

„Krömer als Wortführer kam sofort zur Sache“, erinnert sich Adler. „Er überschüttete mich mit Verfehlungen, die ich begangen haben soll, darunter auch schwere Straftatbestände. Von Unterschlagung über Arbeitszeitbetrug, zu Unrecht Geldempfang eines Mitarbeiters gefordert zu haben, war alles dabei. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. In meinem Schockzustand legte mir dieser Rechtsanwalt einen Aufhebungsvertrag vor, den ich unterschreiben sollte. Das habe ich zum Glück nicht getan.“

Die Polizei kommt und Adler erhält Hausverbot im Altenheim

Adler wird ein Hausverbot erteilt. Als er am nächsten Tag trotzdem zur Arbeit erscheint, löst das einen Polizeieinsatz aus. Adler verlässt das Heim, das er 20 Jahrzehnte geleitet hat, schließlich freiwillig. Unter den Bewohnerinnen und Bewohner war das Erstaunen groß, ebenso wie bei einige der Mitarbeitenden – wenn auch längst nicht bei allen.

Denn manche unter ihnen waren auch froh, dass die Ära Adler endete. Wie auch immer: Im beschaulichen Haus für den Lebensabend, das in Norderstedt zu den beliebtesten Alten- und Pflegeheimen zählt, war von einer Minute auf die nächste erhebliche Unruhe und Verunsicherung eingekehrt.

Die Polizei kommt und Adler erhält Hausverbot im Altenheim

Die Öffentlichkeit erfährt nicht viel in diesen Tagen (und bis heute hat sich das nicht geändert). Das entschiedene und heftige Vorgehen der Stadtverwaltung damals nährt aber die Annahme, Adler müsse wohl etwas wirklich Schlimmes angerichtet haben. Die Stadt als Eigentümerin des Pflegeheims jedoch schweigt mit Verweis auf das laufende Verfahren und die Persönlichkeitsrechte des betroffenen Mitarbeiters.

Der Aufsichtsrat des städtischen Eigenbetriebes tagt nichtöffentlich – vielmehr streitet nichtöffentlich. Denn in der Causa Adler wird schnell klar, dass sich in dem Gremium Gräben bilden. Zwischen jenen, die zu Adler halten und die Maßnahmen der Stadt als überhart empfinden. Und jenen, die das Vorgehen der Stadt uneingeschränkt stützen. Vertreter von CDU und SPD in dem Gremium, so wurde damals kolportiert, sind am Ende so uneins, dass Kommunikation untereinander nicht mehr möglich gewesen sein soll.

Vergleich vor Gericht – und Jörg Martin Adler bekommt 30.000 Euro

Und auch der geschasste Adler schwieg – bis jetzt. Denn nun ist die ganze Affäre ausgestanden – zumindest für ihn, in juristischer Hinsicht. „Ich will endlich abschließen damit“, sagt Adler. Er sieht sich am Ende der Auseinandersetzung mit der Stadt rehabilitiert und von allen Vorwürfen entlastet.

Nach seinem Rauswurf scheiterte er zwar mit einer Kündigungsschutzklage im Sommer 2020. Obendrein forderte die Stadt von ihm Schadenersatz in Höhe von 80.000 Euro. Doch Adler zog mit seinem Rechtsanwalt für Arbeitsrecht aus Hamburg vor das Landesgericht. Und der Richter dort habe schließlich den zerstrittenen Parteien einen Vergleich nahegelegt: Adler verlässt das „Haus im Park“ und erhält zum Abschied eine Zahlung von Arbeitsentgelt in Höhe von 30.000 Euro.

Die Strafanzeige, die gegen Martin Adler wegen Unterschlagung bei der Staatsanwaltschaft Kiel eingereicht wurde, hat sich ebenfalls erledigt. Adler hält einen Brief der Staatsanwaltschaft Kiel mit dem Ermittlungsergebnis in seinen Händen: „Das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.“

Was bleibt also am Ende der Affäre Adler?

Mittlerweile ist am Adlerkamp wieder Ruhe eingekehrt. Das Alten- und Pflegeheim wird von der neuen Leiterin Maja Lesniewicz-Scheibel geführt. Die verheerende Corona-Pandemie, die auch im „Haus im Park“ für Opfer sorgte, war zuletzt das beherrschende Thema – nicht die Affäre um den ehemaligen Leiter Adler. Der Aufsichtsrat des städtischen Eigenbetriebes wurde komplett ausgetauscht und mit neuen Gesichtern besetzt.

Das „Haus im Park“, und damit die Stadt Norderstedt als Gesellschafterin, hat im letztlich gescheiterten Rechtsstreit mit dem ehemaligen Mitarbeiter um die fristlose Kündigung und den Schadensersatzanspruch angeblich an die 120.000 Euro an Anwaltskosten und 50.000 Euro an Vergleichskosten bezahlt. Adler spricht ebenfalls von „erheblichen Anwaltskosten“, die er schultern muss.

Wenig transparente Buchhaltung mit Gehaltsbarauszahlungen

Doch nach allem, was an Vorwürfen der Stadt gegenüber Adler an die Öffentlichkeit drang, steht angesichts der Kosten nun auch die Frage im Raum, ob das Vorgehen in seiner Form verhältnismäßig war. Laut eines internen Wirtschaftsprüfungsberichtes über das Abrechnungsjahr 2018, der dem Aufsichtsrat des Haus im Park vorlag, soll Adler eine zumindest wenig transparente Buchhaltung mit Gehalts-Barauszahlungen und unstimmigen Überstundenabrechnungen betrieben haben (allein 2018 sollen 396,4 Überstunden im Wert von 9250 Euro zu viel abgerechnet worden sein).

Dazu kamen Einkäufe in einem Volumen von knapp 1900 Euro bei Amazon und Ikea für Matratzen, orthopädische Kissen, einen Rucksack, Badematten und drei Keramik-Glasöfen, die allesamt nicht für das „Haus im Park“ verwendet worden sein sollen. Zugegeben hatte Adler zudem, dass er einen Gas-Heizungspilz des Heimes und einen angebrochenen Eimer Farbe aus dem „Haus im Park“ in seinem Ferienhaus verwendet beziehungsweise verarbeitet hatte.

Adlers Kritiker und Ex-Kollegen sehen bis heute genug Betrugstatbestände

Gestützt wurden diese Vorwürfe auf Aussagen von führenden Mitarbeitern des „Haus im Park“. Angesichts des Ausgangs des Verfahrens scheinen diese Aussagen aber mutmaßlich nicht ausreichend mit Beweisen unterlegt oder nicht schwerwiegend genug gewesen zu sein. Hätte das Oberlandesgericht Kiel sonst nicht anders entscheiden müssen? Der Vergleich beendete das Verfahren. Und die Öffentlichkeit wird nun wohl nie mit letzter Gewissheit erfahren, ob im „Haus im Park“ unter Jörg Martin Ader tatsächlich Steuergeld veruntreut wurde oder nicht.

Für Adler ist die Sache hingegen klar. Man habe ihn zum „faulen und korrupten Heimleiter“ abstempeln wollen. „Die Vorwürfe waren absurd. Über zehn Jahre soll ich von einem Mitarbeiter Geld erhalten haben – das hält kein Opfer zehn Jahre aus. Und welches Opfer lädt seinen Erpresser auch noch zu seiner Familienfeier ein und bleibt im Unternehmen? Matratzen soll ich unterschlagen haben, als Beweis wurde eine Rechnung kopiert. Man kann jede Rechnung kopieren und behaupten, die Ware hätte ich unterschlagen.“

Adler glaubt, „Kräfte“ hätten sich gegen ihn verschworen

Adler glaubt, es hätten sich „Kräfte“ gegen ihn verschworen. „Allein aus dem Umfeld des Pflegeheimes kommen die nicht, da müssten meiner Ansicht nach noch weitere Player im Spiel gewesen sein“, sagt Adler andeutungsschwanger. Konkreter will er aber nicht werden.

Ebenso unbeirrt von ihrer Wahrheit sind bis heute die treibenden Kräfte hinter Adlers Rauswurf – seine Kollegen aus der Heimleitung. Als der Vergleich zwischen der Stadt und Adler im Hauptausschuss am 7. Februar verkündet wurde, kommentierten dies der Prokurist und der Aufsichtsratsvorsitzende des Hauses im Park mit Verbitterung über das gescheiterte Verfahren.

Adler-Kritiker rechneten in einem Brief mit der Stadt ab

In einem Brief an Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder, Sozialdezernentin Katrin Schmieder, den Ausschussvorsitzenden Peter Holle und den damaligen Aufsichtsrat Nikolai Steinhaus-Kühl machten sie ihrer „sehr großen Ernüchterung“ Luft. Der Vergleich füge dem „Haus im Park“ den maximalen Schaden zu. Das Heim bleibe auf hohen Kosten sitzen, verhelfe Adler zum finanziellen Erfolg und einem „Generalpardon“.

Die Mitarbeiter beharren darauf, dass es genügend Beweise für Untreue- und Betrugstatbestände gegen Adler gegeben hätte, dass sich aber sowohl der Rechtsanwalt der Stadt, Martin Krömer, als auch Teile des Aufsichtsrates auf die fristlose Kündigung versteift hätten und damit komplett gescheitert seien. Mit der Mutmaßung, ob Aufsichtsräte mit ihrem Verhalten den Tatbestand der Untreue erfüllt hätten und dem Gruß „Vielen Dank für gar nichts“ endet der Brief. Wie das Abendblatt erfuhr, sollen beide Mitarbeiter für diese emotionale Abrechnung angeblich abgemahnt worden sein.

Labradoodle Charly traf die Affäre vielleicht am heftigsten

Was es noch nachzutragen gilt: Die Affäre Adler hat auch das Leben einer im Heim gut bekannten Persönlichkeit nachhaltig zerstört. Labradoodle Charly. Er hat in der Auseinandersetzung zwischen Stadt und Jörg Martin Adler Herrchen und Heim verloren.

„Charly kam als Welpe zu uns, begleitete mich ins Heim und hat dort durch seine bloße Anwesenheit so manches Lächeln in die Gesichter der Senioren gezaubert. Die positive Wirkung von Hunden auf Demenzerkrankte ist wissenschaftlich bewiesen“, sagt Adler. Acht Jahre lang hatte Charly sein Zuhause bei Familie Adler. Da der Heimleiter das Tier allerdings offiziell als Therapiehund im „Haus im Park“ einführte, wurde dem Hund dies bei Adlers Rauswurf zum Verhängnis.

Adler wollte das Tier mit in den Ruhestand nehmen. Doch der Rechtsanwalt der Stadt bezeichnete Charly als Betriebsmittel des Heimes und untersagte die Mitnahme des Tieres. Später soll die Stadt laut Adler 11.000 Euro von ihm an Kosten für den Hund gefordert haben. Adler litt sehr darunter, dass ihm der „geliebte Vierbeiner“ genommen wurde. Der Hund blieb zunächst im Heim.

Später soll das Tier ausgerissen und verschwunden sein. Irgendwann wurde es in Ellerau wiederaufgefunden. Mittlerweile lebt Charly wohl bei der Familie, der er zugelaufen war.

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