Treibhausgase

Umbau der Moore: Wie aus Klimakillern Klimaretter werden

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Frank Knittermeier
Bartholomäus Kufner, Revierleiter der Försterei Hasselbusch, mit einem typischen Drainagerohr. Sie wurden vor Jahrzehnten verlegt und werden jetzt aus dem Mooruntergrund entfernt.

Bartholomäus Kufner, Revierleiter der Försterei Hasselbusch, mit einem typischen Drainagerohr. Sie wurden vor Jahrzehnten verlegt und werden jetzt aus dem Mooruntergrund entfernt.

Foto: Frank Knittermeier

Entwässerte Moore stoßen Millionen Tonnen Treibhausgas aus. Wie Schleswig-Holstein sie jetzt ökologisch entschärfen will.

Kreis Segeberg.  Etwa neun Prozent der schleswig-holsteinischen Landesfläche entfallen auf Moore. Das ist schön, aber diese Moore sind in der Regel die größten Klimakiller weit und breit. Weil die meisten Moore trockengelegt sind, stoßen sie jährlich Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid (CO2) aus. Im Kreis Segeberg wurde jetzt begonnen, ein großes Moor „umzubauen“, um mit großem Aufwand aus einem Klimakiller einen Klimaretter zu machen.

Wie schön ist es doch, in einem Moor spazieren zu gehen. Aber die Idylle trügt fast immer: Die Moore sind tatsächlich eher schädlich für die Umwelt. Der Grund: Seit vielen Jahrzehnten werden sie ausgetrocknet, um zum Beispiel Torf abzubauen.

Treibhausgase: Umbau der Moore – wie aus Klimakillern Klimaretter werden

Früher wurden Dränagen gelegt, um sie auszutrocknen, damit zum Beispiel Torf abgebaut werden konnte. Was einst als sinnvoll angesehen wurde, erweist sich heute als ein riesiges Desaster von lange ungeahnten Ausmaßen. Was in Tausenden von Jahren um jährlich einen Millimeter gewachsen ist, wurde von Menschenhand in einem relativ kurzen Zeitraum zerstört.

Aus einem trockenen Moor soll wieder ein nasses Moor werden. Das ist der Plan der Stiftung Naturschutz und der schleswig-holsteinischen Landesforsten. Er ist Teil des Programms Biologischer Klimaschutz der schleswig-holsteinischen Landesregierung aus dem Jahr 2020. Nass bis zur Bodenkante und nicht mehr trocken bis in fünf Meter Tiefe – das ist die Aufgabe, die alle Beteiligten bis 2030 verfolgen. Bis dahin sollen ungefähr 20.000 Hektar trockene Moorböden wieder vernässt werden.

2,8 Millionen Tonnen Treibhausgas kommen aus den Mooren

Denn trockene Moorböden sind die großen Klimakiller dieser Zeit. Sie stoßen alleine in Schleswig-Holstein jedes Jahr 2,8 Millionen Tonnen Treibhausgas aus. Macht man die Moore wieder nass, stoppen die Emissionen, nach einiger Zeit kann das Moor wieder anfangen zu wachsen, aktiv CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen und speichern. Das Moor wird also vom Klimakiller zum Klimaretter.

Das passiert zurzeit im stark entwässerten Grootmoor am Rande der kleinen Gemeinde Heidmoor im Kreis Segeberg. Dort ist seit einigen Tagen die erste Moorbaustelle dieser Saison in vollem Gange. Auf rund 73,23 Hektar wird hier eine seit 200 Jahren trockengelegte Fläche nach und nach wieder in ein intaktes Moor verwandelt.

Eine 73,23 Hektar große Moorfläche wird nach 200 Jahren wiedervernässt

Seit Mitte August sind die Bagger dabei, 6,4 Kilometer lange Wälle, neun Überläufe und drei Holzspundwände zu errichten. An 46 Stellen werden Gräben angestaut, um das Wasser auf der Fläche zu halten. Gebaut werden kann nur bis Februar, damit später die Vögel nicht beim Brüten und Rasten oder Amphibien beim Laichen gestört werden.

So sieht es aktuell im Grootmoor aus: Mit großen Spezial-Baggern, die mit breiten Ketten ausgestattet sind, werden Gräben gezogen, um alte Dränagen aus dem Boden zu ziehen. Überall sind diese Entwässerungsrohre zu finden – die älteren sind aus Metall gefertigt, die jüngeren aus Kunststoff. Vor vielen Jahrzehnten wurden sie hier von Zwangsarbeitern, später von Insassen der Justizvollzugsanstalten in den Boden gebracht, um das Moorgelände großflächig zu entwässern. Etwa 45 Kilometer lang sind die Rohre des Dränagenetzes.

Spezialbagger modulieren Wälle und ziehen Dränagen aus dem Boden

„Diese Fläche ist seit etwa 200 Jahren trockengelegt“, sagt Matthias Büttner, Sprecher der Stiftung Naturschutz. Zu erkennen sind neben den Gräben hohe Wälle, die später mit den Gräben, neun Überläufen und drei Holzspundwänden das Wasser auf der Fläche halten sollen. „Auf die Moorböden kommt es weltweit an, wenn der Klimawandel begrenzt werden soll“, sagt Matthias Büttner. Er weist aber auch darauf hin, dass es noch viel zu tun gibt, weil heute etwa 90 Prozent der Moore in Schleswig-Holstein entwässert sind.

Keine leichte Aufgabe. Denn bevor ein Moor wiedervernässt werden kann, müssen die oft kleinteiligen Flächeneinheiten zusammengeführt werden. Die Eigentumsverhältnisse sind oft nicht einfach zu klären. Die Stiftung Naturschutz kauft Flächen oder sichert sich die Vernässungsrechte von den Eigentümern.

Vor der Vernässung müssen kleinteilige Flächeneinheiten zusammengeführt werden

Anschließend muss für jedes Moor eine individuelle Planung angelegt werden, bevor die Bagger anrücken. Mathias Büttner: „Die Baumaßnahmen auf weichem, schwankendem Untergrund und das Modellieren der Wälle mit den riesigen Geräten ist eine echte Kunst, die nicht viele Unternehmen beherrschen.“

Nach erledigter Arbeit kommt durch Regen, Grundwasser, Quellen und Flüssen das Wasser zurück ins Moor – und damit auch die typischen Lebensformen. Schon nach einem Jahr hat die Vegetation das Moor zurückerobert. In einem regelmäßigen Monitoring wird verfolgt, welche Arten sich wieder ansiedeln und ob sich der Wasserstand wie geplant entwickelt. Im Grootmoor nahe der Gemeinde Heidmoor wird Lebensraum für Moorfrösche, Kreuzottern, Rotwild, Kraniche und andere Tiere geschaffen.

Treibhausgase: 717.500 Tonnen CO2 sollen bis 2030 eingespart werden

Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein hat das Ziel, bis 2030 durch Moorvernässung 717.500 Tonnen Treibhausgase einzusparen – etwa so viel, wie 72.000 Deutsche im Jahr ausstoßen. Auch das Henstedter Moor soll demnächst in seinen Urzustand zurückversetzt werden. Die Vorbereitungen dafür sollen noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Dann könnte die Renaturierung 2023 beginnen.

Vermutlich im Nordwesten und Osten des Moores, wo viele Grundstücke im Eigentum der Gemeinde und der Stiftung Naturschutz sind. Die Gemeinde Henstedt-Ulzburg hat für die vorbereitenden Maßnahmen 20.000 Euro zur Verfügung gestellt. Seit 2017 steht das Moor unter Naturschutz. Zuständig dafür ist der Nabu Schleswig-Holstein. Das Glasmoor in Norderstedt soll ebenfalls wiedervernässt werden – aber nicht in den nächsten acht Jahren. Es steht aktuell bis 2030 nicht auf der Liste der Moorrückbaumaßnahmen der Stiftung Naturschutz.

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