Paracelsus-Klinik

Gemeinde und Politik fordern Regierung zum Handeln auf

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Demonstration gegen die Schließung der Geburtsstation und der Gynäkologie der Paracelsus Klinik am 7. September.

Demonstration gegen die Schließung der Geburtsstation und der Gynäkologie der Paracelsus Klinik am 7. September.

Foto: Miriam Opresnik

Henstedt-Ulzburg und Tangstedt erwarten Schritte zum Erhalt der Geburtshilfe. FDP lädt zur Diskussion, Freitag berät der Landtag.

Henstedt-Ulzburg.  Es gab bereits diverse Appelle an die Politik, die Schließung der Geburtsstation und der Gynäkologie der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg zu verhindern. Jetzt haben sich die Gemeindevertretung und die Verwaltung in einer Resolution an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und die schleswig-holsteinische Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken gewandt. Die Entscheidung sei für „zehntausende Menschen nicht nachvollziehbar“, heißt es.

Es wird an das Jahr 2000 erinnert. Der Kreistag beschloss, das Krankenhaus in Kaltenkirchen zu verkaufen – „in dem Glauben, dass dort auch danach die medizinische Grund- und Regelversorgung gewährleistet sei. Ein offensichtlich großer Irrtum, denn unmittelbar danach wurde dort als eine der ersten Maßnahmen die Geburtsstation geschlossen. Es dauerte noch knapp 10 Jahre, dann war das ehemalige Krankenhaus Kaltenkirchen Geschichte.“

Geburtshilfe der Paracelsus-Klinik: Gemeinde und Politik fordern Regierung zum Handeln auf

Über 30 Millionen Euro an Fördermitteln seien an die Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg geflossen. „Nun scheint auch dieses Steuergeld verbrannt worden zu sein“, kritisieren Fraktionen und Rathaus scharf. „Dieser Vorgang zeigt einmal mehr, dass die medizinische Grund- und Regelversorgung nur in den Händen von privatwirtschaftlich geführten Krankenhäusern nicht gewährleistet werden kann. Es scheint daher ein umfängliches Umdenken erforderlich, um zukünftig für unsere Region eine zeitgemäße, medizinisch vernünftig ausgestattete und schnell erreichbare Gynäkologie- und Geburtenstation dauerhaft zu etablieren.“

Jetzt wird von Bundes- und Landesregierung gefordert, sich „für eine sachgerechte und ausreichende Finanzierung der Geburtshilfe“ einzusetzen, damit die Versorgung werdender Mütter und Neugeborener „dauerhaft vor Ort gewährleistet werden kann“.

Tangstedts Bürgermeister: „Finanzen dürfen nicht im Vordergrund stehen“

Auch im Nachbarort Tangstedt ist die Empörung groß. Einstimmig beschloss die Gemeindevertretung auf CDU-Antrag, sich den Forderungen unter anderem aus Henstedt-Ulzburg anzuschließen. „Eine Schließung der Geburtsstation hat in der Tangstedter Bevölkerung Unverständnis und Betroffenheit ausgelöst. In diesem Fall dürfen nicht die Finanzen im Vordergrund stehen, sondern die Menschen“, so Bürgermeister Jürgen Lamp. Für ihn ist die Sache auch eine persönliche: „Meine beiden Töchter, die heute erwachsen sind, sind beide in der Paracelsus-Klinik zur Welt gekommen.“

Der Schleswig-Holsteinische Landtag wird sich am Freitag, 30. September, vormittags (gegen 10 Uhr, Livestream) auf Antrag der SPD mit dem zunehmenden Wegfall von Geburtskliniken beschäftigen. Diese Schließungen müssten „sofort gestoppt“ werden, so die Sozialdemokraten.

SPD-Landtagsfraktion: Flächendeckende Geburtshilfe muss Daseinsvorsorge sein

„Die unhaltbaren Zustände in einigen Geburtskliniken aufgrund der Überlastung müssen beendet werden. Die Landesregierung hat dafür Sorge zu tragen, dass ausreichend Kapazitäten in den Geburtskliniken in Schleswig-Holstein vorhanden sind, um eine sichere Geburt zu gewährleisten.“

Sie sagen: Eine flächendeckende Geburtshilfe sollte Teil der Daseinsvorsorge sein. „Es braucht einen Paradigmenwechsel in der Geburtshilfe und Veränderungen der Rahmenbedingungen, damit Frauen eine sichere Geburt in ganz Schleswig-Holstein erleben und Hebammen in ihrem Beruf bleiben und kein Nachwuchsmangel entsteht.“

Paracelsus-Klinik: Ex-Gesundheitsminister Garg kommt zur Diskussion

Doch bislang scheint sich an der Tatsache, dass in den Stationen der Klinik Ende des Jahres für immer die Lichter ausgehen, nichts mehr verändern zu lassen.

Über die Zukunft der Paracelsus-Klinik möchte jetzt die FDP Henstedt-Ulzburg diskutieren. Dazu hat sie sich einen prominenten Parteikollegen eingeladen, der in der letzten Wahlperiode der Landesregierung selbst die Belange der Paracelsus-Klinik und aller anderen Krankenhäuser im Land verantwortete: Ex-Gesundheitsminister Heiner Garg.

„Die Zukunft der Paracelsus-Klinik ist nicht nur für Henstedt-Ulzburg, sondern die gesamte Region besonders wichtig und bewegt zu Recht viele Menschen“, teilen die Liberalen aus Henstedt-Ulzburg mit. Am Dienstag, 4. Oktober, von 18.30 Uhr an, laden sie zur Diskussion und Information ins Bürgerhaus Henstedt-Ulzburg ein.

Heiner Garg gelte laut FDP bundesweit als einer der engagiertesten Experten für die Neuordnung der Krankenhausfinanzierung. „Eine hochwertige Geburtshilfe ist für Eltern selbstverständlich eine wichtige Sache. Das Land muss daher aktiv werden“, sagt Garg. „Großer Handlungsbedarf besteht im Hamburger Umland. Als oberste Planungsbehörde muss das Land dafür Sorge tragen, dass keine geburtshilflichen Betten aus zum Beispiel betriebswirtschaftlichen Gründen in andere Betten umgewidmet werden.“

Diskussionsabend: Bürger sollen Flagge zeigen für die Klinik

Auch die Zukunft der gesamten Paracelsus-Klinik sei von großer Bedeutung. „Die Schließung der Geburtsstation zeigt einmal mehr, wie wichtig es, die Krankenhausfinanzierung patientenorientiert so zu reformieren, dass die medizinische Grundversorgung wohnortnah in der Fläche sichergestellt wird,“ sagt Stephan Holowaty, Fraktionschef der FDP in Henstedt-Ulzburg.

„Wir wollen daher mit dieser Veranstaltung auch genau dafür Flagge zeigen. Die Menschen hier in der Region erwarten zu Recht eine erstklassige und unkompliziert erreichbare Gesundheitsversorgung.“ Von dem Abend im Bürgerhaus, so Holowaty, könne ein klares Signal Richtung Kiel ausgehen. „Wenn Ihnen die Paracelsus-Klinik am Herzen liegt, dann kommen Sie am Dienstag ins Bürgerhaus!“, sagt Stephan Holowaty.

Paracelsus-Klinik: Petition der Hebammen hat über 6000 Unterschriften

Hebammen des Krankenhauses hatten vor einer Woche eine Petition gegen die Schließung der Geburtshilfe und Gynäkologie in Henstedt-Ulzburg gestartet. Vor fünf Tagen hatten sie bereits die Grenze der anvisierten 5000 Unterschriften erreicht. Aktuell hat die Petition, die an Gesundheitsminister Karl Lauterbach und Paracelsus-Klinik-Manager Sebastian Margaschewski gerichtet ist, bereits über 6000 Unterschriften eingesammelt.

„An Krebs Erkrankte und Frauen mit Wehen sollten kurze Wege zu einer Klinik haben, in der sie sich geborgen fühlen! Eine Kooperation mit der nächsten Kinderklinik muss eingerichtet werden! Für eine ausreichende Vergütung dieser wertvollen Arbeit muss gesorgt werden! Eine normale Geburt ist mehr als 1500 Euro wert!“, lauten die Argumente der Hebammen für die Petition.

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