Herold-Center

Ekel-Tiefgarage könnte Millionengrab für Norderstedt werden

| Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Burgmayer und Christopher Herbst
Meist ist die P+R-Tiefgarage unter dem Herold-Center stark ausgelastet. Das Parken ist derzeit noch kostenlos.

Meist ist die P+R-Tiefgarage unter dem Herold-Center stark ausgelastet. Das Parken ist derzeit noch kostenlos.

Foto: Christopher Herbst

Fast 100 Millionen Euro könnte die Sanierung der P+R-Anlage in Garstedt kosten. Der katastrophale Zustand wirft viele Fragen auf.

Norderstedt.  Für viele Menschen in Norderstedt dürfte es der widerlichste Ort der Stadt sein: die P+R-Garage unter dem Busbahnhof am Herold-Center. Ein beißender Gestank von Urin, Kot und Abgasen ist allgegenwärtig, überall liegt Müll, manche Wände haben braune Flecken und Handabdrücke, deren Ursprung man nicht wissen möchte. In einem Bereich haben sich zudem Obdachlose eingerichtet.

Andere Ecken sind dunkel und schlecht einsehbar. Und über den Köpfen flattern Tauben, die ihren Unrat auf Autos hinterlassen. Wer hier sein Fahrzeug abstellt, eilt so schnell wie möglich die Treppe hinauf, um wieder frei atmen zu können. Immerhin: Das Parken ist hier, anders als in Norderstedt-Mitte, derzeit noch kostenlos.

Ekel-Tiefgarage könnte Millionengrab für Norderstedt werden

Ausgerechnet diese heruntergekommene Tiefgarage könnte nun für die Stadt Norderstedt zu einen Millionengrab werden. Sage und schreibe 94,2 Millionen Euro muss Norderstedt möglicherweise in die Betonsanierung der Anlage stecken. Das sei laut Stadt zwar nur eine „erste, grobe und konservative Schätzung“, und es könne auch sein dass die Sanierung tatsächlich günstiger werde. Doch allein die Aussicht, derartige Summen in die schmuddelige Tiefgarage mit 395 Stellplätzen stecken zu müssen, sorgt bei der Kommunalpolitik für reichlich Diskussionsbedarf.

Um die Dimension zu verdeutlichen: Mit 94,2 Millionen Euro könnte man gleich zwei Versionen des gerade nach umfänglicher Diskussion um die Kosten endgültig beschlossenen Bildungshauses Garstedt (etwa 47 Millionen Euro) bauen. Oder zwei neue Grundschulen, jeweils mit Dreifeldsporthalle. Oder beinahe den kompletten Campus Glashütte, den zeitgemäßen Neubau des Schulzentrums Süd mit dem Lise-Meitner-Gymnasium und der Gemeinschaftsschule Ossenmoorpark.

Die Tiefgarage ist seit 1972 in Betrieb – und nun teilweise marode

Aber zunächst zur Frage, was denn überhaupt die Sanierung nötig macht. Dazu hält sich die Stadt noch relativ bedeckt. Die 1972 geplante und genehmigte Tiefgarage scheint offenbar in Teilen ihrer Betonstruktur und damit mutmaßlich auch in ihrer Standsicherheit angegriffen zu sein.

Im November 2020 wurde die Garage für die Vermessung der Anlage und der darüber liegenden Infrastruktur gesperrt. Ein externes Fachbüro vermaß die Garage mithilfe 3D-Punktwolken-Laserscans.

Welche Rolle spielt der Herold-Center-Anbau?

Die Betonkonstruktion der P+R Anlage unterhalb des Herold-Centers wurde dann durch Sachverständige begutachtet. Diese nahmen auch Materialproben. „Dabei stellen sich größere Schadensbereiche heraus, die weitere Untersuchungen nach sich ziehen“, teilte das Amt für Gebäudewirtschaft der Stadt mit.

Diese Untersuchungen laufen nach Aussagen der Stadtverwaltung noch. Und eine Rolle könnte dabei auch der über der Tiefgarage errichtete Anbau des Herold-Centers und die möglicherweise unzureichend berechnete Statik desselben spielen – das deutete die Stadt im Ausschuss nach Aussagen von Politikern an. „Zusätzlich zu den aktuell angelaufenen Notsicherungs- und Bauteiluntersuchungen finden Untersuchungen zum Brandschutz und zur technischen Ausstattung und zu den vertraglichen Verpflichtungen statt“, teilt die Stadt mit.

Detaillierte Aussagen zu Kosten und Terminen könnten erst dann vorliegen, „wenn belastbare Untersuchungsergebnisse vorliegen und die vertraglichen Verpflichtungen zu Nutz-und Wegegerecht der Nachbarn und Stadt geklärt wurden.“

Stadt Norderstedt ist als Eigentümerin zur Sanierung verpflichtet

In der Diskussion zur Abstimmung über den Nachtragshaushalt in der Stadtvertretung informierte die Stadtverwaltung die Kommunalpolitik, dass die Stadt als Eigentümer der P+R-Anlage vertraglich zur Sanierung verpflichtet sei.

„Was ist hier schiefgelaufen?“, fragt jetzt Thomas Thedens, Fraktionschef der Freien Wähler. „Wie kann man als Stadt die im eigenen Besitz befindlichen Anlagen derart vernachlässigen, dass nun eine Sanierung in Höhe von 94 Millionen Euro nötig ist?“

Freie Wähler zweifeln an, ob die Tiefgarage instandgehalten wurde

Thedens fragt sich dabei, ob Wartung, Pflege und Instandhaltung in der Tiefgarage überhaupt stattgefunden haben. Einige Plätze sind derzeit schon gesperrt. An der Einfahrt hängt seit Jahren ein Hinweisschild. Ab dem 7. Oktober 2016 (!) sei die P+R-Anlage „wegen Sanierungsarbeiten teilweise gesperrt“. Man solle die geänderte Verkehrsführung beachten. Handwerker sind indes nicht zu sehen.

„Fragen über Fragen, auf die es bis heute keine Antworten gibt“, sagt Thedens. Denn die Stadt wollte zwar, dass über 600.000 Euro für die Untersuchung und Arbeiten in der Tiefgarage in den Nachtragshaushalt aufgenommen und von der Politik beschlossen werden sollten.

„Aber für detaillierte Informationen zum Zustand und voraussichtlichen Kostenrahmen der Sanierung der Garage haben sie uns auf die kommende Woche vertröstet“, sagt Thedens. Erst entscheiden zu müssen und dann informiert zu werden – das hinterlässt bei dem Freien Wähler ein ungutes Gefühl. „Es ist wie in so vielen Fällen der Vergangenheit: Die Stadtverwaltung informiert uns nur unzureichend oder zu spät“, sagt Thedens.

Tiefgarage unter dem Herold-Center: Fraktionen haben viele offene Fragen

Er wollte nicht „ohne Detailinformationen mal eben 94 Millionen Euro“ durchwinken und verweigerte schließlich mit seinem Fraktionskollegen Sven Wojtkowiak dem Nachtragshaushalt die Zustimmung.

Nicht so Tobias Mährlein von der FDP. „Wir haben ja nicht die 94 Millionen Euro beschlossen, sondern nur einen Teilbetrag.“ Zur Sanierung der Garage hätten laut Mährlein alle Fraktionen viele offene Fragen. „Wir wollen mal genau erfahren, wie die Vertragsverhältnisse der Stadt bei der Garage sind und warum die Sanierung ganz bei der Stadt hängen bleibt.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt