Norderstedt

Wo sind Fachkräfte hin? Chef der Arbeitsagentur gibt Antwort

| Lesedauer: 6 Minuten
Michael Schick
Thomas Kenntemich, Leiter der Arbeitsagentur Elmshorn: Auch der demographische Wandel trägt zum Mangel an Fachkräften bei.

Thomas Kenntemich, Leiter der Arbeitsagentur Elmshorn: Auch der demographische Wandel trägt zum Mangel an Fachkräften bei.

Foto: Michael Schick

Thomas Kenntemich nennt im Abendblatt-Gespräch Gründe für den Mangel an Fachkräften. In diese Branchen sind sie abgewandert.

Kreis Segeberg.  Der Supermarkt hat die Öffnungszeiten eingeschränkt, der Handwerker vertröstet mich auf einen Termin in zehn Wochen, auch das sei noch unsicher, und beim Griechen hastet Mario schwitzend durch den Raum – „kein Personal“, sagt er kurz und bringt das Problem auf den Punkt: Fachkräfte fehlen, Auszubildende ebenfalls. Aber wo sind sie geblieben? Und wie lässt sich der Mangel beheben? Darüber hat das Abendblatt mit dem Chef der Arbeitsagentur Elmshorn, Thomas Kenntemich, gesprochen.

Hamburger Abendblatt: Die Pandemie hat die Gastronomie, den Veranstaltungs- und Tourismusbereich besonders hart getroffen, durch den Lockdown mussten viele Beschäftigte gehen. Doch inzwischen fehlen in fast allen Branchen Mitarbeitende. Wie kommt es dazu?

Thomas Kenntemich: Das ist ein komplexes Problem: Zum einen macht sich der demographische Wandel immer stärker bemerkbar. Immer mehr Menschen gehen in den Ruhestand, und es kommen nicht ausreichend Fachkräfte nach. Da rächen sich auch Versäumnisse aus der Vergangenheit.

Fachkräftemangel: Fehler der Vergangenheit rächen sich jetzt

Welche zum Beispiel?

Das gilt vor allem für Berufe, die eine gewisse Qualifizierung erfordern. Dazu zählen die Altenpflege und die Betreuung in den Kitas. Das wissen wir ja nicht erst seit gestern, dass es in diesen Bereichen zu einem gravierenden Mangel kommen wird. Doch leider wurde es versäumt, rechtzeitig die Weichen für genügend Nachwuchs zu stellen. Zum anderen zeigen sich auf dem Arbeitsmarkt die Folgen der Krisen, von Corona bis zum Ukraine-Krieg und den Energiepreisen.

Inwiefern?

Im Lockdown hatten diejenigen, die ihre Arbeit verloren hatten, Zeit zum Nachdenken. Es bot sich die Chance zum Neuanfang. Viele haben sich kritisch mit ihrem Job auseinandergesetzt und festgestellt: Woanders sind die Arbeitszeiten besser, und mehr gezahlt wird auch. Das hat zu einer Verschiebung zwischen den Branchen geführt, die es im übrigen schon immer gab, wenn auch nicht in diesem Maße.

Lagerlogistik: Entlang der A7 gibt es einen großen Bedarf

Das heißt: Die Arbeitslosen aus dem Gastro- und Veranstaltungsbereich sitzen nun an der Kasse im Einkaufsmarkt. Dann müsste es ja dort ausreichend Personal geben….

Dort haben der gleiche gedankliche Prozess samt Abwanderung beispielsweise in den Lager- und Logistikbereich stattgefunden – gerade im Nordgate-Verbund entlang der Autobahn 7 gibt es großen Bedarf an Mitarbeitenden in dieser Branche. Ob Rewe oder Boeing in Henstedt-Ulzburg: Fachkräfte für Lagerlogistik sind gesucht. Und dort gibt es, im Unterschied zum Handel, feste Arbeitszeiten. Durch den wachsenden Online-Handel werden auch immer mehr Fahrer gebraucht, die die Waren ausliefern.

Wie sieht es denn mit der Bereitschaft aus, nach der Zwangspause durch Corona an den Arbeitsplatz zurückzukehren?

Potenzial sehe ich bei den Menschen, die Kinder betreuen oder Angehörige pflegen. Da stellt sich die Frage: Wie attraktiv ist es, in den Job zurückzukehren oder die Arbeitszeit auszuweiten? Wie familienfreundlich ist die Arbeit? Welche Teilzeitmodelle gibt es, und welche Perspektive bietet mir das Unternehmen? Gibt es keine überzeugenden Antworten, bleiben die Menschen, überwiegend sind es die Frauen, zu Hause – und fehlen auf dem Arbeitsmarkt.

Arbeit ist nicht alles – Work-Life-Balance lautet das Motto jüngerer Leute

Wie macht sich die Work-Life-Balance auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar?

Gerade Menschen zwischen Mitte 20 und Anfang 30 legen Wert auf ein für sie ausgewogenes und zufriedenstellendes Verhältnis von Arbeit zu freier Zeit. Viele wollen beispielsweise nur vier Tage arbeiten oder sich durch andere Formen flexibler Arbeitszeiten den gewünschten Freiraum verschaffen.

Der Personalmangel legt die Vermutung nahe, dass die Zahl der Arbeitsplätze abgenommen hat. Stimmt das?

Nein, das Gegenteil ist richtig. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze im Kreis Segeberg ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. 2011 lag sie noch bei 77.880, zum 31. Dezember 2021 schon bei 95.784. Auch für die Coronajahre 2020 und 2021 verzeichnen wir einen Zuwachs. Das ist ein Indiz dafür, dass die Wirtschaft vor allem entlang der Autobahn 7 weiter wächst.

Nicht nur Fachkräfte fehlen, die Unternehmen suchen auch händeringend Auszubildende. Woran liegt das?

Auch hier sehe ich mehrere Ursachen. Nach wie vor wollen Eltern den höchsten Schulabschluss für ihre Kinder, und dem Abitur folgt eben häufig ein Studium, nicht immer die richtige Wahl, denn: Rund jeder Dritte bricht das Studium ab. Dabei bietet Deutschland mit seinem durchlässigen und vielfältigen Bildungssystem auch nach dem Mittleren Abschluss und einer Ausbildung immer noch die Chance, die Fachhochschulreife zu erlangen und zu studieren. Viel zu wenig bekannt ist, dass betriebliche Ausbildung inzwischen oft gleichwertige Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten im Beruf bietet.

Fachkräftemangel: Unternehmen locken Nachwuchs mit Einstiegsprämie

Wie gut bereitet die Schule auf die Berufswelt vor?

Unsere Berufsberatung arbeitet mit den Schulen Hand in Hand und ist vor Ort. Die Berufswahl sollte schon zum Thema werden, bevor die Berufsberatung in die Klassen kommt. Dazu starten viele Schüler im November in einen neuen Stärken-Parcours, in dem sie spielerisch erstmals ihre beruflichen Stärken erleben können. Aber auch die Betriebe sind gefordert, mehr Praktika anzubieten. Angesichts von mehr als 20.000 Studiengängen und mehr als 300 Ausbildungsberufen herrscht bei vielen Jugendlichen nach der Schulzeit Orientierungslosigkeit. Viele wollen sich nicht festlegen und die Entscheidung hinauszögern.

Angesichts von 517 Ausbildungsplätzen und 253 Bewerbern zu Beginn des Ausbildungsjahres 2022 in Norderstedt stellt sich die Frage, wie Unternehmen Nachwuchs gewinnen können.

Die Betriebe müssen sich umstellen. Früher konnten sie sich den passenden Azubi aussuchen, heute ist es umgekehrt. Die Unternehmen müssen aktiv und modern für sich werben, was viele auch schon machen. Sie nutzen Social Media, locken mit besonderen Angeboten wie Firmenwagen oder Einstiegsprämie und versuchen, die jungen Leute durch nachhaltige und sinnhafte Ausbildungsinhalte von sich überzeugen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt