Corona

Arzt, Verkäufer, Gastronom: So vorsichtig ist Norderstedt

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Elisa Heithoff
Andrea Schippmann von Herrmann Touristic hat für das Foto kurz die Maske abgesetzt. Viele Reisende nutzen in diesen Tagen flexible Tarife – inklusive günstiger Storno-Bedingungen.

Andrea Schippmann von Herrmann Touristic hat für das Foto kurz die Maske abgesetzt. Viele Reisende nutzen in diesen Tagen flexible Tarife – inklusive günstiger Storno-Bedingungen.

Foto: Elisa Heithoff

Hohe Inzidenz, aber trotzdem den Sommer genießen: So sehen die Menschen in der Stadt die aktuelle Corona-Situation. Eine Umfrage.

Norderstedt. Eine vierstellige Sieben-Tages-Inzidenz, vermutlich eine mindestens doppelt so hohe Dunkelziffer, quasi in jedem Bekanntenkreis gehen Corona-Infektionen herum. Immer mehr Menschen stecken sich an – viele nicht zum ersten Mal. Und das oft trotz mehrfacher Impfungen. Und doch ist der Alltag ein anderer als in den Vorjahren, die Masken sind selten geworden, die Menschen sind zwiegespalten im Umgang mit der Pandemie.

Besonders am Beginn der Sommerferien stellen sich viele die Frage: Sollte man lieber erneut rigorose Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um die gebuchte Ferienreise nicht zu gefährden, oder einfach versuchen, Corona zu verdrängen? Das Hamburger Abendblatt hat sich in Norderstedt umgehört.

Corona: Vorsicht oder Lockerheit – so sehen es die Norderstedter

„So viele Fälle hatten wir noch nie“, sagt Dr. Jochen Gerlach, Vorstandsmitglied im Ärztenetzwerk HUK & HAN. Die Fallzahlen hätten sich in den vergangenen Tagen massiv erhöht, Menschen aller Altersgruppen seien betroffen. In den vergangenen zwei Monaten habe er allerdings keine schweren Fälle behandeln müssen. „Ein größeres Problem ist allerdings, dass das eigene Personal ausfällt“, sagt Gerlach, der selber gerade online Sprechstunden aus der Quarantäne gibt.

Problematisch sei es auch, dass sich die Regelungen, die vom Gesundheitsministerium beschlossen werden, häufig änderten. „Die Arbeit wird massiv erschwert, und Ablaufe werden langsamer, teurer und aufwendiger“, gibt der Facharzt für Innere- und Allgemeinmedizin zu bedenken. Von Vorteil seien solche Änderungen bürokratischer Abläufe nur für die Krankenkassen, nicht aber für die Praxen, die schon vor Ort mit dem erhöhten Patientenaufkommen klarkommen müssten.

Täglich 200 bis 300 Leute in der PCR-Sprechstunde

Auch die Positiv-Sprechstunden beim Corona-Testzentrum am Rathaus in Norderstedt sind zurzeit wieder gut besucht. Etwa 200 bis 300 Leute kommen pro Tag vorbei. Es seien allerdings auch schon mal mehr gewesen, betont Betreiber Christian Leder von der Firma First & Safe. Die meisten Tests würden positiv ausfallen.

„Ich kann Ihnen ja mal was Lustiges erzählen“, sagt der Unternehmer. „Die Leute gehen aus der Positiv-Sprechstunde zum Bäcker oder zum Einkaufen und nehmen da die Masken wieder ab.“

Corona: Tochter und Baby liegen krank zuhause

„Ich find es einfach nur beschissen“, sagt die 71-jährige Hannelore Benz. Sie erzählt, dass Corona in ihrer Familie immer näher komme. Zurzeit liege ihre Tochter mit einem kleinen Baby krank zu Hause. Sie selbst könne nicht einmal vorbeikommen, um zu helfen. „Das geht einem schon ganz schön ans Herz.“, seufzt sie.

Hannelore Benz geht immer noch mit Maske einkaufen und ist eher vorsichtig, wenn es um das Thema Corona geht. Sie müsse auch auf ihre Gesundheit achten. Nur im Herold-Center setzt sie die Maske ab, da die Luft dort so schlecht sei.

Corona: Urlaubsplanungen haben sich verändert

Viele Norderstedter machen sich in diesen Tagen Gedanken um ihren Sommerurlaub. „Die Leute stornieren aber nur, wenn sie wirklich Corona haben“, sagt Andrea Schippmann, die bei der Herrmann Touristic GmbH an der Rathausallee arbeitet.

Das Flexiangebot, bei dem man einfacher stornieren kann, sei allerdings seit Beginn der Corona-Pandemie öfter gebucht worden; und es gebe größere Nachfragen nach Apartments als nach Hotels.

„Corona ein bisschen vergessen“

„Eigentlich bin ich nicht vorsichtig, ich versuche nur, große Menschenmengen zu meiden“, sagt Tamara Dorn, die gerade im Herold-Center sitzt und einen Mittags-Snack verputzt. „Ich versuche, Corona ein bisschen zu vergessen“, sagt ihre Freundin Stefanie Gonzalez.

Beide sind sich einig, dass sie im privaten Bereich nicht mehr wirklich aufpassen. Und das, obwohl sie nächste Woche in den Urlaub fahren.

„Die Kunden verhalten sich nicht wirklich anders, aber generell tragen immer weniger Leute Masken, und seit Beginn der Corona-Pandemie wird immer weniger eingekauft“, sagt Priyam Mehra, stellvertretender Leiter des Modegeschäfts Elara im Herold-Center. Er selber hätte früher auch große Angst vor dem Virus gehabt, nachdem es allerdings in seiner Familie fast jeder hatte, sei er nicht mehr besorgt.

Auch Thorsten Schenzel, gastronomischer Leiter der Hopfenliebe an der Rathausallee, merkt, dass es merklich ruhiger im Brauhaus geworden ist – vor dem Urlaub wolle sich eben niemand anstecken.

Obwohl die Pandemie nicht gerade förderlich für den Gastronomiebetrieb sei, könne er sich generell nicht beklagen. „Toi, toi, toi, bis jetzt läuft es an uns vorbei“, sagt Schenzel. Das Restaurant habe sich immer akribisch an die Hygienevorschriften gehalten, gerade, weil bei diesem Job der Kontakt mit Menschen nicht ausbleibe.

Corona Norderstedt: Kein Gedränge am Tresen der Hopfenliebe

Allerdings findet Schenzel es schade, dass das Virus das Verhalten der Menschen so stark beeinflusst hat. „Die Zweier oder Dreier-Reihen um den Tresen, die gibt es nicht mehr. Solches Gedränge findet man nur noch am Flughafen“, scherzt er – sein Fazit: „Es bleibt alles sehr spannend, herausfordernd und ansträngend.“

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