Karl-May-Spiele

Mystisch und emotional – Winnetou bringt Gänsehaut zurück

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Die Karl-May-Spiele am Kalkberg: Sascha Hödl vertrat Alexander Klaws als Winnetou bei der Premiere von "Der Ölprinz" und wurde von den Zuschauern mit Standing Ovations gefeiert.

Die Karl-May-Spiele am Kalkberg: Sascha Hödl vertrat Alexander Klaws als Winnetou bei der Premiere von "Der Ölprinz" und wurde von den Zuschauern mit Standing Ovations gefeiert.

Foto: Markus Scholz / dpa

Erst stört Extinction Rebellion, dann stürmen Banditen den Kalkberg. Am Ende von "Der Ölprinz" bleibt eine wichtige Erkenntnis.

Bad Segeberg. Bei Manitu! Was für ein Abend! Zwei Jahre lang mussten die Zuschauer auf eine Neuauflage der Karl-May-Spiele in Bad Segeberg warten - und dann das: Kurz vor der Premiere des Stückes „Der Ölprinz“ kam es am Kalkberg zunächst zu einem Unwetter mit heftigen Regenschauern – dann platze ein Umweltaktivist in die bevorstehende Vorstellung und unterbrach die offizielle Eröffnung von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther.

Als der Mann gegen 20.50 Uhr von den oberen Rängen auf die Bühne zulief und sich dabei „als wahrer Ölprinz“ ausgab, dachten die rund 7000 Zuschauer am ausverkauften Kalkberg zunächst, der Auftritt gehöre zur Show. Er hatte eine Erdölflasche bei sich, aus der er trank und Flüssigkeit verspritzte. Der Mann, der bei seinem Auftritt von anderen Aktivisten gefilmt wurde, war bereits zwischen den oberen und unteren Rängen angekommen, als Daniel Günther das Publikum über die Störung aufklärte. Das sei kein Teil der Show, sagte Günther und bezeichnete die Leute als „Klimaaktivisten“, die den Abend stören wollten. Daraufhin wurden die Aktivisten ausgebuht.

Karl-May-Spiele: Extinction Rebellion stört Premiere

Sicherheitsbeamte und Polizisten stoppten die Aktion und nahmen insgesamt acht Menschen der Umweltschutzbewegung „Extinction Rebellion“ in Gewahrsam. Sie hatten geplant, Plakate auszurollen. Darauf war zu lesen: „Winnetou würde fürs Klima reiten“ und „Stoppt die Ölprinzen – Rettet die Zukunft der Kinder“. Die Polizei hat Ermittlungen wegen des Verdachts des Hausfriedensbruchs, der Nötigung und der Körperverletzung aufgenommen.

Noch während die Umweltschützer abgeführt wurden, gab Daniel Günther um 20.54 Uhr den Startschuss – und katapultierte die Zuschauer mit einem lauten Knall in den Wilden Westen und mitten hinein ins Geschehen. Kaum hat er der Erzähler die ersten Sätze gesprochen, ging es auch schon los: Eine Gruppe von Banditen galoppierte auf ihren Pferden in die Arena und schoss um sich. Es knallte und rauchte, Staub wirbelte auf. Als der Ölprinz, gespielt von Sascha Hehn, auf seinem Schimmel in die Arena preschte, brandete der erste Szenenapplaus auf.

Karl-May-Spiele: Sascha Hehn hat als "Ölprinz" richtig Spaß

Es ist eine Freude, den ehemaligen „Schwarzwald-Klinik“-Arzt und „Traumschiff“-Stewart mal als Schurken zu erleben. Wer vorher Zweifel gehabt hat, ob der Publikumsliebling auch böse sein kann – dem wird innerhalb kurzer Zeit klar: Er kann – und scheint richtig Spaß daran zu haben, den fiesen Geschäftsmann Grinley zu mimen, dessen Seele so dunkel ist wie das schwarze Gold.

Als skrupelloser Betrüger will er mit einer angeblichen Ölquelle am Gloomy Water das große Geld machen: Wer ihm in die Quere kommt wird aus dem Weg geräumt – selbst vor dem Mord an seinem Bruder schreckt er nicht zurück. Selbstredend, dass Apachenhäuptling Winnetou, Old Shatterhand, Sam Hawkens und ein Treck Siedler die Pläne durchkreuzen. Und dann ist da noch der schöngeistige Kantor Hampel, der auf wundervolle Weise an Heinz Erhardt erinnert und im Wilden Westen eine Heldenoper komponieren will – und dabei zur Erheiterung der Zuschauer Takte aus Harry Potter, James Bond und Star Wars anschlägt.

Karl May am Kalkberg bringt Gänsehaut zurück

Soweit die Geschichte. Doch auch wenn es dem Autor Michael Stamp wieder einmal gelungen ist, eine fantastische Bühnenversion des Klassikers zu kreieren – die Handlung ist bei den Karl-May-Spielen fast Nebensache. Denn am Kalkberg geht es nicht um die Geschichte, es geht um das Geschehen, um das Erlebnis! Und das ist besser als Streaming, 3D-Filme oder VR-Schnickschnack. Weil es echt ist, authentisch. Die Zuschauer sehen hier nicht nur zu, sie gehören dazu, sind dabei, statt außen vor. Und dass macht die Karl-May-Spiele so einzigartig.

So ist es auch das, was am Ende des Abends bleibt: Die Erkenntnis, wie sehr das alles in den letzten Jahren gefehlt hat: die Gänsehaut, wenn Winnetou das erste Mal dicht zwischen den Rängen hindurchgaloppiert und die Titelmelodie erklingt. Die leicht mystische Stimmung, wenn der Adler dicht über die Köpfe hinweg segelt, die Indianer mit Fackeln in die Arena kommen und der Kalkberg in der Dämmerung angestrahlt wird. Das Lachen und Leiden. Klatschen, bis die Hände brennen.

Karl-May-Spiele: Emotionaler Moment beim Feuerwerk

Auch wenn Sascha Hödl den an Corona erkrankten Alexander Klaws sehr souverän vertrat und am Ende des Abends mit Standing-Ovations gefeiert wurde – einen anderen Part von Alexander Klaws konnte niemand übernehmen. Denn eigentlich sollte der Sänger passend zum Premierenfeuerwerk das Lied „You’ll Never Walk Alone“ live singen. Da er den Song jedoch bereits vor seiner Erkrankung im Studio aufgenommen hatte, konnte das Lied zum Glück eingespielt werden, während die Festspiele mit einem Feuerwerk beendet wurden. Ein emotionaler Moment.

Am Tag nach der Premiere reagierte die Kalkberg GmbH Bad Segeberg immer noch bestürzt auf den Vorfall mit den Umweltschützern. „Das Bittere ist, dass diese Störer in einem Theater für Unruhe sorgen, das in seinen Stücken seit Jahrzehnten für Umweltschutz und einen sorgsamen Umgang mit der Natur und Ressourcen einsetzt – auch diesmal“, sagt Michael Stamp, Sprecher der Karl-May-Spiele zitiert Winnetou: „Andere Weiße vergiften die Flüsse, verbrennen die Wälder und zerstören den Lebensraum von Menschen und Tieren. Wir müssen sie aufhalten, denn wer die Natur tötet, tötet sich am Ende selbst! Howgh!“

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